Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 38 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
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150 Königreiche jugeschlagen. Hiermit trat allerdingi ein großer Wandel der bürgerlichen Verhältnisse ein, inden die französischen Gesetze eingeführt wurden. Alle noch >orhanden« Hörigkeit der Leute auf dem Lande, alle Privilegien de» Adel-, die gutShecrliche Polizei, das Patrim nialgericht wurden mit einem Male aufgehoben und die Juden zu Bürgern und gleichberechtigt erklärt. Dies b achte eine außerordentliche Erbitterung bei den Adel hervor, und selbst diejenigen Glieder dieses Standes, welche früher fr, -sinnig waren und mitihrem LiberaliSmuSprahlten, wukden etzt, alSjdie Wirklichkeit ihnen auf den Leib kam, zu heftige - Gegnern. Man konnte gegen dm Stad des Herrschers sick nicht auflehnen, denn eS war ein starker, mit eisernen Spitzen de-! letzter Stab, aber man ließ eS allen denen entgelte i, welchen, auch ohne ihren Willm, Nutzen aus dem Umsiiwung der Dinge zufloß, man zog sich nur um so mehr v >m Bürger und Bauer zurück, behandelte diese, wo man a lf sie traf, mir verletzendstem Hochmuth uno versagte ihn n jedwede Unterstützung. Dem deutschen Bürger und Bau x hmgrgen konnte man eS zum Ruhme nachsagen, daß se über die ihnen gewordenen Dortheile die Schmach des i ZarerlandeS nicht vergaßen, den Druck der Fremdherrschaft t ef empfaa» den, und sich bereit machten, diese bei erster gü »stiger Gelegenheit auf Leben und Tod zu bekämpfen. 2 a, in -ihrer Gutmüthigkeit bedauerten sie selbst den Verlust, welchen der Adel und die Fürsten an den, dem freien D urschen seit Jahrhunderten auferlegten unrechtmäßigen Vorrei »len erlitten harten, und trugen ihyen die schroffe Behandlmg, welche ,ene, soweit sie eS vermochten, sich gestatteten, nicht nach. So war das Jahr 1812 gekommen und z a Ende gegangen; di« französischen Heere lagen auf der Eisfeldern Rußlands begraben, eine neue Armee zwar raff :« der Kaiser Napoleon zusammen und warf sie nach Deuts, »land; hier aber gährte ealler Orten; die russischen He, re näherten sich, Preußen rüstet« mit dem Aufgebot seiner l tzten Kräfte und Oesterreich stand, wie eS schien, noch schwc nkend, aber doch schon entschlossen da. Diese Zeit traf de- Sohn des Grafen und den Sohn de» Juden wieder in id er Heimatd an. Graf Rhodrich war ein kräftiger, hochgewa hsrner, dreiundzwanzigjähriger Jüngling geworben, geschi kl m allen ritterlichen Künsten, wohl auch mir nicht > ngebilbetem Geiste, aber auch bewandert in allen jugenl lichen Ausschweifungen und von ungezügelter Hoffart). Anders Salm« BatterSdorf'S Sohn. Nur von mitte eeer Größt, von schwächlichem Aussehen und bleicher Gestch Sfarbe, aber auS seinen großen dunkeln Augen sprühte ei i lebhafter, leicht entflammter Geist und auf seiner klaren Stirn war der Stempel der Sitteareinheit aufgedrückt. Er hatte Vielerlei gelernt, von seinen Lehrern nur jübis heS Wissen, aber durch eigenen Trieb und Fleiß auch manci erlei profane Kenntnisse erlangt, die freilich des Ausammer Haages und brr Gründlichkeit entbehrten. Daher verstand er sich nach seiner Rückkehr leicht, die Geschäfte deS gealb rttn Vater» zu betreiben, wobei ihm der Letztere mit feinen, väterlichen Takte diejenigen abnahm, welche mit der Luße en Bildung, die der bescheiden« Sohn sich angeeigaet, weni ek gestimmt hätten. Der bescheidene Daniel, der so viel rvußtr, in vielen Dingen rathen konnte, und in den Mußestrnden immer mit Bücherlesea beschäftigt gesehen wurde, h< tte sich bald viel« Freunde unter den Bauern erworben. Gesteigert wurde dies, alS.seit den Unfällen der französischen Heere in Rußland alle deutschen Länder mit französischen Beamten und Spionen überschwemmt wurden, welche den äußersten Druck auSübren, um dadurch, wie fW meinten, jede FreiheilSregung und Auflehnung wider das gallische Regiment im Keime zu ersticken, und wo dann für BatterSdorf und Umgegend der der Sprache kundige Daniel oft als Vermittler eintrat, was ihm bisweilen nicht gar zu gut bekam, sondern manche. Mißhandlung von Seiten der französischen Bedrücker zuzog. Desto näher lag es, daß in dem edlen Herzen des Jünglings der Haß gegen da» fremdländische Joch hell aufiodecte und das Gefühl für die Schmach und das Unglück des Vaterlandes immer lebhafter wurde. Auf dem Schlosse war der junge Graf mir einigen Genossen eingetroffen. Die Kunde diese» Ereignisse» hatte sich bald verbreitet, und in der Seele Daniel'» wachte die Erinnerung an den Jugendgespielen freudig auf, und obgleich er sich bewußt war, baß baS höhere Lebensalter eine unübersteigliche Schranke zwischen ihm und dem Grafen aufgerichtet, so gab er sich doch der Sehnsucht hin, den Gespielen seines fröhlichen Knabenalters einmal wieder zu sehen. Einige Tage darauf mußte Daniel im Aufträge seine» Vater» nach dem Schlosse gehen, um mir dem alten Graf ein Geschäft zu besprechen. Al» er auf den Schloß- Hof kam, traf er Rhodrich und seine Genossen, welche allerhand gvmnastische Uebungen und Spiele trieben. Zufällig stand ihm der junge Graf am nächsten und er zögerte daher nicht in dem ersten Gefühle des Wiedersehens zu ihm hinzutreten und in bescheidener Weise ihn anzureden: „Ich fühle mich glücklich, Herr Graf, Sie nach so langer Abwesenheit einmal wieder. . ." Rhodrich sah den Sprecher groß an, maß ihn von Kopf bi» Fuß, und unterbrach sein« Anrede mir den Worten: „Wer ist Qr i" . . . Daniel war betroffen, faßte sich aber und antwortete ruhig: „Sie erkennen Mich nicht wieder, ich heiße Daniel BatterSdorf, mir dem sie alS Knabe . . ." Auch diesmal konnte ec seine Rede nicht vollenden. Die adligen Herren hatten sich um die Beiden gesammelt und Rhodrich, der wohl von Anfang wußte, wen er vor sich habe, rief mit hochrothem Gesichte: „Wie untersteht Er sich, mich anzureben, ich kenne keinen stinkenden Juden; packe Er sich, oder die Hunde sollen Ihn vom Hofe bringen!" — Da» bleiche Antlitz Daniel'S wurde noch bleicher, mit einem unendlich wehmüthigen Blicke, in welchem sich Schmerz und Verachtung mischten, wandte er dem hoffährtigen Aristokraten den Rücken und verließ das Schloß. Zu Hause angelangt, tonnte er den besorgten Eltern, die das verstörte Aussehen ihre» geliebten SohoeS schnell erkannt hatten und ihn mit Fragen nach der Ursache bestürmten, die ihm aagethan« Beschimpfung nicht lange verbergen, und indem er oie Thronen nicht zurückhallen konnte, erzählte er ihnen den Vorgang in seiner ganzen Bitterkeit. Der kluge Salme suchte den jungen Mann zu beschwichtigen und sagte: „Du hast nicht recht gethan, mein Sohn, einen so vornehmen Herrn in Gesellschaft seiner Kameraden anzusprechen und ihn an seinen Umgang mit Dir zu «rinnem. Lei solchem Herrn wartet unser Einer erst ab, ob jener dessen gedenken will; vielleicht, wenn Du ihn allein getroffen, wäre er ganz freundlich gewesen. Du hast Dich von Deinem guten Herzen hinreißen lassen, und glaubtest so Einen Deinesgleichen vor Dir zu haben, wie Du immer