Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 11 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
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43 sie sagte ihm kein Lebewohl: er saß, Vas Haupt tief auf die Brust gesenkt, still brütend auf dem Stuhle, di« der Ausruf des Inspektorihn weckte, und ec sich schnell nach seinem Ardeitslocale begad. — Tief erschüttert, aber doch beruhigt, ging Scheda nach Hause. Am Abend erst frugen die Meyer'schcn Eheleute in ihrem Zartgefühl nach ihrem Erlebniß. Sie schilderte eS kurz und rccffend und auch ihre Freunde glaubten darin die Wahrzeichen der Besserung für Joseph zu erblicken. Die Worte Scheda'« hakten in diesem eine groß« Umwälzung hervorgedrachr. In seinen chaotischen GemüthSzustand war Klarheit gekommen. Es war nicht mehr bloS das Berlorengeden seiner eignen Persönlichkeit, eS war das ganze Bewußtsein seines Verbrechen», daS über ihn kam, und vor welchem aller einseitiger Unmuth, alle kindische Vorspiegelung von dem Unrecht, welche« die bürgerliche Gesellschaft an ihm verübt, wie Wachs vor der Sonne zerschmolz. Jetzt erst fühlte er die ganze Tiefe, in die ec herabgcstürzl, und die bösen Worte, die sein Ber» gehen dezeichneren, schlüpften unwillkührlich bei Tag und Nacht über leine Lippen. Da kam aber auch da- Gefühl der Schwäche und Hülslosigkeit über ihn; er schauele sich . um, wo er eine Hans erblicken könnte, die ec fassen, die j ihn hallen würde, um nicht in den grauenvollen Schlund j zu sinken, der sich unter ihm geöffnet; und da war es die Hand Scheda'«, die über ihm schwebte, die er noch j nicht zu berühren wagte, die. ihm aber doch im letzten j Augenblicke Hülfe uno Rettung zu verbürgen schien. — ( Scheda hielt aus» Wie sie in oem Hause Meyj er'«, dessen Frau immer mehr ihrer Kränklichkeit an» heim fiel, wie ein schützender Genius waltete, und in unermüdlicher Pflichttreue mehr that, als von einer Tochter oder Schwester hatte gefordert werden können: so ließ sie auch ihr Ziel niemals aus den Augen, und alle zwei dis drei Monate warb e« ihr gestartet, mir. Joseph eine Stunde zu verbringen. Diejer betrug sich ■ musterhaft in der Anstalt; er war die Pünktlichkeit selbst j in der Erfüllung seiner Pflichten, in der Leistung der von , ibm verlangten Dienste und Arbeiten, bescheiden und de» : sonnen, und dabei gegen seine oft rauhen und tückischen Strafgenossen so freundlich und hülfreich, gegen ihren et' . waigen Spott und ihre höoischen Aeußerungen so ruhig,! daß er sich die Ächtung feiner Aufseher und der' Borge-! setzten der Anstalt erwarb. Der Inspektor war zwar nicht der Mann, der deshalb in seiner Strenge nachließ und ihm etwas von der Härte seiner Strafe schenkte, aber! Joseph schien die» gar nicht zu suchen, vielmehr jede Dej mürhigung «rt» ein bitteres, aber wirksame« Heilmittel zu i betrachten. Hierdurch sowie unter den wiederholten Zusprachen Scheda'« beruhigte sich sein stürmische« Gemülh; \ ein frommer, kindlicher Sinn wachte wieder in ihm auf;! er erbat sich ein Gebetbuch und eine Bibel und verwandte seine Feierstunden, darin zu lesen. Was ist zäher als die; Menschennatur? Was ist elastischer, als ein« jugendliche j Seele? wie allmälig die Lasten, die sich auf die zarte > Pflanze gelegt, hinweggeschoben werden, richtet sie sich nach und nach auf, verwächst die Wunden, die ihr deigebracht worden, und schießt kräftig und geradeaus in die Höhe. So war es mit Joseph, und die zarte Hand Scheda'«, welche zwar nicht vorzeitig, sonder« nur nach und nach, wie ihr feine« Gefühl, ihr richtiger Takt ihr eingad, eine -J Last -es Gewissens nach der anderen von Joseph'« Seele hinwegnähm, war die kluge und sorgsam« Gärtnerin, welche den gebeugten Stamm ihre« Freundes wieder «mporrichtiste und kräftigte. AlS die drei Strafjahre ihrem Ende sich zuneigten/kam e« natürlich unter ihnen zur Sprache, ««« nun geschehen solle. Scheda war bereit, ihm ihr kleines Vermögen, worüber sie jetzt frei bestimmen konnte und dadurch drn von Meyer ihr ausgesetzten Lohn vermehrt worden, zu ubcrgeven, damit »r sich im .'tuslande, wo ihm oie« erlauvt wäre, niederlasse und ein Gewerbe zu betreiben anfange. Joseph verweigerte dies auf's Entschiedenste. Er-forderte von Scheda, daß sie ihm minkestens ein Probejahr gewähre, um in der Ferne allein sich zu de« wäbren und sein Glück zu begründen, so ihm Gott beistehe. Er wollte nach Frankreich, womöglich nach Parä«, wo er bei seiner Geschicklichkeit bald Beschäftigung zu fiü, den hoffte. Er wollt« von Scheba nur soviel annehmen, wie er bedurfte, um unvrrweilk dahin zu gelangen, und seine einzige Sorge war nur, wie er eine Legitimation erhalte, oie ihn dem Verdachte nicht aussetze. Hier war ks nua, wo der fonft so strenge Inspektor sich als ein Maün von Herz und Entschiedenheit erwies. Er verschaffte Zsoseph einen unverdächtigen Paß nach dem Auslände, und so kam noch einmal die Stunde der Trennung, in welker nur stumme ^Thränen dir Zeugen deheißen Gelöbnisse« von Seiten Joseph'« und des festen Vertrauens, ba«/in Scheba lebte, waren. Sie selbst verblieb auch ferneren in dem Hause Meyer'S. — < Wie oft würde da« Verbrechen und dessen Strafe m Läuterung und Besserung führen, wenn die treue Liebe bei ihm ausharren und ihm nach und nach seine giftigta Dornen addrechen würde? . . . Ader wie selten geschiehtdies? . . . Und darum so viele verlorene Seelen! . . . Es wahrte eine längere" Zeit, äl- Joseph geglaubt, Um sich im fremden Lande eine sichere Existenz zu gründen. ES vergingen zwei Jahre und darüber. Ader seinem Kleine, seiarr Pflichttreue, seiner Ehrenhaftigkeit und seinem Unerschütterlichen Streben gelang es doch. Ifnft so kam bir Stunde, wo er nach der Heimath eile«, seine über AÜeS geliedzoxund verehrte Scheda sich antrauen und mir Ehr zu stimm bescheidenen und arbeitumgedenen, aber darUm von Ul l sa mehr Frieden und dem Glücke der treu gewährte > Liebe umritten Heerde wandern konnte. D«« Verbrechen war auf immer von ihm gewichen — aber d e Liebe blieb in ihm für alle Zeit seiner Erdsa» pilgern ig. * , Der BergistungSprozeß in Berlin. Tagen Vergif Zeit Publik^» lich GünrH Georg Hardt Theile an ein- TV '( Db« Stadrschwurgericht verhandelte in de« letzten drei den Prozeß gegen den Restaurateur M ä d«r wegen ung. Der zur Anklage gestellt« Fall hat seiner hebliches Aufsehen gemacht und der Zudrang des ms zu den Verhandluygea war ein außerordmtßer. Angeklagt warm 1der Koch Karl Friede, r Mäder, 28 Jahr alt; 2) der Gefangenauffeher Heym; 3) der Tischlermeister I. F. W. Enget, and 4) die verwittwete Lohnlakai Krumpf, ged. Die Anklage gegen Mäber lautete auf Thetlnahme t vorsätzliche« Vergiftung von Menschen, so wie