Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 31 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
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r — 123 — Poetische Skizzen ans Talmud und Midrasch von S. Seligmann. Bezirksrabblner. (Rach dem Italienischen.) (e*taf.> * Die Sterne und ihre Anbeter. Jedes Mal, wenn die Sonne, der Mond und die Sterne ihren Lauf wieder zu beginnen haben, zögem sie zitternd; und voll von Scham; denn sie «rröthen ob der gottlosen Derehrung, die ihnen di« Sterblichen erweisen. Und die Stimme Gottes erschallt und ruft? Setzet euren Dienst fort. (Jalkut, Psalm pag. 86» 1.) Grabrede auf einen frommen Jüngling. In einem großen Weinberge arbeiteten viele Arbeiter auf Befehl ihres Herm. Unter ihnen war ein Jüngling, der mit unermüdlichem Kleiße und unglaublicher Mühe der Arbeit oblag. Nach wenigen Stunden wollte der Fürst, daß er inaehatt», und rief ihn zU, sich, und unterhielt sich beo Tag hindurchmit ihm in liebevollen Gesprächen. Als der Abend anka«, vertheilte'er den Lohn an die Arbeiter, und dem Jüngling gab er einen gleichen Lohn. Die Arbeiter murrten, weil diesem wenige Stunden der Arbeit eben so angerechnet wurden, wie ihnen der ganze Tag. Oer Fürst sprach: „dieser mein Freund arbeitete in jenen wenig« Stunden so viel, als ihr im ganzen Tage!" So der Jüngling, dessen Tod wir beweinen; in wenigen Jahren sammeUe er so viele Verdienste, als Ander» im ganzen Leben; und Gott rief ihn zu sich, um ihm den verdienten Lohn zu geben. (Scta bascli. Ralba pag. 21, 2.) $i< umgekehrte Welt. Ein kranker Jüngling war einige Stunden in tiefen Schlaf versunken. Nachdem er endlich erwachte, fragte ihn fein Vater also: „Welche Stimme glaubtest Du in Deinem Schlafe zu hören?" „In meinem Schlaf schien es mir, als hörte ich eine Stimme, die rief: glücklich die Märtyrer! kein anderes irdisches Wesen wird im Himmel den hohen Sitz haben, der für sie vorbeharen ist." „Und was glaubtest Du in Deinem Schlafe zu sehen?" „Ja meinem Schlafe glaubte ich die Welt umgekehrt zu sehen; es waren oben die, di« hier unten sind, unten die, die hier oben sind." ] „Mein Sohn!" antwortete der Vater, „Du hast ile Welt in guter Ordnung gesehen."*) Das Lied de« Egoisten. Spute dich, und iß; spute dich und trinke. — Diefes Leben, das wir lassen müssen, ist wie ein Hochzeitstag. Im Grab« ist keine Freude mehr. Nichts hält den Tod auf. — Die Sterblichen find wie die Kräuter des Feldes; sie grünen, welkm in beständigem Wechsel. Poetische« Bild de« Paradiese«. Zwei große, vor taufenden von lichtstrahleadm Engeln bewachte diamantene Pforten führen in den Eden. 1) E« ist leicht rinzusehen, daß diese Worte eine beißeude Ironie, eine scharfe Satyre auf den Gang der menschlichen Gesellschaft find. Beim Erscheinen des Gerechten kommen die Engel ihm entgegen, entkleiden ihn seiner Todtengewänder, legen ihn Kleider vom reinsten Aether an, umschUng« ihr» bas Haupt wi» zwei Kronen, die eine von kostbare» Steinen, and die andere von feinste» Gold, ged«, ihm ach« Ayrtengweige m die Hand, und lobssngea ihm also «rgfgm: „tritt ein, glückliche Seele, und genüße mit Wonne das Brod, da» Du Dir verdient hast". i Dann begleiten sie ihn an einen köstlichen; von klaren und frischen Wasser benetzte», und von Millionen Rosen und Myrte» umgebene» Ort. Jever Gerechte fitzt unter einen prachtvollen Baldachin, neben welche»» viele Quellen von Milch, Wein, Spezereien und Honig ftcodeln, und über welche» eine golden«, mit Edelsteine« bestreute Reb» flattert; und inwendig blitze ei» Tisch von Gold, und Hunderte von Engeln umgeben ihn, »nd lobsingeu immer also: „genieße mit Wonne den Ho« nig des heiligen Gesetzes^ den Du treu gedliede« bist". Dorr gestaltet und erneuert sich in unaufhörlichem Wechset das> Leben des Gerechten von einem Alt« zu den ander»; und jetzt legt es di« ganze Biükhe der Jugend an, und vermischt sich mir dm Jungen in dem ihnen vordedaltenen himmlische» Gemache; jetzt nimmt es das reifere Aussehen des erwachsenen Alteran, und geht in den Aufenthalt der Erwachsenen über; und jetzt tritt «6 in das streng« und ehnvüttiige Greisenalter über, und genießt die Freuden der Greise.! Längs des Eden grün« Millionen und aber Million« Bäume, deren geringste köstlicher ist, als die gowüoztgstm Pflanze», und in jedem Winkel desselben lodflnge» taufende von Engeln mt« jvßesteh Harmonie. Und in der Mitte erhebt sich, der Baum des Lebens, der mir brein» Zweigen sich ausdehnt, und das ^anze Eden bedeckt, und in feinen Früchten raufende von mannigfachen Geschmack, und von verschiedenen Wohlgerüche^ vereinigt. Und über ihm wogen sieden Wolken des reinste» Anders, und ein lechs Lüftchen bewegt ihn sanft, und treibt sein« Düfte weithin. Und in seinem Schatten sitze» di« Weif« des heilig« Gesetzes; und jeder har zwei Baibachim. der eine von Sterne», und der andere von Sonne, and zwischen beiden dehnt sich ein Vorhang von reinen Aether aus. Die andern Freuden des Eden vermochtt nie «in menschlicher Geist zu fassen. (Jalkut pag. 7, 1.) Strafrede Jesaja» an Israel. Hgrer, Himmrl; höret, Erd«: so beginnt Jesaja seine Sttafrede an Israel. Wenn «rn Fürst einen in Laste« versunken« Sohn hat, so tobt er zürnend gegen die Freunde, gegen die Verwandten, gegen die Genossen, gegen d« Himmel selbst, als sei« sie gleichsam alle Mitschuldige de« Sohnes Mit jener Ausrufung wollte Gott überdieß Israel also bedeuten: Wendet den Blick zu d« Himmeln, hat vielleicht eine der himmlischen Sphäre und Gesetz«, die ich ihn« ausgeprägt hülle, verletzt? Hat vielleicht die Sonne ihr«. Laus geändert? Seht ihr sie nicht immer einen freudig« und treuen /Loten meiner Weisen? — Wmvet d« Blick zvr Erde: har sie vielleicht je ihn Gesetze geändert? hat vielleicht die Natur manchmal ihr« Weise geändert? ist es jemals vorgekomm«, daß die Komsaät Weitzen hervorbrachke? daß selbst die unvemünftigen Thierr-fich den Ar-