Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 45 (1862) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
45 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4908862-5999374-6026522--2279-4910671
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

178 — feine Leute zu gut, um irgend eine Hoffnung sar sich daraus zu schöpfen. Seine Verzweiflung steigert« sich daher mit jeder Stunde, seine Rathlosigkeit nahm zu und nun stand noch bevor, daß der Büttel käme und die alte Frau auS seinem Hause und aus dem Dorfe würfe. Mitten in Diese traurige Lage und Stim nung kam der^Postbote und brachte einen Brief von D> niel. Als der alte Vater die Schriftzüge seines Sohn«; erblickte, erAciff ihn ein Zittern am ganzen Leibe. W e ein Blitz ging ihm der Gedanke durch die Seele, daß e> de» Kelch seines Leibes nunmehr au-gelrunken habe, unl daß dieser Brief den Wendepunkt seiner Prüfungen bez«ich »e. Kaum vermochte er den Brief zu halten, daS Briefgell zu zahlen, und den Umschlag abzulösen. Endlich hatte er Fasstmg genug, um die Schrift zu - lesen. Nach den Eingangsworten theilte Daniel seinen Eltern und de»» geliebten Mädchen mir, waS ihm bei und seit jener Erstürmung d«S Dorfes begegnet, beschrieb ihnen in schöner rstrr Weise seine Verwundung und die Art, wie er Pflegt und Heilung gefunden. „Der Gnade deS Vaters im Himmel", fuhr er fort, „habe ich eS zu danken, daß'ich fast ohne ärztliche Hülfe wieder genesen bin. Freilich hac der rechte Fuß seine alte Gelenkigkeit nicht wieder erlan« t, und ich muß für mein künftiges Leben allen Laufen und R nnen entsagen, da der Fuß steif geblieben- Dies bewirkte der a auch, daß ich vorläufig meinen Abschied erhalten habe, ixrS ich um so weniger zu bedauem habe, da daS hohe Zi l, welchem auch ich meine Kräfte gewidmet hatte, erreicht ist, und in kurzer Zeit die Verbündeten ihren Einzug in Paris halten werden. Dieser Abschied, Geliebte, wirb Eu<, aber auch durch daS erfreuen, waS damit verbunden war. Außer dem ehrenvollsten Zeugniß, wie ich eS mir bester hätte nicht ttäumen können, beglückte mich unser Kön g mir dem eisernen Kreuze, dem auch der russische Geor Morden zug^sellt ist. Sie wurden mir ertbejlt „in Fol,< erwiesener Tapferkeit bei der Erstürmung de- Dorfes N." Dies freilich vermochte noch nicht mir die nothitzei Reizmittel nach der Hrimath zu verschaffen, da selbst eine lnterftützung aus der Kaste des weitentfernten Regiment« r rir erst nach langer Zeit zu Hause auSgezahlt wird we den können. Ich nahm daher rasch entschlossen Abschied von meinen treuen WirthSleuten, nahm eine Gelegenheit vahr, begab mich nach Srraßburg und stellte mich da de > Vorstehern der dortigen Judengemeinde vor. Meine Pa iere machten den besten Eindruck, man zahlte die Reisekostei nach Frankfurt am Main für mich und gab mir noch ine Empfehlung mit. ES war dies gewiß sehr viel v m ihnen, da ich -doch eigentlich zu den Feinden ihre« Laibes gehörte. Aber sie meinten, rin jeder Jude, der Parri itismu« und Tapferkeit beweise, mache allen Juden Ehre ui > zerstreue die Doruttheile, die noch auf uns lasten. Ja Frank ürt am Main sollte eS mir noch besser ergehen. Al« ich, mit meinen Ehrenzeichen geschmückt, bei dem ersten Vor nahm er mich wie einen Sohn auf, zog eher erschien, ich an seinen Tisch, und äußerte sich dahin, daß, da ich her erste Jude rr sei, der aus dem glorreichen Krieg« und zwar Ehren zurückkehre, so imüffe auch etwa« besondere« für große Häustr So nöthigle man mich aber auch einige Tage länger hier zu berweilen, als ich beabsichtigt hatte. Vor einer Stunde ma kam der mich geschehen. Ee führtemich in mehrere ein, wo ich höchst respektvoll behandelt wurde. mit so vielen erste Vorsteher zu mir, und ersuchte mich als Zeichen der Achtung und Theilnahm« seitens der Gemeinde die Summe von 500 Gulden anzunehmen. Ich weigerte mich zwar, und sagte, daß e« mich beschäme, für die schwachen Dienste, die ich meinem Vaterlande geleistet, eine Belohnung an Geld anzunehmen. Jener aber drang in mich, und meinte, ich könnte leicht im elterlichen Hause zerrüttete Verhältnisse treffen, die durch meine Abwesenheit verursacht wären, und daß ich e« also den Meinigen schuldig wäre, einige Hülfsmittel für den zukünftigen Erwerb anzunehmen. Dieser Gedanke schlug denn bei mir durch. Sowie er nach dem herzlichsten Abschiede sich entfernt hatte, setzte ich mich nieder, diesen Brief an Euch zu schreiben, und morgen .in der Frühe fahre ich ab, um mit GvtteS Hülfe -einen Tag nach dem Empfange dieses Briefes in Eure Arme zu fliegen. Jetzt erst ist eS mir, als ob es zur geliebten Heimath und zu den theueren Wesen ginge, die ich mein nenne auf diesem Erdenrund! Gütiger Gott, der du meine Hoffnungen auf eine glückliche Heimkehr nicht getäuscht, der du mich auS so vielen Gefahren gerettet und mich mir Kraft ausgerüstet hast, meine Pflicht gewissenhaft zu thun, gewähre mir auch die Gnade, meine cheuern Eltern gesund und wohlbehalten anzutreffen, und ihren Segen noch einmal auf mein Haupt zu empfangen, und in Deinen Augen, geliebte Rosa, daS Glück zu sehen, das Du empfindest, und daS der Wieverhall meines Herzen« ist!" Jeder Satz dieses Schreiben« brachte in Salme und seinen beiden Zuhörerinnen die tiefsten Empfindungen hervor, die sich in den verschiedenartigsten Ausbrüchen kundtharen. Daß ihnen das Glück, ihren Sohn wieder zu umarmen zu Theil werden sollte, und schon so nah« war: was galt ihnen dagegen daS Bischen Steifheit deö Fuße«, di« sie insgeheim als die Ursache so schneller Heimkehr gar nicht übelnahmen. Die Ehrenbezeugungen, die ihr Sohn sich erkämpft, erfüllten das Herz der Eltern mit Stolz und Wonne. Man erinnere sich, wir nahe jene Leute noch den Zeiten de« LeibzoUS, dessen Aufhebung in manchen deutschen Staaten erst einige Jahre alt war, den Zeiten der Ausschließung und Verachtung waren, und nun ihren Sohn von Königen und Kaisern mit Auszeichnungen bekleidet sahen — um die Wirkung eines solchen Ereignisses daS den Betreffenden wie ein Märchen vorkam, zu bemessen. Dem alten Salme in seinem Gemüthszustande wird man es nicht verdenken, daß ihn auch die hübsche Summe aus dem Seckel der Frankfurter Gemeinde höchst willkommen war, und so vereinigte sich Alles, die Rückkehr des braven Sohne« zum Gegenstand de« höchsten Glückes' zu machen. Ader — die Ansprache an Rosa in den letzten Zeilen des Briefe« warf das ganze Gebäude der Seligkeit wieder zusammen, denn sie vrinnerte sie an die ganze Schwere des Geschickes, das sie betroffen, und dessen sie bei der Lesung deS Briefe« einen Augenblick vergessen hatten. Was wird Daniel sagen, wenn er die« erfährt! wie wird er e« ettragea! waS wird er thun! Dies« Fragen drängten sich in ihre Seelen, und scheuchten schnell bi« Heiterkeit hinweg, die in ihnen Platz genommen hatte. Vierundzwanzig Stunden später langte Daniel wirklich an, und wenn er auch ein wenig mager und der Fuß allerdings sehr steif war, so machte doch seine ganze Erscheinung, der kräftige Ernst seiner männlicher gewordenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.