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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 36 (1862) · p. Seite 143

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
36 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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allen Juwelieren der Stadl umher, um für seine Tochter d.n reichsten Schmuck zu kaufen. Endlich schlug die Stunde. Die Karosse fuhr vor, die beiden Damen stiegen ein, unter hunderr reichen Equipagen hielt man am Portal, und unter der Menge der Zustromenden wurde die hellerleuchtete Treppe erstiegen. Die feinen Herren vom Somit«, die am Eingang de» Concertsaale» standen, machten ein sonderbares Gesicht, als sie die beiden Jüdinnen eintreten sahen. Ader die Karren wurden abgegeben, und so verbeugten sie sich stumm. Die beiden Damen rauschten durch den Gang in der Mitte und - der spähende Blick der Mutter gewahrte zwei noch , unbesetzte Platze auf der dritten Reihe rechtS. Dahin! segelten sie und ließen sich nieder. Da» Geschick wollte,! daß sie gerade-uneben die Frau Geheimrathin Wilhelm! j nebst ihren fünf Töchtern zu sitzen kamen. Zuerst rückte^ diese, alS sie ihre Nachbarinnen gewahrte, zurück; bald aber erhob sie sich, und ihren Töchtern das lakonische Wort 1 zurufend: „Kommt!" flatterte die ganze Schaar auf, und , suchte mit einer Schwenkung um die erste Reihe herum - Platze auf der anderen Seite auf. Das Manöver macht« * Geräusch genug, um die Aufmerksamkeit de< ganzen Saale»; aus sich zu lenken, und Alle» blickte auf die beiden jüdischen ' Damen, die nun ganz allein auf idrer Reihe saßen. Rothe j und Blässe wechselten auf ihren Gesichtern. Die Kraul faßte sich zuerst, und indem sie etwa» laut sprach: „Wiri haben wohl schon belegte Plätze eingenommen!" stand sie : auf, und begab sich mit ihrer Tochter weiter zurück, um auf einer Hinteren Reihe Stühle zu finden. Sie ließen sich abermals nieder. Ader kaum war die» geschehen, so wisperten die Nachbarinnen'recht» und links miteinander, und plötzlich rauschten sie in die Höbe, um sich irgend wo ander» hineinzuzwängen. Die Frau Munr ergab sich in ihr Schicksal, aber Herminen rollten die Thränen über die Wangen. Wenig hörten Frauen von der Musik, sie saßen wie auf Kohlen, und fühlten sich erst wieder er-! leicht.rr, al» sie in dem Wagen faßen, der sie nach Hause , brachte. — i Later und Bruder erwarteten sie daheim. Aber wie; schrecklich fühlte sich der Banquier getäuscht, alfeine Frau fast ohnmächtig auf das Sopha sank, und die Töchter unter einem Strom von Thränen die Schmach erzählte,! die ihnen angethan worden, und von der morgen die ganze; Stadt sprechen würde. Der Banquier war wüthend, lief j im Salon hin und her, der Student knirschte mit den Zähnen — aber was war zu lhun? man mußte e» geduldig hinnehmen. „Da» ist e»," rief Hermine au», „was man von der abscheulichen Judenschaft hat; die Verachtung, in der sie j steht, haftet auch den Besseren an, und man wird sie nicht! loS, man mag thun was man will." „Wenn Du so sprichst erwiderte der junge Mann.! „dann hast Du redlich verdient, waS Dir widerfahren ist. > Wenn Du selbst Deine Glauben»- und StammeSgenossen j verachtest, wie sollen die Anderen nicht diese mit Dir zugleich verachtend Wa» würdet Ihr gethan haben, wenn da» jüdische Casino Euch Billere geschickt hätte, würdet Ihr sie nicht mit Hohn zurückgewiesen haben? und wa» sind und haben wir denn Bessere»? Weil der Barer reicher ist, und hochgestellten und hochgeborenen Christen Vorschüsse macht, die in der Regel verloren gehen, und die er ehrllchen, aber weniger begüterten Juden versage^ würde, sollten wir darum besser sein? An Bildung, Wissen und Tugend hast Du tausend Nebenbuhlerinnen un^er unsren Glaubensgenossen. Nein! da» Einzige wa» un» trösten kann, ist, daß die erbärmlichen Frauenzimmer,!die Euch beleidigt haben, viel verächtlicher sind, al» wir, die ne verachten, und daß eine unverschuldete Beleidigung eine solche nicht ist. Bor Allem müssen wir die Lehre darau» ziehen, bat wir uns niemals in «inen Kreis wagen, mit dem wir nicht bekannt sind, keinen Loden betreten, dessen Pfad« un» rraut geworben. Da» Schlimmste ist, daß wir licht verr ha» verschmähen, wo wir geehrt würden und dahin trachten, wo wir im günstigen Falle { nur geduldet und imme als die letzten betrachtet werden! Die alte Lehre, nur wer sich selbst ehrt wird geehrt, hat ihre größte Bedeukun, für die Italiener. .Die Seldstverachtung ist ihr größte» Ung ück." — Am anderen Morgen schickte der Banquier Munt zu Bärwald, um ihm die gewünschte Summe al» Darlehn anzudieten, erhielt aber die Antwort: er brauche j sin Darlehn so wenig wie sein Geschenk, Gort habe it n durch einen Anderen au» aller Verlegenheit geholfen. „Die Judcninsel". Leicht und schnell durchfchnitt unser Kahn kie grünlichen, spkegelklaren Wellen de» Rheins, um un> in wenigen Minuten von Schweizerischem Boden zum Badischen Gestade gelangen zu lassen. Wir stiegen an» L md und befanden un» dem Städtchen Koblenz*) gegenÜIer, auf einer in üpplg.r und prächtig wilder Vegetation d ühende« Halbinsel. Uebcr un» wölbte sich der Himmel im reinsten Blau, dessen Horizont mir dem majestätischen Gst fein der glänzendweißen Eisberge gesäümt war — um uni in den lieblichsten Formationen zog sich eine schön bewald« ie Bergkette, vor un» der prächtige und doch so sanft dahin rauschende Strom, unter un» — unter Blumen uat Mosen in verschwenderischer Fülle, unter hochgewachsenen Schilf und sanft sich herabncigenden Silberweiden — — die Gräber unserer Ahnen. — Ja, diese aufzusuchen waren wir hierher gekomm n, diese alten rheilweise zertrümmerten, theilweise gut er »altenen Gedächtnißsteine zu betrachten hatten wir schon lä igst gewünscht. — Klang e» un» doch üinmec fast wie eine Myth, wenn un» ein alter Schweizer Jude erzählte, baß die Js aeliten, die in diesem so gesegneten Lande bi» vor Kurzem nur in Endogen und Lcngnau wohnen, di» vor 120 Jahren eben nur an diesen Orlen lebend wohnen durftin, für ihre Tobten aber ln der-Schweiz kein Plätzchen fanden. Da kauften sich denn die Juden auf Badischem Gebier eine kleine Halbinsel, dem Stäbchen Koblenz gezenübrr, deren Fuß vom Rhein umfpülr, deren ganze Lage so >iberau» bevorzugt ist, daß sie wenigsten», nachdem sie die Heuern Verblichenen von der trotz allem Drucke» doch im-her geliebten Heimath trennen mußten, die Genugthuung harren, ihnen da» lieblichste Ben kn Gorre» schönster Natur zu bereiten. — Und daß die» keine Mythe sei, sahen wir nun vor un», lasen wir in deN-noch deutlichen Gradsch> sften. I) Nicht zu verwechseln mit Eobien; iü der Rhempro nnz

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