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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 45 (1862) · p. Seite 163

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
45 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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179 Züge, die straffere militärische Haltung, die Sicherheit seiner Bewegungen einen höchst günstigen Eindruck. Die Fülle der eigenen Empfindungen, als er sich in die Arme seiner Eltern warf, verhinderte ihn, alsbald die Befangenheit zu bemerken, welche bei aller Wärme die alten Leute beherrschte. Aber aler nun Vater und Mutter umarmt hatte, die ersten Freudenthränen getrocknet waren, und sein Auge fucdre noch nach einem anderen Wesen, nach .iner anderen geliebten Gestalt, und fand sie nicht; und di« Frage zögernd über feine Lippen drang: „Wo ist Rosa? ist Rosa denn nicht da?" da mußten ja die Alten gleich mit der Wahrheit heraus, so gern sie dieselbe eine Zeitlang verhüllt hätten. Mit einigen beruhigenden Worten anfangend, und in besonnener Weise, wie er eS sich klüglich ausgedacht, berichtete Salme seinen Sohn alles Geschehene, der mir steigender Spannung, mit wechselnder Farbe, mit klopfendem Herzen, Satz nach Satz hörte, und als er endlich da- Letzte, da- Unerhörte vernommen, bleich wie der Tod auf den nächsten Stuhl sank, und das Haupt in seine Hände barg. Kein Laut entschlüpfte ihm, regungslos saß er da, nur die stürmisch auf und nieder wogende Brust zeugte von den Bewegungen seines Inneren. Lange Zeit saßen die alten Leute um ihn her, und nur dem Herzen der Mutter entschlüpfte von Zeit zu Zeit ein tiefer, schmerzlicher Seufzer. Da trat endlich diese an ihren Sohn heran, legte ihre zitternde Hand auf sein Haupt, und sagte, mit schluchzender Stimme: „Daniel, mein Sohn, verzweig nicht. Habe Vertrauen auf den Gott im Himmel, der dich vor dem dösen Feinde und seinen Kugeln geschützt, der der Barer der Weisen ist, und die Unschuld nicht unrergehen laßt. Vertraue aber auch auf die Standhaftigkeit Rosa's, die sich gegen alle Angriffe zu vertheidigen wissen wird. Du darfst jetzt nicht verzagen, lieber Daniel, sondern mußt etwas thun!" Bei diesen Worten seiner Mutter hob Daniel seinen Kopf empor. Sein Gesicht war ruhig und fest, und nur die höhere Röthe, die es bedeckte, verrieth den Sturm, der in ihm gewogt. „Du hast Recht theure Mutter; wie wollen zu Gott beten und vertrauen, ich aber muß handeln!" Hierauf erhob er sich, trat zum Vater und sprach: „Ich werde mich jetzt umkleiden, einen Gang im Dorfe machen, und umerdeß, lieber Vater, besorgst Du mir einen Wagen, denn nach meiner Rückkehr muß ich sofort nach H. fahren. Gott hat meinen Sinn erleuchtet, und inir einen Gedanken eingegeben, der mir einen Ausgang zeigt." „Wohin willst Du gehen, mein Sohn?" wandte ihm der Vater ein, „doch nicht — zum Trafen?" Di« letzten Worte kamen zögernd und mit ängstlichem Au-bruck au» dem Munde des Greises. Der Sohn fuhr auf. „Wie kannst Du so Etwas denken, Barer! Zu diesem Abgrund von Schlechtigkeit und Undank» darkeit, zu diesem Abschaum von Bosheit, was sollte ich da? Mich etwa seinen Gewaltthärigkeiten aussetzen? Möchte ich doch fast die Stunde verwünschen, in der ich mein Leben für das Seine eingesetzt und damit eine Saat gesäet, aus der mir so viel giftiges Unkraut entsprossen ist . . . Doch Gott wird entscheiden! Nein, zuerst will ich Euch Ruhe schaffen, und bann will ich mir meine theure arme Rosa aus den Klauen de- Verräthers holen." Nach kurzer Zeit erschien Daniel wieder, und diesmal in der neuen Uniform, die er sich in Frankfurt angeschafft hatte, und mit seinen Ordenszeichen auf der Brust. Er verabschiedete sich von seinen über bas glänzende Aussehen ihres Sohnes hoch erfreuten Eltern, und nahm seinen Weg zu dem Schulzen de» Dorfes. Es war dies ein begüterter und unabhängiger Bauer, dessen geistiger Gesichtskreis freilich nur besch.'äntr war. Ergab seine Freude über Daniels Ankunft in herzlicher Weise zu erkennen, und meinte, baß er froh sei, feinen guten Rathgeber wieder zu haben, der ihn so oft aus den Verlegenheiten mit den Franzosen geholfen habe. „Guter Rath ist theuer, und ich gestehe, daß ich davon keinen großen Vorrath in meinen Scheuern habe." Daniel rückte denn auch sofort mit feinem Begehr heraus „Was ist bas, lieber Schulze," sprach er, „was hier vor sich geht? Ihr habet Euch ein schöne« Joch vom Herrn Grafen auf den Nacken legen lassen, wozu weder er noch Ihr bas Recht habet. Wir sind Unterhanen de» Königs und keines Grafen, und kein andere« Gesetz gilt hier, als da«, davon unsrem Landesherrn ausgehet. Haben wir die Geißel der Franzosen mir der Waffe in der Hand zerschlagen, um uns nunmehr von der Geißel des Herrn Grafm von Batters» dorf peitschen zu lassen? Wer ist hier Obrigkeit, wenn nicht Ihr, Schulze? Wer darf hier Steuern und Dienste ausschreiben, wenn nicht die Regierung de-Königs? Wer darf hier Einwohner vertreiben, und die Erlaubyiß zur Niederlassung geben wollen? Ich muß Euch bafir verantwortlich machen, und fordere Euch auf. Eure Schuldigkeit zu thun!" Nach dieser kernigen Ansprache theilte er dem Schulzen das Verfahren des Grafen gegen die Frau Frummer mir, und um ihm alle Zweifel zu nehmen, holt« er ein Zeirungsblatt hervor, welche« er glücklich« Weise in seinem letzten Nachtquartier gefunden, und in welchem eine königliche Proklamation stand, durch welche den wiedereroberten Provinzen die Rechte und Gesetze garantirt wurden, die in ihnen vor» gefunden würden, und vorläufig alle Beamte und Personen, die ein Amt bekleiden, in diesem bestätigt wurden, dis spätere Verfügungen getroffen werben würden. Bei Lesung dieses Akteustückes athmete der Schulze frei auf. denn der Herr Graf hatte die 'Bekanntmachung desselben in seinem Umkreise wohlweislich verhindert: „Na,", sagte der Schulze, „das ist gut. Meiste Bauern sind so schon schwierig, weil sie die Befehle des Grafen nicht ausführen wellen. Sie sind allesammt aufsässig, aber das Wort unsres König« wird sie beruhigen. Was hätten wie aber nun in Eurem Fall« zu thun, Daniel?" „Da« ist nicht schwer zu finden, Schulz«. Ihr müßt Euch, sobald der, Büttel des Grafen wieder in meine« Vater- Hause erscheint, mir Eurem Amt-stade dahin begeben, und dem Geschöpf des Grafen erklären, daß er hier gar nichtzu suchen und zu defehlm habe, und daß, wenn er sich wnrerstehen würde, wieder zu kommen, Ihr di« Bauernschaft aufrufen würdet, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, und daß Ihr dann i nicht für das einstehen könntet, was die aufgebrachten Bauem thun würden." Der Schulze nickte feinen ganzen Beifall zu, und versicherte, baß er da- Haus des alten Salme wie das seinige bewachten und mit aller Kraft vertheidigen wolle; man solle ihn nur vorkommenden Falles sogleich rufen lassen. Daniel fühltt sich von diesem seinem ersten Erfolge sehrermuthigt, theilte seinen Eltern freudig das Resultat seines Ganges mit, und bestieg den Wagen, der ihn nach H. dringen sollte.! (Forts, folgt.)

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