Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 29 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolWlatt. Zur Belehrung und Unterhaltung auf jüdischem Hehlte. Herausgegeben von '! Rabbiner Vr. Ludwig Phili-Pson in Bonn. j ]No. 29. 1862.] S»en dieser ^dtfibtift «rfcbfint wochrnrlich ein« Ru nun er. Prei« kt« Jahrgang« > Tblr. Vieneljübrig 7 '/C Rgr. RNe vnchhandiungea. Postämter und Zeilungdexpediliönen nehmrn Bestellungen an. sS. A.iKrz. 3. Husrtsi.^ Jakob Eichenbaum. Eme biographische Lkizze. Seinen Schülern und Verehrern gewidmet von Aaron Tarnegst. (Aus dem Russischen von L X. aus £.. (,Vtik»uitg> Zu dieser Zeit starb Jakobs Großvater, Joseph Gelder, und vermachte seinem geliebten Enkel sechs Abschnitte der Mischnah, unter der Bedingung, daß er für sein Seelenheil täglich, im kaufe eines ganzen Jahres, einen Abschnitt lese. Jakob, das Andenken seines verewigten Großvaters ehrend, erfüllte seinen Wunsch und laS täglich nicht nur einen Abschnitt Mischnah mit Commentar Bartenur, sondern nahm auch die Beilage ToSforh Jomlod betitelt, durch. Es muß bemerkt werden, daß im ersten Buche dieser Beilagen zwei Capitel geometrischer Rechnungen sich definden. Alle Diejenigen, die die Mischnah erlernen, lassen zum großen Theile diese Stellen r^eg, indem sie nicht ein Mal wagen diese Zeilen anzusehen, die zum zeitlichen und ewigen Untergang führen; Jakob aber wagte diese gefährliche Stellen durchzulesen und überzeugte sich von ihrem Nutzen. Seit der Zeit war das einzige Streben und der Gegenstand der Wünsche und Gedanken des jungen Mannes — die Mathematik. Diese vollkommen zu erlernen, war daS Ziel, über welches er Tag und Nacht nachdachte. Aber leider! lag zwischen ihm und diesem Zwecke eine unüberschreitdare Kluft — der Mangel an Lehrbücher. In seiner damaligen Lage war es ihm doppelt schwer, diesem Uebel abzuhelfen: erstens, wie uvd woher mathematische Lehrbücher in einem solchen Nest wie Berestecsthko sich verschaffen, und dann zweitens, ein Jude mit einem ^ehr- ' buche in der Hand — war zu jener Zeit (vielleicht noch heute) etwas Außergewöhnliches. Ein Jude, der sich mit Wissenschaften befaßte, d. h. nicht mit Talmud und Kabbala, nuxpt als eine Are wie Nebukadneßor, Haman u. dgl. verportt. Wie sehr Jakob sich auch bemühte, sein Thun und Lassen vor neidischen Blicken zu verbergen, so drangen doch die ArguS-Augen feines SchwiegervaterS in das Sanctorium des jungen Mannes ein. Mit unbeschreiblichen Schrecken bemerkte der Pächter, daß der Schwiegersohn ihn bitter in seinen Hoffnungen getäuscht habe; er überzeugte sich, daß die von ihm längst gehegte Hoffnung, mit der Zeit feinen Eidam im hellsten Glanze kabbalistischen Ruhmes, auf irgend eine», geistlichen Throne in Israel zu sehen, der Seifenblase gleich zer!- platzte.Der Schwiegervatm merkt« eS, sagte» wir, und seine Seele entbrannte vorZorn, und dieser Zor» verwandelte sich bald in einen unerbittlichen Haß. Ded erzürnte Barer goß jeden Augenblick seinen Gioll auf da» Haupt des armen Jünglingober dessen Frau, feine Tochter, aus, die — fast noch ein Kind — nicht zu glauben wagte, daß ihr Vater ihren Gatten oafchul'iger Weise ^erfolge, und sich gewohnte, die Gesinnungen de- Vater« in Betreff des Mannes zu theilen. Dir Folge davon war, daß Jakob nach siebenjährigerEhesichgenöthigt sah, si<) von seiner jungen Frau zu scheiden, und i« daväterliche Hauzurückkehrte. Hier fand er Schriften der neuhebr klschen Literatur, welche er mit einem Heißhunger verschlang, wie ein Hungernder nach langem Fasten die Speisen verzehrt. Die junge Literatur machte einen mächtigen Eindruck auf Jakob: seit der Zeit sing er an Hebräisch za schreiben. Wir sehen, daß das Schicksal und die Ereignisse den jungen Mann auf eine Bahn führten, wohin sich seine Seele sehnre. Im Jahre 1815 heiralheke Jacob ein junge-, hübsche- Mädchen^ die Tochter einegewesenen Rabbiner-, oer in Samostz wohnte. Der Zufall führt hiei den Jüngling mit einem Kenner der hebräischen Gramme tik und der heiligen Schrift zusammen; in beständigem Ungange mit diesem erlernte Jakob ohne Anleitung die hebr^ ische Graüimatik, und damals' sing er schon an recht hüb che Gedichte zu schreiben, von denen eine«, im Jahre lk 18-Lerfaßt, als da« Erstlingswerk deS jungen Talentein dem später herauSgegebeneil „Kol Zimra" abgedruckt ist. Zu dieser Zeit fiel in JakodS Hände ein Werk, betitelt „K'ne Hamida" von Borneh Schklow, welches in 24 « Zeiten in 4° die ganze Geometrie nebst der flachen und sphk rsschen Trigonometrie enthielt. Diese« Werk, welche« se,r kurz und gedrängt geschrieben ward, ging der junge Man » mit vieler Mühe durch, und er mußte alle seine ^Kräft anwendrn, um einen Zusammenhang zwischen einer und der andern Stelle zu finden. Man muß n^cht vergessen, daß die« Alleohne Hülfe eine- Lehrergeschah, nach einem Buche, daß ohne alle Systematik angele«!^ wa! Um da« Jahr 1818 (?) erschien für Polen ein Dekret, welche« e« jeden Juden zur Pflicht machte, rgend einen Familiennamen anzunehmea; bis dahin nannten.sich die Israeliten größenthril« blo« mit Vornamen.! wie z. B. Berko, MoseS u. s. w. mit Hinzufügung de- Namende« Wohnorte-. Außerdem erlaubte dieser Befehl edem Jsraeren.einen neuen Familiennamen anzunehme r, wenn er