Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 45 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Kolksblatt 3« Belehrung uni) HnteröQftuug auf jüdischem $p6iete. Herausgegebea von Rabbiner Vr. Ludwig Philippsoi in Bonn. Mo. 45. 1862.1 Von dieser Zeitschrift erscheiot »echeutttch riae Kummer. Prell dr< J«chr» gang« l Td>r. Bieneljäh-rig 7 U Rgr. Alle B»chb«u>dI»»Be». PosUimter und Zeiw»g»exp«dilrc»«» »«h«r» Kek«ou»gc» «o. £9. Jahrg. 4. Quarta!.] Der Freiheitskämpfer. Novelle. (Fortsetzung.) Bei diesen Worten näherte er sich ihr noch mehr, Rosa aber streckte die Arme adwehrend vor, und sprach mit flehender Stimme: „Lassen Sie mich doch, Herr Grasi Sie wissen, ich bin verlobt, und zwischen uns kann kein« Art von Berbinbung stattflnden. Was itnüm Sie von dem niedrigen Judenmädchen? Wenn Sie aber >?hre ln der Seele haben, so werden Eie ein schütz- und wehrlose- Mädchm«jn Ruhe lassen, davon Ihnen nichtweiß und nichtwissen will." Thranen entquollen ihren Augen und sie rief -US: „Da- Geschick har so Schweremir zu tragen auserlegt, warum sind Sie so grausam, emir noch härter zu machen, und mich in meiner letzten Zufluchtsstätte so zu beunruhigen!". .. Aber der Graf blieb ungerührt, sondern drang um den Heerd auf sie ein. Da ergriff Rosa mit jeder Hand einen Feuerdrand, hielt sie ibm entgegen, und drohte so kräftig, sie ihm in» Gesicht zu schleudern, daß er zurückwtch und alsie ihm folgte, scheltend und fluchend audem Hause floh. Die Nothwendigkeit, die einsame Hütte zu verlassen, und in da-Hau-Salme'- an der breiten, menschenbetretenen Straße zu ziehen, war nicht mehr zu verkennen, und noch an demselben Abend üdersiedelten die beiden Kraue» mir ihren geringen Hadseligkeiten und ihren wenigen schlechten Hau-geräthen. Sie richteten sich häu-llch ein, und'waren mit ihrem Aufenthaltsorte zufrieden. Aber eine neue Noth kam über sie. Ein gräflicher Gericht-bore stellte sich bei Salme ein, und üderbrachte den Befehl, daß die Frau Krummer binnen dreimal vierundzwanzig Stunden da- Dorf und die Grenzen der gräflichen Herrschaft dei Strafe der Au-treibung verlassen sollte, indem die von dem verstorbenen Grafen 1804 bewilligte Erlaudniß nur auf den damallebenden Mann, nicht aber auf dir Wittwe au-gestellt fei. Die» war ein Donnerschlag für die armm Leute, welche händeringend umhergingen, ohne einen Au-weg zu wissen, auf welchem sie dieser Roth entgehen könnten. Aber noch Härteres war über sie verhängt. Es war am Abend desselben Tage- — ein starker Sturmwind stieß von Norden her auf da- Hau-, häufte die dunklen Regenwolken am Himmel, ließ sie von Zelt zu Zelt in ge» wattigen Güssen hemiederströmen, und pettschte fie dann gen Süden, neue-Gewölk dafür heranrreidend— al- Rosa an de« Brunnen de» Hofeging, um Wasser für dm anderen M-rgen hereinzuhvlen. Alsie sich eben zu dem Seile hemiederdeuarr, mir welchem der Eimer, hinüntergelaffen und heraufgezogm ward, fühlte sie sich himerrück- »0N kräftigen Männerarmm umschlungen, ein dichter Mantel wurde Über ihren Kopf gewvrfm, und fie dann eilend» und unividerst-hklch von dannm gerissen, durch den Garrm geschleppt und in «inen dereitstehmden Wagen geworfen, der schnell auf hol» prigen Wegm davon eilte. Nur einen schwache« Hülferuf harre sie Anfangau-stoßen könnm. Der war zwar zu den Ohrm Salme'» und der beidm Frauen gedrungen, sie eilten auf den Hof hinaus, schrieen nach Rosa, zündeten eine Laretne an, und gaudten Anfang», sie sei in dm Brunnen gefallen. Da aber die Eimer noch auf dem Bodm standen, und die Thüre de- Brunnen» noch nicht einmal fn di» Höhe gehoben war, gaben fie birst Meinung auf, aber Rosa war verschwunden. Sie riefen dieRachbarn zusammen, man untersuchte trotz Sturm und Regen die Fußspuren, die i« de« aufgeweichtm Bodm stehen geblieben, verfokgte fle durch VM Garten und erlangt« so nur die Gewißheit, daß Rosa von frechen Räuber» mtfiihtt worden. Es war eine-fürchterllche Nach, für die angtÄckttchm Mmschm, derm Lebm-errigNisse wir hier erzählen. Äe Mutter Rosa'» lag in den heftigsten FräNipfen, dir aste Leah ließ ihrer Wehklage freien Lauf, »Nd SalMe tdüfVr sich die Haare au-, indem er nur vdn Zeit zu Zeit die Worte au-stieß: „Wahabe ich gesündigt, daß der Herr mich also straft!" — Kaum hatte dle Sonne mit ihrM etftro Strahlen dm Kirchthorm de» Dorfe« zu vergolden begonnen, aldie Kunde von der geschehenm Unchat durch daganze Dorf drang und allgemein« Theilnahme und Entrüstung hervorrief. Alle« eilte nach SalMe'» Hau», um vttt Bericht von dem Geschehenm ausfllhtttch zu vernehmen, die Statte de- Frevel» zu dettachrm, und die Spuren durch den Garrm zu verfolgen, die aber freilich unter den FÜßM der Menge längst verschwundm waren. Darüber hegt« Niemand einm Zweifel, baß der Urheber de- Raube» der jung« Graf sei; hatte man doch ihn oft gmog durch dle Seitengasse schleichen schm, und warm die Scmm im Gatten und in bft Haa-flur nicht unbekannt gedliedm. Dle Dörfler hatt-N selbst schon zu viel von seinem stolzm Bmkhmm und seinem gewalthätigm Wesm gelitten, aldnß sie jetzt'nicht dle ganze Schuld der jetzt verübten That auf ihn hättm wälze« sollm, und Niemandem, auch nicht dem ärgsten KlätschMÄ fiel es ein, Rvsa in eine Mitwissenschaft hiuckNzüsstheü. Man gab daher auch in der Grube, in der Flur und uifi da» Hau» Salme'» seinem Unttflllm dm kräftigste« Aufdruck, man schimpfte und fluchte- und — aing nach Haust. Wenn daher auch die Weiber einige BestieülgUng lii vtt allgenninm Entrüstung fandm, so kannte doch Salme