Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 38 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. 3t I; Belehrung und Unterhaltung aus jüdischem sieki^le. Herausgegebm von Rabbiner Dr. Ludwig Phili-Pso» in Bona. lNo. »8. 1862.1 Lou dieser Zeitschrift erschet»r »dche»Utch ei»e Nummer. Preis de« Jahr gaug« l Thlr. Bierteljährig 7 % Ngr. BIU . vsb Zeitullg»expedinö»eo »ehmeu Der Freiheitskämpfer. Novell«. „Nein! lieber Barer, nein! theuerste Mutter, diese doppelte Schmach kann ich nicht länger ertragen. Ich folge dem Aufruf unsre- König-, der die Stimme deganzen Vaterlandeist, ich gehe unter die Freiwilligen." „WaS ist dafür eine rolle Idee! wer har Dir diein den Kopf gefetzt!" rief erschrocken der Vater au-, und noch entsetzter schrte die Mutter dazwischen: „Salme, leid' dieum Gorrewillen nicht! dabrächt« mich unter die Erde!" Diese Worte vernahmen wir, da wir in daschmucke Bauernhautraten, welchein dem Dorfe Batter-dorf in der Provinz Sachsen linkan der großen Straße von N. nach H. steht, und sich zwar nicht durch Größe, aber doch durch Nettigkeit, hellen Anstrich, durch, blanke Fenster und einen reinlichen Vorplatz vor den übrigen Dorfhäusern au-- zeichnet. Doch wir müssen zuvor, um jene Au-rufe der Bewohner diese- Hausezu verstehen, ein wenig weiter zurückgreifen, und von dm Verhältnissen jener sprechm. Salme Batter-dorf war der Abkömmling einer Familie, die seit Jahrhunderten in diesem Dorfe, von welchem sie den Namen trug, ansässig war, und allein audem jüdischen Stamme hier geduldet wurde. Da- Dorf gehörte dm Grafen von Batter-dorf, deren schöne- und stattliche- Schloß sich nicht weit vom Dorfe mitten unter weitläufigen Garten» und Parkanlagen erhob, währmd bi« Trümmer der Stammburg einen darüber hinau-ragmden Hügel kröntm, und der sonst schon durch Wald, Flur und Bach reizenden Gegend auch einen romantischen Anstrich gaben. Der jetzige Graf war 1760 geboren, und harre seine Jugend, nachdem er von einem tüchtigen Hofmeister unterttvitet und erzogen worden, auf mehreren Universitäten und auf Reifen durch dawestliche und südliche Europa verbracht. Er besaß einen lebhaften Geist und ein gefühlvolle- Herz. So nahm er sowohl den «eltbürgerlichen Geist der ftanzöfischen Encyklopädisten und Klassiker wie die deutsche Humanität, welche di« großen Dichter und Dmker unsre- Baterlandedamal« lehrten und verbreiteten, in sich auf. Selbst die französische Revolution bestärkte ihn hierin noch mehr, und die Schrecken-zeit derselben traf ihn noch jung genug, um sie zu verwtndm, und sich durch sie von feiner Freisinnigkeit nicht ablrrm zu lassen. Daher kam es auch, daß, währmd seine Vorfahren keinen Judm, außer der gedachten Familie, derm Häupter ihnen al- Unterhändler in Gelbsachm und bei Kauf und Verkauf dimtm, auf ihrm Be- »iHWamMMSl«? ‘©oläBUct ^9. Aslirst. 3. -- sitzungm duldeten, der jetzige Graf nichtdageum hatte, alsich mehrere Familim diese-Glauben-in stimm Hauptdorfe niederzulassm wünschten. Salme selbst batte, der sonstigen Gewohnheit' der damaligen Judm zuwider, feinen Einfluß nicht benü^, um die« zu verhindern! vielmehr freute sich fein fronimer Sinn, vielleicht eine kleine Ge» meinde pisammm zu bekommen, die ihm emöglich machen würde, dm gotte-dimstlkchm Verpflichtungen in gemeinsamer Andacht recht oft zu gMÜgm, und ihn de- UNgemacheenthübe, zu den hohe^r Festen immer erst nach der fernen Stadt ziehen zu müftm. Aber noch mehr, der < tzraf bejah einen einzigen Sohn) und auch Salme Batterldorf war mit einem solchen gesUned. Oie Gräfin war frühzeitig gestorbm, und da ihr Gemahl sich nicht entschließ« n konnte, zu einer zweitm Ehe zu schreiten, bot da- Sä loß »inen sehr einsamen Aufenthalt dar, indem elediglich vor, Grafen, seinem Sohne und dfffen Erzieher nebst einiger Dimern bewohnt ward. Der Graf gestattete daher seines Knaben, mit dem wohlgezogmtn und klugm Daniel, dein Sohne Salme'-, einigen Umgdng zu pflegen, und sobald die Lehrstunden vorüber warm, holte der junge Graf Rhodrich gern dm Jubenknaben ab. üm durch Flur und Wald streifen, wo der Letzter« so gut Bescheid wußte, mit ihm iü spielen, Vogelnester zu suchen. Haselnüsse zu sammeln u.I dgl. m., noch dazu, da die Kinder brt greisen Pfarrerstber da- Alter Rhodrich'- längst hinaus waren und die! anderen Sproßling« de- Dorf,-, sich, wenn nicht zu dumm und roh, doch zu linkisch und blöde benahmen. So jledten die bnbm Knaben auf ziemlich vrrttautem Fuße, Mmn auch der Grafmsohn sich seiner Würde wohl bewußt si^ien und sich stetdalledergewicht und das Lefthlm. alvb es sich von selbst verstünde, «^eignete. Al«-die Knaben älter geworden, schlug die Schftdestnnde, dmn der Trais sah die Rothwmdigkeit ein, seinen Sohn einem Institute zu höherer Ausbildung anzuvertraoen, aber auch der klu^e Salme hatte Einsicht genug, um feinen Daniel nach dir Stadt zu gebm, baß er da was Tüchtige« lern,. ' E« Uac dieuagefähr um da- Jahr 1802, beide Knaben von beinah zwölsiährigem Alter.! | Während die beiden Knaben an sehr verschiedener Ortm und in sehr verschiedmer Weist ihre weitere Au-bkldvng betrieben, und sich auch nie wieder sahen, da die Schulferim leider nicht auf dieselbe Zeit fielen, gingen die Weltereignisst mit 'ehernem Schritte darüber diu. Obsterreich, Deutschland, Preußen wurden nach einander von dem Fuße de« gallischen Siegerniedergrtrrtm, und die Landschaft, in welcher Batter-dorf lag', dem nm errichteten w-st»h6llschm