Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 29 (1862) · p. Seite 114

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
29 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4908862-5999374-6026489--2199-4910607
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

114 auch irgend einen früher führte. Jakob, dem fe n Familienname nicht gknug wohllautend klang, benutzte diese Gelegenheit und änderte seinen Namen Gelber in Ei hendaum um. „Ich thar dies", sagte unS mehr als ein D al unser verehrter Dichter, „indem ich einem kindischen Ein all nachgab. Mein V«er war damit sehr uazufried n, und ich selbst bereuet« sehr oft diesen Schritt, der mi<i gänzlich von den Anverwandten meineseligen Vateren fremdet." Zwei junge Leute, deren Bekanntschaft er um jene Zeit machte, wollten ihm einen Freundschaftsdienst erw isen, und führten ihn in da- Haueine- Kaufmann-, Herr a D. ein, der ihnen Unterricht ertheitte und hebräische phi osophische Wecke erklärt,. Die hebräischen Werke waren alle ohne Au-nahme unserm Jakob verständlich; der Unke schied bestand nur darin, daß ein Werk ihm mehr, las andere weniger Müde kostete. Die europäische Lim nur aber war für unfern Eichenbaum eine terra meogmlx :m vollen Sinne de- Worte-. Audiesem Grunde wo> re er von Herrn B. die hebräischen Vorlesungen nicht h>ren, und beschloß, nur die deutschen Kenntnisse de- Letzten zü benutzen. Kaum daß ec dadeutsche A B E kannte, laer bei B. „Arafpe- und Panrhea" von Wielard; später „Die Morgenstunde" von Menbel-sohn. Danil beendete ec den Cursuder deutschen Sprache unter L ilüng de- Lehrer-: unser Eichendaum füblle in stch die Kraft, da- Begonnene allein ohne fremde Hülfe fortzufetzer. — Bei diesem Herrn B. fand Eichendaum die de- EuclibeS". Mit Heißhunger warf er stch ,Elemente auf birst- Werk und wollte emit einem Male verschl! agen, aber hier stand ihm ein Hiadenriß im Wege — ern Hindernis, welchevielleicht so manchem jüdischen Gelehrte begegnete, der irgend ein Werk, in einer europäischen Sprai ,e avgefaßk, erlernen wollte. Gewohnt an die schweren Ar »drücke und den turzgefaßren Stol der hebräischen Schrift«;> wo man gewöhnlich die folgenden Ltzprte erratben und ji :rs zwischen den Zeilen lesen muß, konnte Eechenbaum di der deutschen Sprache nicht verstehen, welche in.Vergleich Leichtigkeit mit der Hebräischen sich durch viele Worte! au-zeichnel. Einem Menschen, der lange Zeit auf einem S hiffe weilte, scheint eim Anfänge, alob die Erde sich unter feinen Füßen bewegt und eS fällt ihm schwer, au den gradea Fußboden zu gehen; während er sich auf dem h n- und hecschaukelnden Schiffe wie auf den Trockenen i rfand. Eichenbaum wollte aber durchaus diese- Werk rlernen, audem alle jüdischen Philosophen ganze Stellen citiren. Unser Gelehrter streifte auf eine originele Weise die „Mühseligkeiten" der deutschen Sprache ab: er beschloß daganze Werk in- Hebräische zu übersetzen, und nach Beendigung der Uebersttzung machte er sich a l- Studium. Diese Riescnarbeit wurde im Jahre 18! 9 beendiget; der Mangel, an Mitteln und andere Gründe erlaubten E. nicht diese Uebersttzung herauszugeben, da ich nicht ein Jeder entschließen will, eine Reist um die Wel zu macken, um Pranumeranlen zu sammeln, auf irgend ein unnützr- „Toldolh Napoleon", danie erscheinen wird oder auf ein Machwerk wie „Mine - wejegew", welcheeiver herausgegtben wurde!!, Die Uebersttzung de- Euclidischen Werkeliegt bijetzt noch im Manuscript. Wie wir stben, spielte der Zufall im!eben unsere- Gelehrten eine sehr wichtige Rolle. — Die er Zufall gab ihm rin altehebräische- Büchelcken in die Hände, in welchem ec viele algebraische Aufgaben nebst Auflösungen fand.Er ersah daraueine für ihn unbekannte . Wissenschaft, und dirgenügte, ihn zu veranlassen, diese zu erlernen. Lange und fleißig studirle er diese- Wert; bi« Frucht diestr anhaltenden, schweren Arbeit, war eine bedeutende Erfahrung: er erfuhr, daß eine unbekannte Größe nlit dem Buchstaben X bezeichnet wird, und daß man die Bedeutung diese- X auden Bedingnissen herau-finden i muß. Wie geringfügig diese Entdeckung scheint, so war sie für unfern Wissenschaft-forscher hinreichend gmug: im Laufe einer kurzen Zeit war er im Stande, algebraische! Aufgaben zu lösen und selbst einige zu verfassen. Wie > reich die Mittel zur Au-dildung zu jener Zeit waren, und I wie Biele edamals gab, die diesen Wunsch hegten, kann! man au- E'S. Worten schließen, daß eihm nicht möglich! war, sich irgendwo ein algebraische-.^ Lehrbuch zu ver- , schaffen. Eichenbaum sah ein, daß keine Gelehrsamkeit in der Welt den Menschen von der Rothwendigkeit, sich und seine Familie zu ernähren, befreie, und daß man irgend einen Stand wählen muß.Jakob hakte weder Lust,! noch Mittel, Handel zu treiben und entschloß sich daher t eine Lehrerstelle in irgend einem reichen Haust anzunehmen. 1 Zu diesem Zweck begab er sich nach Warschau, und da j er dort keine Bekannten halte, die ihn prolegiren sollten, > und zu bescheiden war, stch selbst vorzustellen und in den! Hausern sich Eingang zu verschaffen. so brachte er einige Wochen in der Hauptstadt zu, und kehrte nach Hause zurück, ohne eine Anstellung Pfunden zu haben. Der arme junge Mann verlor allen Muth: die zwecklose Reist gab ibm Grund, sein Zutrauen zu sich selbst zu verlieren und an seinen Fähigkeiten zu zweifeln; eine solche Lage ist bekanntlich eine sehr unangenehme and sogar gefährliche im Leben; egiebl sogar Biele, die behaupten, daß Niemand stch aueiner solchen Lage herau-rrißen könne. In wie fem diewahr ist, wissen wir nicht; wir wissen nur, daß da- Schicksal unfern Eichenbaum nicht gänzlich fallen ließ. Bald nach seiner Rückkehr in seine Vaterstadt erhielt er einen Brief au- Galizien, wohin man ihn al- Lehrer berief. Eversteht sich von selbst, daß die Einladung mit großer Bereitwilligkeit angenommen ward. Nachdem er ein ganze- Jahr in diestr Stellung verblieben, kehrte er (1820) nach seiner Heimaih zurück, ohne daß wir den Grund wissen, warum er diese Stelle verließ; dem Rarhe einer feiner Freunde folgend, entschloß «r sich nach Odessa zu gehen, welchedamals in Polen aleine Stadt reich an Milch und Honig, alda- Depür aller irdischen Glückseligkeiten, als eine Fontaine, die stets von Silderrubeln sprudelte . . . bekannt war. Eichenbaum nahm seine Reise nach Odessa über Umann und verblieb einige Zeit in dieser Stadl: er hatte ein Empfehlungsschreiben an den dorr wohnhaften Hirsch Ber Horowitz, der spater Professor der orientalischen Sprachen an der Universität Cambridge war. Dieser war ein Gelehrter und Linguist, und zu jener Zeit-ein reicher Kaufmann; Dank ihm, war damals Uman eine ber gebildetsten Städte in jener Gegend. Dorthin strömte di« Blüthe ber jüdischen Gelehrsamkeit, denn man konnte dort sowohl Mittel zur Ausbildung, aldie zur Ernährung, entweder im Haust de- Herrn H. B-. Horowitz oder durch seinen Einfluß und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.