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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 38 (1862) · p. Seite 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
38 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 151 (sequence 3)
Language
German
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151 freundlich mit Jedermann bist.. Aber andrer Stand, andere Sitte." Daniel beruhigte sich auch bald; er hielt etwaauf sich und dachte daher, daß den Schuldlosen eigentlich Niemand beleidigen könne. Selbstverständlich betrat er aber da- Schloß nie wieder, vermied sogar die ganze Seite, nach welcher es lag, und der Vater mußte sein Geschäft mit dem allen Grafen allein betreiben. Einige Wochen spater jedoch schritt Daniel eines Morgenin den Wald hinein, um nach einem nahen Dorfe zu gehen; er hatte die Straße verlassen und einen kürzeren Nebenweg eingeschlagen. Ec war kaum einige hundert Schritte gegangen, als um eine Ecke der junge Graf mir der Flinte und einem Jagdhunde bog. Daniel wich zur Seite, wandte fein Gesicht nach einer andern Richtung, und wollte vorübecgehen, ohne auch nur den Grafen zu grüßen. Da trat dieser auf ihn zu, schlug ihm mit den Flintenlaufe den Hut vom Kopfe, indem er ausrief: „Warte, Jude, geh Du nur unter dem Schutze der Franzosen Deinenr Schacher nach, wahrend wir in den Krieg gehen und unser Blut auf den Schlachtfeldern vergießen. Wir werden bald heimkehren, und dann soll euch Verrälhem allen da- Garaus gemacht werden!" . . . Er pfiff seinem Hunde und schritt davon. Daniel war beinah das Herz gebrochen, er lehnte sich an einen Stamm, um sich aufrecht zu erhalten, wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn und brachte lange Zeit unbewußt und in dem schmerzlichsten Seelenkampf versunken an derselben Stelle zu. Endlich raffte er sich auf, eilte nach Hause, erzählte, aber diesmal ohne Thcänen, seinen Eltern die abermals erlittene Behandlung und endete mit jenem Ausruf, den wir am Beginne unserer Erzählung auS seinem Munde vernahmen, und der einen so großen Schrecken in das Herz seines Vater« und noch größeres Entsetzen in daS Herz seiner Mutter brachte. (Forts, folgt.) Aus London. In dem „Deutschen Magazin" von Julius Rodenberg wird eine Gegend Londonfolgender Maßen beschrieben: Pettycoat-Lane— die ganze Gegend, obgleich sie nicht fünf Minuten weit von der Bildsäule der Königin Victoria in der königlichen Börse und den Goldtellern der Bank von England entfernt liegt, ist doch eia« der erbärmlichsten und elendesten in der ganzen Welt. Der Londoner kennt sie nur vom Hörensagen, und er.scheut sich, sie zu besuchen. Pettycoat-Lane wird ausschließlich von Juden und Irländern bewohnt — hier haben sich die Raren gefunden und vereint, dibeide verfolgt, beide verachtet und beide doch so poetisch sind mit ihren schwarzen Augen und ihren feurigen leidenschaftlichen Seelen. In neuerer Zeit ist zwar manch' ein „Moß" und manck' ein „Jftael" in die stireren Sttaßrn und vornehmen Squarede- Westends ausgewaadert; und manch' eia „Paddy" hat sich durch die Vorurtheile, die seine Sprache und seine Lebendigkeit erweckt, zum Gentleman durchgearbeitet. Sie haben die Traditionen ihres Volkes uvd Glaubens geopfert, um sich einen Rang in der Gesellschaft zu erwerben, der aber immer noch angezweifelr wird und fl« beständigen Kränkungen aussej Vierteln Nichts a sie ihnen zufügte, Ansprüche auf jer t, von welchen sie in ihren abüefterrten ußten, oder aus welchen sie, «inn man Strafen der Verbannung malten und fettige Belohnung folgerten. Der treue und orthodoxe Rest von ihnen, derjenige, welche nm Festesten noch an den alten Gott glaubt und ihn in verbau, sendjährigen Sprache der Vorväter anbetet, ist ir Pettycoat»Laye zurückgeblieben. Beide-, von den Irländern und von^ ßrn Jrchen. Darum ist die Sprache, welche man in Pettycoab-Lane hört, entweder als ein n it vielen hebräischen und aufgeoommeaen englischen Floskeln versetz, tes Deutsch, oder der irische Jargon, der fast noch schwerer verständlich ist, als jener.! Pettycoat-Lane ist ein lange», schmales Gäöchen mir holperigem, höhlmreichem.Lehmpflaster, so schwül in der That, daß di« finstern Giebel seiner von Alter und Schmutz zerfressenen Häuser sich nahezu berühren. Bei Tag ist eS ejn Schauplatz des unausgesetzten Feilschen» und Handeln«, sowie das auren Gezänk-, -welches vermischt ist mit dem Gekreisch za>,lloser Kinder und Säuglinge und dem heiseren Ruf biin ihr höchstes Alter fruchtdarer Weiber. Goldne Uhren ol ne Glas, zusammengeklopfte Löffel von Silber, stinkende Kleidungsstücke, verschossene Pelzkragen, alte Stiefeln mit rölhlichen Schäften, löcherige: Hemden^ bilden die Handelsartikel von Pettyroat-Lane, und sie auSzuhängen, anzupreisen und haufenweise loszuschlagen ist das Geschäft seiner Bewohner, so lang' es Tag ist. Aber sobald es Abend wird, verändert sich das Anseben von Pettycoat-Lane. Dann ziehen Harfenspieler durch die Gasse und hier hört man -ein altes irisches Nationallied, solch' eins, wie e» außerdem nur noch in den Haiden am atlantischen Oeean oder in den Gesangbüchern der ausgrstorbenen Barden lebt, dort hört man eine von jenen klagenden, hebräischen Mollmelodien, wie ein Echo, in wflcheS sich die Erinnerungen einer tausend Jahre langen Wänderschaft verwoben haben. Und hier wird »ins von den schmutzigen Fenstern hell, und dort eins; und hier setzt sich vin« zahlreiche Fackilie, dereü Gesichter von Zufriedenheit mnd Liede glänzen, um den gedeckten Tisch und dort eine; und hier wird gelacht und dort wird gelacht — und schötre üppig« Mädchen treten vor die Thüre» updfunkelnde Augen glühn durch die Dämmerung, und die Kinder, ungewaschene Geschöpft in Lumpen, stehen von den Kehrichthaufen auf, in welchen sie gewühlt, und fangen an, um die lehmigen Löcher im Straßrnpflaster zu tanzen, und die Harfenmusit wird voller und rauschender von allen Seiten und die Stimmen der Sänger vermischen sich, und in dem seltsamen Zwielicht, welches Alleverhüllt, unterb rochen-an einzelnen Stellm durch Lichter aus den Erdgeschüffe», verwandelt sich dieses verruftnstr Gäßchm von Loüdon mit all' seinem Schmutz, seinfr Verächtlichkeit und, einer gesindelhaften Bevölkerung in einen Schauplatz der keit, des Müssiggangs, deb Tanzes und Gesang«k, ähnlich denjenigen, di« wir in den, Berichten morgenlänb senden geschildert finden. Fröhiichscher Rei-

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