Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 52 (1862) · p. Seite 206

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
52 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4908862-5999374-6026534--2314-4910699
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 206 — fafi gar nicht. Selbst wenn der entfesselte Stura, den man bisweilen Orkan nennen konnte, um das v in allen Seiten freistehende Hau» brauste, die Stufenlei ec vom pfeifenden Diskant bis zum brüllenvsten Baß dui hheulke, dann und wann auch wie Kaoonenfchtäge an Dich und Mauern stieß — was Anfang» den verwöhnten Städter die Seele mir Beängstigung füllte ward t ir diese mächtige Naturerscheinung bald sogar lieh, und ich schauete der Schlacht der Elemente vom sicheren Standpu ikte nnr einem gewissen Vergnügen zu. E» erhob meir t Seele, zu denken, wie der Mensch berufen sei, diese un> andere Kämpfe muthig und kraftvoll zu bestehen, bis ihm die Gefahr eine Gewohnheit geworden und ec mit den Hindernissen zu spielen gelernt. Drüben im. Parke b ach der Sturm riesigen Buchen die Kronen und Aeste b, - und warf sie in den Staub zu ihren voraufgegangenen stindcrn, den welken, modernden Blättern. 'Aber der zart Rosenstock, den de» Menschen Hand gepflanzt, vermochte er nicht zu knicken, denn die Hand, die ihn in den Schooß )er Erde gesteckt, hatte e» auch verstände^, ihn zu schützen. Freilich klopfte mir da» Herz, wenn ich in 2>ro rsen de» Orkan» jene» Verwandten und überhaupt der Menschen gedachte, die jetzt von einem schwankenden Bretterha ife getragen, von d«n Flügeln de» Sturme» über die hiuiuf» und hinuntergeschleuderten Wogen gejagt wurden. lder der Scharfsinn und die Gewandtheit de» Menschen verstehen auch diesen Gefahren zu wehren, und was ihne l hierzu fehlt, da» legen wir getrost in die Hände jene» c llgütigen Wesen», ohne dessen Lenkung wie im Geiste uv) in der Wirklichkeit nicht bestehen können. Sind doch die Stürme wo ur >de und Kämpfe, die wir in unsrem Inneren zu durchstreiten und zu überwinden haben, viel gefährlicher, herzzer eißenber, niederschmetternder, und reißen die Blüthen ode di« reifenden Früchte von dem Baume unsre» Lebens r iel mehr und viel schneller ad, al» alle Stürme der i Elemente. Wie gesagt, e» schaffte mir zuletzt ein wahre» öehägen, jenem Wüthen in der Natur zu lauschen, da» vir doch nichts anzuhaben vermochte. E» befestigte mein i vertrauen auf die Menschenstärke und meine Zuversicht auf di Gottesmacht. Wenn aber ein solcher Sturm verübe ist und seine gewaltigen Stöße werden immer seltener, undsiinemächtigen Töne immer schwächer, und Ruhe und Friel m kchren zurück, wa» gilt dann noch der nieberplätfchernt r Regen, der au» dem Schooße der träge geworbenen Wolke herunterströmt? Und welche Lust, wenn gar der Wind bi» Wolken zerstreut und den Himmel ganz klar gemacht hat und die glühende Sonnenkuqel steigt hinter den sanfte, Bergen herauf, welche den östliches Horizont begrenzen! Va» will dann der voraufgegangene Sturm noch sagen, der nur noch wie die große Hülle un» erscheint, au» w lcher der noch größere Edelstein Gotte» herausgekommen. Wie aber von Jahreszeit und Wetter, so r mßt Du Dich, lieber Leser, auch von der Politik emanzipir n. Ich meine nicht, daß Du an ihr keinen Theil neho est, daß Dir die großen Ereignisse der Gegenwart und die < Strömung de» politischen und sozialen Geiste» in all' ihren Wechsel und Wandel gleichgültig siiea — so wenig, roi wir an m vor und um uu» vor sich gehenden W chsel der Witterung underheiligt bleibe« können. E» ist etzr nicht mehr möglich, sich lediglich in seine Prrvatverhäli Nisse wie in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, und jeder Buchstabe, den wir lesin und jede» Wort, da» ein Bekannter zu un» spricht, knüpft dm Faden, wenn wir ihn durchßeschnittm hatten, an die politische Lage de« Tage» wieder an. Ader diese soll un» nicht leidenschaftlich affiziren, nicht in Sorge und Beängstigung stürzen, nicht mit Schmerz u^d Trauer un» erfüllen, da» Leven in unserer Familie u«D unsrem Gemüthe soll bei allem Interesse für den Gang der politischen Dinge nicht davon angetastet werden. Wie? wissen wir nicht, daß, od Licht und Schatten, Tag und Nacht, Frost und Hitze, Lenz und Herbst, Sturm und Sonnenschein mit einander wechseln, di« Erde ruhig ihre Bahn läuft, uuv auf ihre Oberfläche immer mehr und immer weiter von oen lieblichen und fruchlreichm Gewebe der Kultur, de» Anbaues, der Veredlung und Bereicherung überzogen wirv? So auch in der menschlichen (Gesellschaft, die, was auch bas Heute und das Morgtn dringt, wie sehr sie auch durch die ganze Windrose der Ansichten und Parteien läuft, doch ihr« von Gott vorgezeichnele Bahn vorwärt« gehr, ja vorwärts lauft, und die Herrschaft der Wahrheit, de« Recht» und de» Frieden» immer weit.r und fester ausbehnr. Wa» können da di« > kleinlichen Leidenfchaslen, die den Tag zu beherrschen und zu bewältigen scheinen, dagegen gelten? Wa» vermag da» niedrige Treiben gemeiner Triebe dagegm auSzurichten $ Au» diesem Gesichtspunkte müssen wir die politischen Wirren anschaurn und die Ruhe und die Sicherheit werden un» nicht fehlen. Ader wir frugen: wer ist glücklich? und wollten die Frage beantworten. Nun, lieber Leser, laß' e» Vit gefallen, neb» den vielen Sprüchen, die Vieser Frage eine bündige Antwort zu geben versuchten, auch den unsrigm zu vernehmen, ihn zu prüfen, und nach deinen Belieben zu billigen ober für unzureichend zu erklären. Glücklich ist, wer bahnt, waSerliebt, und der liebt, wa» er har. Erwartest du, freundlicher Leser, eine Auöeinanoersetzung dies,» Spruche»? Wohl nicht, solche Dinge wollen nachempfunden, und in» Herz gefaßt! nicht aber erst mir Worten demonstvirt sein. Ich setze da» Glück de» Menschen in den wahren Frieden de» Geiste» und Herzen» z aber nicht in den Frieden de» Tode», der Gleichgültigkeit, der ' Gefühllosigkeit, sondern in den Frieden, der au» der Uepereinstimmung und der Harmonie de» Wollen» und Er- „ füllen», de» Streben» und Erlangen», de» Verlangen»; und Erreichen», de» Sehnen« und Befriedigen» erwächst.; Uno darum ist r» die ruhige und bemessene Liede nach | allen Seiten und Richtungen hin, in welcher da» Glück de» Menschen beruhet, jene» Gluck, da» nicht den einzelnm Lichtstrahlen gleicht, welche auf diese oder sine farbige I Blume fallen, sondern dem herrlichen allgemeinen Sonnenlichte, welche» über die ganz« Flur sich legt, und durch , den ganzen Himmel schwebt, und dem Tage seine lichte, : goldige Färbung giebr, wenn' auch hier und da tiefer > Schatten ans kleine Strecken fallt, und hier und da eine kleine dunkle Wolke durch den Himmel fährt. Und darum ist e» nickt genug, daß man habe, wa» man liebt, sonbem auch daß man liebe, wa» man hat, damit wie einerseits die Gier und Leidenschaft nicht über den Krei» dessen! hinau»schweife, wa» wir errungen und haben, sondern i auch innerhalb diese» Kreise» nicht der Haß neben der j Liebe, nicht der Widerwille neben der Zuneignung, nicht i da» Abstoßen neben dem Umfassen niste, und eine» da»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.