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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 50 (1862) · p. Seite 198

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
50 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
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198 — spannter Aufmerksamkeit beigewohnr; man denke sich des Vaters Erstaunen, als' er ^ines Tages nach beendeter Lektion tea kleinen, -kaum fünfjährigen Sohn, der sich unbemerkt glaubte, ans Piano schleichen sah, und ihn die klden Fingerübungen genau ausführen hörte. — Darnuftfc lischt Talent Heinrich'- machte unter der Leitung seines % aters so auffallende Fortschritte, das er schon nach neun Mo raten das Es-dur-Tiio (Oeuvre posthume) von Beethoven in einer Gesellschaft zu Posen, — dem damaligen Wohnori r des Vaters — spielen tonnte. Zm Alter von 8 Jahrer und 9 Monaten spielt« er im öffentlichen Konzert zu Posen in Anwesenheit eineüberaus zahlreichen Publikum t bas 6 dur-Konzert von Hummel mir Orchester — fa t all« deutschen Zeitungen waren damals des größten Lobe« voll. Don seinem damaligen musikalischen Gehör wird e zählt, baß er im Stande ivar, sechs gleicher Zeit angefch lagene „Dissonanzen" herauszuhören, und sie sogleich mr der größten Sicherheit zu benennen *). Der jung« Ketten" vurde sofort 'dem ausgezeichneten Pianisten Hans v. B ilow und Kul lak', ferner Franz L iß r und Meyerdee: vorgestellt, welch Letzterer ihn als ein musikalisches„Phänöm n" erklärte. Franz Lißt nahm sich des Kindes liebevoll an, u id gab feinem Vater ein Empfehlungsschreiben an die Frau B rronin James y. Rothschild in Paris, bei welcher Gele! »nheil Herr Salamön Ketten als Kantor bei der Pariser israelitischen Gemeinde ausgenommen wurde. Herr Kett n ließ indeß seinen Heinrich, ungeachtet der größten Opferw lligkeit der kunstsinnigen Frau Baronin, noch in Berlin jurück, wo ihm Hans v. Bülow durch 10 Monate len gediegensten Unterricht unentgeldlich ertheilte. Sodann wurde der junge Künstler Zögling des Pariser Conservatorim is, wo er unter der Leitung de- Herrn Marmontel (Viano) und Ha-levy (Composition) feine Studien fictfrhte. Seine ersten, dis zum Jahr 1859 in Pari» e'itirtrn Klaviercompositionen heißen: „Premiere pensöe musico e, Paslorale, Absence et Retour" und Nocturne, ferner c n Trio für Piano, Bioltne und Violoncello, und eine Ba cärote. Von feiner «rf:en Composition sagte Halevy: „J’ai le jeune auteur jo'uer celte premi£re j>ensee qui en d'aulres, et j’ai fais mon compliment' au composite 1’execuUnL" Am 19. Jänner 1859 ^ad Heinrich ntendu »resage ir et ä Ketten 1; Dir kortnen dies au» eigner Anschauung bestätig n. Bei seiner damaligen Reise von Posen nach Pari» verweilte He r Ketten Vater mit dem Knaben auch in Magdeburg einige T«;e, und wir hatten Gelegenheit den letztere» m unsrem Hause n ederholr zu beobachten- Er war ein recht wilde» und spielige» K rd, aber sobald er an da» Klavier trat, kam der Ernst de» Man it» Über ihn, und die Pracifioo und der Ausdruck, mit welchcm er, < bgeschen von der technischen Fertigkeit, die schwierigsten «Stück spielte, versetzten in die größte Bewunderung. Wahrend da» Lind iu einem fernen Winkel de« Zimmer» mit Rasch- und i pielwerk beschäftigt war, legte der Barer die beide» Hände auf die Tastatur, so viele Töne wie möglich und ganz nach Zufall ans hlagead. Der Knabe aber benannte an» fernem Dinkel, ohne , x irren, alle die Töne, die angeschlagen worden. Auch wir spr> Heu den innigen Wunsch au«, daß die großen Erfolge, die der Hera r reisen de Jüngling schon erlangt hat, und die maanichfachen-Lerfi chuugeo, die auf seinem Wege liegeo, iho von dem rechten $ ade und Ziele nicht ableiten mögen. Besonder» wünschen wir, sdaß ihm seine Küuftlerlarfbahu, wir wir e« leider Ichon öfter erb bt habe», die Anhänglichkeit an feine Religion nicht au» dem Herz » bringe. Pari« har ihm bereit« gezeigt, daß gegenwärtig dem Mischen Künstler und Meister kein Hinderniß au« seinem &li üben erwachse. Die Redaktion de« Jüd. Volk» >lattr». unter Mitwirkung des berühmten Tenoristen Roger fein erstes großes Konzert mit Orchester im Herz'scben Saale zu Paris, in Anwesenheit eines sehr zahlreichen Publikums, und der Matadoren der Kunst: Meyerbeer, Halevy, Auber, Berlioz u. s. w. Jede Nummer erhielt stürmischen Beifall. Di« Einladung zur Mitwirkung in dirfem Konzerte beantwortete Roger in folgendem Schreiben: „Jeudi, 6. Janv. 1859. Monsieur. Sous l’impression profonde que m’a causee le talent veritablement extraordinaire du jeune Ketten votre fils, je me raels avec le plus grand plaisir k votre disposition pour-le concert qu’il doit donner le 19 courant. Je souhaite sincerement que Tons puitsiez obtenir des Administraleurs de l’Opera l’autorisation pour moi de contribuer ä reveler au monde musical une. Organisation toul exceptionnelie, et qui depuis Mozart peul-ttre ne me semble pas avoir en pareille.“ Einige Tage nach dem Konzerte bekam der junge Künstler vom Ministerium zu Paris eine jährliche Pension von 800 Franczugefchickt, welche ihm der Herr Staat-minister Fould aus freien Stücken uner dem Titel „Encouragement“ bewilligte. Noch in demselben Jahre unternahm Heinrich Ketten eine Kunstreise nach England, wo er ln London und im Schlosse der Königin str Windsor auftrat, und sowohl durch sein ausdrucksvolles Spiel klassischer Compositionen wie auch durch seinCompositionstalenr verbiente« Lob erntete. Im Schlosse zu Windsor gab ihm Prinz Albert ein Thema, über welcheer in so gelungener Weise phantasirte, daß die Königin Viktoria unter den Anwesenden den meisten Beifall spendete. Heer Heinrich Ketten folgte unter Anderem auch einer Einladung des Herzog» Maximilian von Baiern, welcher dem Künstler mit einem sehr schmeichelhaften Empfehlungsbriefe belohnte. Ketten ist indessen der Liebling der höheren Gesellschaft von Paris geworden, fürstlich« Salons überhäufen ihn'mit Einladungen und in dem in diesem Jahre im Saale Herz abgehaleenen letzten Konzerte haben die ersten Sänger der großen Oper dem jungen Künstler die seltene Auszeichnung erwiesen, bei der von ihm componirlen „Cantate" mitzuwirken. Außer zwei Cantaten har Ketten auch einen in Paris bereits aufgeführtm „Psalm" componitt. welch« sehr belobte Composition er auch dem hiesigen israelitischen Kultusrempel zur Aufführung übergeben wird. Einrn schmerzlichen und unersetzlichen Verlust erlitt Ketten durch den in diesem Jahre erfolgten Tode feines Lehrers Halevy, welcher ihn wie ein Vater aufnahm und alS seinen besten Schüler auszeichnete. Wir setzen indeß unsere Hoffnung und unser Vertrauen in jenen Mentor, welcher in dem jungen Künstler selbst fortlebr, in seinen „Genius" nämlich, der ihn durch die Anfechtungen, Versuchungen und Irrwege des Lebens glücklich zu dem reinen, ewigen Rubmestempel der Kunst hinangeleitea wird.! Wanderungen durch die Wüste »ach dem Sinai. Bon Konstantin Tischendorf.? (Fortsetzung.) 1 Fragen wir nun weiter, welche Analogie zwischen dem : heutigen Manna und dem ehemaligen Himmelsdrvt» der! Israeliten stattfinde, so hat die Antwort freilich ihre

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