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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 49 (1862) · p. Seite 195

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
49 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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195 aber war solch «in Hausirer, bei d,m All«- zu haben und Alleaazubringen war, eine eigenrhümliche Figur im Dorfe. Jedermann kannte ihn und er blieb doch immer ein Fremder. Alich in Waldhausen Pfarrer war, hatten wir solch einen Hausirer, der fünf Tage ln der Woche im Dorfe daheim war, ohne sich je ansaffig zu machen. Sein Hei« mach-ort war acht Stunden von uns entfernt, und in der Regel war er schon Sonntag in der Frühe bei un»; er wanverte die Nacht hindurch mit feinem schweren Quersack den weiten Weg. Er hatte nicht- Zudringliche-, und ich erinnerte mich bei ihm gern «ine- Worte-, daeinst bei - unser« Landstanden ausgesprochen wurde. E» war da viel ' davon die Rede, wie gefährlich die Hausirer seien, wie sie \ die Menschen zum Ankauf von Dingen verleitM, deren sie! nicht bedürfen, und da sagte em alter trocken witziger! Professor: „Ja wohl, ich kenne die Gefährlichkeit dieser Wegelagerer auch. Ich gehe einmal vom Collegium nach Hause, und da hält mich am hellen Tage auf offener Straß« solch ein Wegelagerer von Hausirer an und fragt mich: „„Nichtzu handeln /"" Ich sage Nein und . . . da war die Gefahr vorbei." Unser Hausirer war ein Jude mit Namen Herz oder Hirz, waeigentlich Hirsch heißt; Jedermann aber kannte ihn unter dem Namen Lederherz. In meinem Dorf« war es nämlich der Brauch, daß di« Lauem sich große Spangen Sohlleder kauften, um benöthigten Fallbeim j Schuster zur frischen Besohlung Stücke auder Spange au-schneiden zu lassen. Der Lederherz lieferte den Borrath, f und dazu trug er noch sein Schild mir sich herum; denn! die Ellenbogen seine- Rockewaren mir Lederstückea besetzt, j in Herzfom ausgeschnitten. > Ich war bald ein Jahr im L)orfe, der Lederherz hatte nie versucht irgend ein Geschäft mir mir zu machen. Meiner Frau kaufte er indessen die Fedem von unser« Gänsen ab, und sie machte auch zuweilen »inen Tauschj Handel mit ihm, wobei sie mir oftmals seine Redlichkeit > und Klugheit rühmte und mir auch von seinen Leben-- [ Verhältnissen erzählte. Er war der älteste von vier Ge« schwistern und hatte, wie er sagte, „da- Heirathen ver. säumt"; denn er mußte für die Andem sorgen, denen er auseinem Erwerbe zur Begründung eine- Hau-standeverhalf. Jetzt, sagte er, habe er'- leicht, denn er habe nur noch feine alt« bald achtzigjährige Mutter zu ernähren. Erst im zweiten Winter wurde ich. selbst mit ihm bekannt. Er war auf die Bedürfnisse aller Menschen bedacht, und so brachte er mir hohe Pelzstiefel, die ich jetzt noch Hab». Er erklärte mir mir klugem und gutherzigem Lächeln, daß ich die Stiefel haben müsse, wenn ich im strengen Winter nach meinem Fiiial oder nach de« entfernten Bauernhöfe» zu Krankenbesuchen fahre. Er trank bei un» eine Taffe Kaffee — eine andre Speise nahm er nicht — und ich gewährte e» ihm gern, baß er dabei sein schwarze» ühammettäppchen aussetzte. Ich bezahlte ihm den Kauf, peri» für die Stiefel sogleich daar; er sagte, da- Hab« ja nicht solche Eile, aber ein eigner Glanz trat in sein große», dunkle- Auge, al» ich ihm da- Geld darreichte und dabei in hebräischer Sprache den Der- 14 und 15 au- 5. Buch Mose- Capitel 24 sprach: „Du sollst dem Dürftigen und Armen feinen Lohn nicht Vorbehalten; er sei von deinen Brübem oder von den Fremdlingen, die in deiam Thoren sind. An demselben Tage sollst du ihm seinen Lohn geben, nd esoll die Sonne nicht darüber untergeben." Der Lederherz war eine lange, knochenstark« Gestalt; chan sah eihm aber an, daß er sich schlecht nährte. Denn ch- Tag« in der Woche lebt« er fast nur von Kaffee und f artvffeln, nur selten, gönnte er sich eine Eier» öder Mehleise, di« er de seinem Gastfreunde, dem Schuster Lipp, in eigenem Geschirr selbst bereitete. Mit dem Schuster Lipp lebte er ist inniger Freundschaft, die sich aber fast Nur in beständigen Neckereien und Retigion-streitlgketten kund gab. Der Schuster Lipp war ein.Schriftgrübler und suchte feinest Freund zu unferm Glauben zu bekehren; qver der Lederherz hielt ihm tapfer Stand, und seine geohnliche Entgegnung war: „Einewenigstenkönnt ihr nnicht vorweofen. Wir suchen nie einen Ander-gläubigen bekehren." : Ewar in meinem letzten Winter in Waldhausen, ir Hanen fast drei Monaie ohne Unterbrechung steife Kälte, der Lederherz kam seit zwei Wochen nicht in'- Dorf, man vermißte ihn allgemein, und ehieß, er müsse schwer krank oder , gar schon gestorben sein. Lipp sagte, wenn er auch diese Woche nicht käme, so wandre er nach seinem Heimath-dorf. Am ersten Sonntag nach Neujahr kam aber der Lederherz und schleppte sich mühsam mit seinem Pack dizum Hause seine- Gastfteundes. Keuchend sagte er: „Ich hätte daheim dleibm sollen. Ader Gottlob, daß ich bei Dir dins, Lipp." Der Lederhftz sah noch abgehärmter aualsonst, und auf der linken Seite war die Baue seine- Rockegewaltsam zerrissen. Lipp wußte, baß daein Trauer-eichen sti, und Lederherz berichtete, baß seine Mutter gestorben sii und er deßwegm so 'lange nicht gekommen war. „Und jsetzt bin ich ftlber schwer krank," klagte er. „Dawar mein letzter Gang. Nun denn in Gotte- Namen, wenn ich draußen starben soll und nicht daheim, sterbe ich am liebsten bei Dir. Ich fürchte, ich hon morgen deinen Hahn nicht mehr krähen. Schick' foLleich eine» Boten nach meinem Dorf: Mein Bruder und wer sonst noch will und kanst, soll zu mir kommen und bet mir sein, wknn ich sterb^.", Der Schuster Lipp sucht« ihm seine Aeagstlichkeit au-zureden und scherzte darüber, th.tt aber doch schnell Alle-, um e- Tfan Gastfreunde so behaglich almöglich zu machen. Daeinzige Belt, dain der Warme stand, da» Himmelbett in der Stube für die Große Mutter, wurde ihm eingeräumt, und bald schnatterte Lederherz, vom Fieber geschüttelt. Der Arzt kam glücklicherweise gerade in'« Doxf, er besuchte den Kranken, und beim Deg^ «hea, al- Lstw kummervoll fragte, zuckte er dj-^ Achseln, ipp wurde leichenblaß; aber zum Kranken zurückgekehrt. -ar er sorglo- „Jch habe und suchte ihn aufzumuntern. heut« noch nicht gebetet," tlagtt der Kranke, ,^Du weißt, nste ich meine Gedetriemen anlege; hilf mir, ich kann mich nicht' regen." Lipp half dem Kranken die Gebelriemm um die Stirne und den linken Arm legen und sagtt endlich lächelnd: „So, jetzt kannst du besser kutfchiren." Mit schwacher Stimme wehtt« der Kranke ab: „Mach' jptzk keinen Spaß, rhu' danicht. Du versündigst Dich. Ich nehme Dir'- aber nicht Übel. Da, gled mir die Hand, und ich bitte Dich, verzeih' mir auch Alle-, wa» ich Dir je zu Leid« grkhaa oder geredet, und wenn mich n^ein Bruder und die Andem nicht mehr am

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