Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 28 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
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111 \ Mose-' zweite Gattin schenkte ihrem Gemahl im zweiten Iahe ihrer Ehe, im September 1796, einen Sohn — Jacob *). Die junge Krau, die noch cm« Tochter und einen Sohn gebar, der bald nach der Gedntt starb, verfiel in eine anhaltende Krankheit — wahrscheinlich auzu früher Berheirathung — und 21 Jahre alt hauchte sie ihren letzten Athem in den Armen ihre- Baker- und ihresie zärtlich liebenden Manneau-. Jakob war von der Natur mit ungewöhnlichen Eigenschaften begabt, und schon in seiner frühest« Kindheit versetzte er Alle, die ihn kannten, durch seinen außergewöhnlichen Verstand in Erstaunen. Zwei Jahre alt, laer schon hebräisch. — Wir halten enicht für überflüssig, hier eine Tharsach« zu erwähnen, die an und für sich undedeurmb ist, die aber hoch sehr merkwürdig erscheint. In feinem zweiten Jahre erkrankte der kleine Jakob von natürlichen Bocken und zeigte dem erstaunten Later die zufällige Grupplrung der Bocken, die verschiedenen Puncrarionen der jüdisch« Schrift (»egal, rerel u. s. w.). Bier Jahre alt, kannte er schon die fünf Bücher der heiligen Schrift und lajeden Freitag einen Abschnitt mit der dazu gehörenden Intonation; in seinem sechsten Jahre lernte er 20 Seiten Gemarah answendig *). Zu dieser Zeit Leigte und erklärte der Dater dem Knaben die ersten drei Regeln der Arithmetik, die auf feine eigenen mathematischen Kenntnisse sich beschränkten. Die Bekannten seine- Latermarterten dasech-jährige Kind mit verschiedenen arithmetischen Aufgaben, außerdem legte sich der Knabe, durch angeborene Wißdegierde getrieben, verschiedene mathematische Kragen vor; in Folge davon enträthfelte der kleine Jakob so zu sagen die Division und sogar die Anfangsgründe der Brüche ganz allein ohne Hülfe eine- Lehrer- oder eine- Buche-. Man erzählt von dem talentvollen Knaben verschiedene Wunder, und dem glücklichen Barer wurden ausgezeichnete „Parthieea" für seinen Sohn angetragen, unter welchen eine, nämlich die Tochter eine- Dorfpächter-, dem Aalten aldi« paffenbste erschien. Der achtjährige Jakob wurde, ein Halde- Jahr vor dem Tod« seiner Murrer, mir dem neunjährigen Mädchen verlobt, deren Eitern nicht weit von der russischen Grenze im Wolhynier Gouvernement wohnten. Alder Knabe feine Mutter verlor, luden die Eltern her kleinen Braut ihn zum Paffahfeste zu sich ein. Während dieser Feiertage trat Jakob in der Synagoge al- Eantor auf. Er besaß ein schöne- Soprano, und wurde aufge, fordert da- Gebet „Stadel" (Halleluja) vorzutragen. Seitdem figurirre er in vielen Synagogen al- Canror. Nach den Feiertagen blieb Jakob bei den Eltern seiner Braut, die ihn völlig bei sich behielten; er wohnte theilin ihrem Hause, theil« in dem naheliegenden Dörfchen Orchow bei einem dortig« Talmudist,n, der Kabbala trieb, und der aleia Halbheiliger verehrt wurde. Bei diesem Lehrer 1) Wenn Mose- Gelber im Jahre 1744 geboren, mir der ersten Frau nur anderthalb Jahr lebte und bas zweite Jahr seiner zweiten Ehe 1796 war, so stellt sich heraus, daß Gelber bei Eingehung der ersten Ehe ungefähr öU Jahre alt war — was 1«trr unglaublich ist. Ist hier nicht ein Jrrthum in den Ziffern? Redattwn de- „Raffwett". 2) Diese Sinzelnheiten haben wir audem Munde de- Herrn Eichenbaum selbst. — Der Berfaffer. setzt, der junge Mann fein Studium fort und ma hte große Fortschritte. Wir hätten freilich dies« Einzelnheiten ganz w gg,lassen, wenn nicht bei Erwähnung diese- Lehrerdie Erinnerung sich an ein Ereigniß knüpfte, welche«, abschon eeia ganz zufällige-war, nicht-best» weniger aber einen entschiedenen Einfluß auf da« Schicksal und dir Zukunft'Jak»b'S au«- üdte. Der Lehrer hatte einen Bruder Joseph, irr, nachdem er da« väterliche Hau« verließ, im Laufe von eilf Jahren sich in verschiedenen Ländern herumtrieib, ohne daß man wußte, wo er-ßch befand, und endlich! während Jakob'« Anwesenheit in Orchow nach Hause zurückkehrte; der Bruder empfing ihn mir offenen Armen, da er ihn seiner ralmudisch« und kabbalistischen Gelehrsamkeit wegen schätzte. R. Joseph hielt jeden Gadbath im Hausse seine« Bruber« Predigten, oder richtiger, er la« Vorlesungen kabbalistischen Inhalte«. Alle Einwohner Orcho«!- hielten eS für ihre Pflicht und rechneten e« sich sogar zur Ehre an, bei diesen Vorträgen zugegen zu sein, daher has „Auditorium" de- R. Joseph stet« »in zahlreichewar. Die Fähigkeiten und der scharfe Verstand Jakob'« leykten die Aufmerksamkrit des gelehrten Bastes auf Ihn; rtj gewann den wißbegierigen Knaben lieb, ließ sich mit ihm oft in Unterredungen ein, ynd da er sich bestrebte, ihst zu verwirren, wunderte er sich mehr und mehr über di!e schnelle Entwickelung der geistigen Fähigkeiten de- Hinde^. Unter anderm erzählt« einst R. Joseph dem Knaben, baß auf der Welt ein sehr kluge« Spiel vorhanden sei, wächesich durch Scharfsinn und Mühe au»zeichne — da- Schachspiel. 9« genügte fßr Jakob zu wissen, daetwas a^ues Vorhand« sei, um baß der Wunsch in ihm reg« wurde, dirse- ' näher kennen zu lernen. Er bat R. Joseph so inständig, daß dieser seinen Bitten nachgeben mußte und ihm die Einrichtung, die Regeln und Gesetze de- Schachspiel« erklärte. Kühlte der arme R. Joseph, daß er dbn ersten! Unterricht einem der ersten Schachspieler unseres Zeit er-1 theilre? Sah dieser unbekannte Wissenschaft-forsche« voraus, daß wir ihm Dank wissen werden für dain «r Folge erschienene Gedicht, für da- Wert — einzig in seiner Art, und vielleicht auch in all« Literaturen! Einst unterhielt er sich mir Jakob über Mathematik und, sagte ihm, baß er im Stande sei, alle Aufgaben zu Ipsen, die sich auf die Höhe und die Breite bezieh«. . Der Knabe konnte die volle Bedeutung dieser Worte nicht de», greifen. — f Consuetudo est altera nalura.Die Wahrheit diesealten Sprichwort« bewährte sich bei R.! Joseph. An ein wandemde« Leben gewöhnt, konnte er nicht lange auf einem Orte bleiben, und nach einem kurzen Aufenthalte im Kreise seiner Familie nahm »er von feinem Bruder Abschied und ging nach Lemberg, und seit der Zeit, sigt Herr Eichenbaum, wurde von ihm nicht« vernommen. Die Bekanntschaft mir R. Joseph hatte, wie wir W«n> eine große Einwirkung auf Jakob gemacht: e< zog ihn Unwiderstehlich zum Schachspiel und zur Mathematik hin; er legre in den Knaben einen Funken, der bestimmt war zu einer großen Flamme emporzuloderu.! Dem Allmächtigen allein ist e< bekannt, welch-- Genie in R. Joseph verloren ging! Gon weiß, wa« eü für die Wissenschaft, für die Bildung gerhan hätte, wenn ihm die Möglichkeit und die Gelegenheit geboten wäre! ....