Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 37 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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146 Sie erhob sich bei diesen Worten, ging zu. iner Schatulle, nahm eine gewichtige Rolle heraus und übergab sie mit feiner Geberde dem Herrn Pastor, der sie nit gleicher Grazie in die Tasche fallen ließ, indem er dem« tkle: „Ich wußte, daß ich Miich nicht vergebens an Ihr edle- Herz wenden würde, das fo warm auch für die entferntesten Menschenbrüdec schlägt." ,.O, mein Herr, daS ist ja das Wenigst, was wir für die Verbreitung des Guten thun können. Ich bin gern bereit, die Gabe öfters zu wiederholen, un > falls Sie zur.Anschaffung und Verarbeitung der Kleidung «stücke für die armen Regerkinder einen Vorstand auS hiesi. en Damen etwa bilden, so würde ich mich gem demselben a ischließen.' Der-Herr Pastor lächelte, und erwiderte „daS ist Schade: dieser Vorstand har sich schon gebildet und besteht auS der Frau Oberpcäsidenkin und mehreren $ »amen auS dem höchsten Kreise. Eine weitere AuSdehm ng werden diese nicht genehmigen." Auf diese Antwort schwieg die Frau Meyering und der Herr Pastor empfahl sich. — Trotz der guten That, die unsre Dame ein i vollführt hatte, war sie in sehr ungünstiger Laune, alZ ihr Herr Gemahl eiatrar. Er bemerkte dies alsbald, o »ne daß sie auf seine Fragen eS ihm eingestehen wollte, un! sie schnitt ihm daher alles Weitere mit der etwas babfä en Einrede ab: „WeShälb bist Du denn gekommen?" „Ruhig, ruhig, mein Täubchen," erwiderte er Eheherr. „Ich bin nur gekommen. Dich $1 fragen, ob Du zu dem Souper' und Ball, die wir übermorgen Abend zeben, noch Etwas zu befehlen oder zu arrangiren hast. Zc > stelle mich Dir ganz zur Verfügung." „Da hätte ich etwas Rechtes; Du weift, das ich solche Dinge selbst und ganz allein besorge, und Deine Dazwischenkunft könnte die Sachen nur verwi! ren. Auch ist Alles schon auf's Beste, Eleganteste und Reichste eingeleitet. Man soll gestehen, baß man in ur ferec Stadt dergleichen noch nicht gesehen habe. Doch De ne Frage ist zu überflüssig, al« daß Du nicht noch etwa» Anderes im Hintergründe haben solltest. Also heraus dam t!" , „Run ja, mein Engel. Wer kann vor Dir etwas verbergen. Ich habe eine große Bitte an Dic», und lege auf deren Erfüllung viel Gewicht." „Herr Gott, was für Vorreden. Sag doch nur, womit Du mich bedrohst; denn etwas Gleiche ltigeS kann diese feierliche Anrede nicht betreffen." „Ei waS, eS ist nur eine Kleinigkeit. Er sind heute zwei Geschäftsfreunde, die Herren Meyer und Hirsch auS' B. und S. hier eingetroffen, und ich wünsiw, da mir sehr viel daran gelegen ist, diese bedeutenden Banquier« mir verbindlich zu machen, sie zu unsrem Super einzukaden." schrie die Dame entsetzt, „sind dc S nicht Ja» den?" „Allerdings, aber sehr gebildete und höhff anständige Männer, die in. B. und S. in die fe ästen Cirkel kommen, Du hast Dich ihrer wahrlich nicht z i schämen." „Und kennst Du nicht meinen Grundsatz, i Inen Juden zu meinen F«-ten zuzulassen? Darauf beharreil» unbedingt. Lasse ich erst solche, wenn auch fremde, zu, ) wirst Du mir,bald mit hiesigen kommen. Soll ich etr a der Frau v. B. und der Geheimrarhin L. vorstellrn: Herr Meyer, Herr Hirsch, Herr Schmuel, Herr Aaron — ldaß sie hinterdrein sich über den Judenball moquiren, nein, lieber unterlaß ich die ganze Föte und schließe mich fortan in meine Zimmer «in . . „Ader, theure Frau, es giebt doch keine Regel ohne Ausnahme. Du hast doch Deinen Grundsatz stets auf's Genaueste beobachtet, und so kann so Etwa« einmal mit unterlaufen. Wenn die Herren erfahren, daß ich während ihrer Anwesenheit eine Festlichkeit gegeben und sie nicht eingeladen habe, werben sie dieS alS eine schwere! Beleidigung ansehen, und jede Verbindung mit mir abbrechm, waS uns großen Schaden bringen würbe." „Lieber den größten Schaden, als mich verhöhnen lassm. Ich verzichte gern, wenn ich einmal »ach B. und S. kommen sollte, von den Herren Meyer urch Hirsch eingeladen zu werden. UebrigenS weißt Du, haß Geschäft >vnd Gesellschaft zwei ganz getrennte Dinge sind. , Ich frage niemals, ob. Du mir Peter oder Jakob Geschäfte machst, aber ich muß bitten, mich in meinen Gesellschaften mir allen David'« und Herz'« zu verschonen.' UebrigenS fragen solche Juden nur darnach, ob sie Vortheil von Deiney Geschäften haben; haben sie diesen, fo werden sie ihn um einer Etiquelte willen nicht fahren lassen. Also, es thut mir leid, lieber Theodor, Dir nicht zu willfahren, aber eS gehr nicht, ich Ihue eS nicht, und nun verschone mich mir allen Einreden und Bitten, ich habe noch sehr viel zu ordnen." Der Mann wußte, daß er nun nicht« mehr auSrichten könnte; er schob den Stuhl mit starkem Geräusch zurück, machte ein grimmige« Gesicht, murmelte: „Du wirst eS schon erfahren, und kleiner beigebea!" uüd verließ daS Zimmer. Wir können dem Leser über den Ausfall deS Soupers und Balles der Frau Meyering, die gern sich und ihren Mann von ihrer eignen Föle ausgeschlossen hätte, um nur keine Juden anwesend zu haben, nichts berichten, da wie selbst nicht gegenwärtig sein durften, also auch nicht, ob er wirtlich einzig in seiner Art gewesen. Aber daS haben wir ihm mirzutheilen, daß ein Jahr später da« HauS Meyering sich fallit erklären mußte. Herr Meyering war schon seit Jahren sich bewußt, daß es schlecht mit ihm stehe; aber er hatte den M»th nicht gehabt, weder seine Bilanzen einzusehen, und rechtzeitig ein Arrangement zu treffen, noch seiner Frau einen Wink zu geben, uijd den unverhälmißmäßigen Aufwand seine« Hauses zu beschränken. Der Bruch d,S Bankhauses war daher um so totaler. Einen Tag nach der Banquerutsecklarung waren alle die Geheimrathe und Geheimrälhinnen, alle dft Herren und Frauen v. B., L., L., D. und Z. aus dem Haufe des Herrn und der Frau Meyering verschwunden, die Domestiken entfernten sich, nachdem sie stillschweigend sich an mancherlei Sachen für ihre Dienste bezahlt gemacht, auch der Herr Pastor Gielebrecht erschien nicht wiedw, und Alles war »erödet und einsam in dem Hause, danur von stürmischen Gläubigern noch heimgesucht ward. Anfänglich hielten sich die Juden, die man so ängstlich Aemieden hatte, ftrn, da sie nicht wußten, wie sie ausgenommen würden. Aber.die Schadenfreude wurde bald vom Mitleids überwunden, und der eine und der andere alte Bekannte Meyering'-