Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 26 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
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103 oder selbst Mangel an solchen. Wie aber alledieihm schon mit "bfc Stunde der Geburt ^rtheilt worden, so hängt auch seine Erziehung nicht von ihm selbst ad, und in den ersten Stadien feine- Lebenist es seine sittliche Freiheit am wenigsten, die sich darin dethätigr, Anleitung, Beispiel und Zwang sind seine Leiter, ja da- Bewußtsein über den sittlichen Werth seine- Thunist wohl die letzte der geistigen Fähigkeiten, die in ihm wach wird und mit Energie hervortriu. Audiesem Boden erwächst der junge Mensch, aber während des ganzen Lebentritt der Zwang der Verhältnisse, die Nöthigung der gegebenen Lage und die unabweisbare Einwirkung der Mmschen und der Dinge bestimmend, bedingend und die Freiheit beschränkend herein, so daß man mir Recht sagen kann: e< gebe keine Thar und Kin Verhälwiß de- Menschen, in denen nicht eben so viel Norhwendigkeir wie Freiheit enthalten und thätig sei. Der allweife Schöpfer und Anordner hat diesicherlich in rechter Weise eingerichtet. Der Mensch ist seiner ganzen Natur und Anlage nach einer unbeschrankten Frei» heil noch nicht fähig, die Abhängigkeit seine- Wesenin körperlicher wie geistiger Beziehung ist noch zu groß, die sittliche Frerheit desselben ist erst eine zarte Schöpfung jeines Erdenleden-, welche demnach ohne Pflege und Stütze noch nicht bestehen tonnte, die ihre Wurzel noch in einem festen Boden haben mußte, und der freien, ganz willkührlichm' Bewegung noch nicht theilhaftig sein durfte. Auch hier sind wir für den Menschen auf andere Welten verwiesen, in denen die sittliche Freiheit eine ganze, unbeschränkte werden soll. ' Wohlan, meine Freunde! Ziehen wir hierauden Schluß. Auch die Religion kann für den Menschen kein Moment unbedingter Freiheit, keine Sache völliger Unabhängigkeit sein, sondem auch in ihr muß zum Theil eine Nothwendigkeit liegen. .Sie muß an den Menschen als ein Gegebeneheranlrnen, als eine Gabe, die ihm mit in die Wiege gelegt worden, damit er an ihr sich bilde, ertt^ wickle und stärke, damit er al-dann in ihr zu freier Urbrrzeugung, zu selbstständiger Bekhäligung gelange. Wie in da- Lebe«, die Familie, deren'äußere und innere Verhältnlsse, den Ort und die Zeit, so wird der Mensch auch in eine positive Religion hineingedoren, und diese nimmt ihn in ihren Schooß aus, während er noch ohne Bewußtsein und noch ohne Willen ist. Hat sie dadurch btfMmmtnb1 und bildend auf seine Kindheit und Jugend elngewirkt, so mag er sich bei erstarktem Geiste auch innerhalb ihrer auf eigen« Füße stellen, und selbstdestimmend seinen Weg wählen, wie die Schrift erst nach Verkündigung deganzen Gesetzedi« dem Israeliten zustehende Wahl seinereligiös-sittlichen Thun< au-fprichr. So ergeht eauch vem Knaben, der nach kurzem' Schmerze jetzt wieder in dm Armen seiner Mutter schlummert. Möge bi« Religion feine treue Erzieherin dizur Mündigkeit seine-Geistefein; mag seine sittliche Freiheit die fest« Wurzel in ihr findm und er einst auganzer Ueberzeugung ein aufrichtiger und treuer Israelit sein! Der Berg Sinai. Nach dem neuesten Reisenden. Ein kürzlich erschienene- Buch führt den Titel: „Eia Aufenthalt bei dem Groß-Scherif von Mekka. Bon Charles Didier. Deutsch von Helen Lobedan" (Leipzig Bernhard Schlicke). Die ganze D>rstellung-weife de- S lerfasserhat den Grundzuz des stärkst« und ausgeprägteste,r Realismus; sein Buch^n^chk, wie ie Borrede ausdrücklich sagt, nicht dm Ampru^ ein his »rische- Gemälde z » liefem, nicht einmal ein Staffeleidild sonvern eine einfatre Reiseskizze, und er versichert, daß e „seiner Bergangmyeit treu, sich in der Schilderung der Mmschen und Dir ge nicht einen Pinselstrich, ..nicht eine,, Frberzug erlaubt nabe, der nicht brr Wahrheit gemäß w lre, weshalb er auch auf die Effecte habe verzichten können^ welche viele unwissende und übersättigt« Augm verführen."! Didier hatte einen sehr angenehmen Winter tn Kairo zugebracht und war eben im Begriffe nach Europtr zurückzukehren, aI6 ihm ein Engländer seiner Bekanntschaft vorschlug, einen gemeinschaftlichen Au-flug nach dem Sinai (auf dessen mittler Sjilbe, beiläufig bemerkt, der Äon liegt) zu unternehmen, mit! dem Vorbehalt, von dort len Weg dis Dschebdah zu verfolgen, um dann dem Groß-Scherif eine« Besuch adzustaltten, der damals in Taif feinen Hof hielt. Didier ließ sich schnell bereit finden, und am 16. Januar 1854 brachen die Beiden Nach Arabien auf. Sie zogen von Kairo buc h >ie Wüste nach Suez, fu icen hier in einer Barke auf dem rothm Meere nach Tcr an der asiatischen Küste und rirtm dann nach dem Berg! Sinai, eine Strecke, welche >ie Kamele in 25 Stunden zurück;»- legen ' pflegen. Nack einem langen beschwerlich n Ritte erreichten sie die Klost« rfchlucht, so dmannt nach d m nabeliegenden Kloster de- Sinai. Dieser Paß, ein, letzte Schutzwehr, welche de Natur zwischen dem rothen Meere und dem Sinai an fgerichtet hat, ist erhaben, beit und schrecklich; Didier »ersichert, nirgend in Europa, selbst nicht in den wildesten, zerklüftetsten Regionen der llpen oder Karpathen, habe er etwafo Entsetzlichegesetzt. E-'ist, sagt er, daS Bild des ChaoS, nicht des Cha S, welcheder Theilung der Elemente vorherging, sondem d -jenigm, dader Zerstörung de- Erdbällefolgen wird. Solche Scenen spotten jeder Beschreibung, nur Salvator Rosa'- Pinsel könnte ihre Schrecken malm. Man stelle ich einen großen Granltberg vor, der plötzlich umgestürzt, da- Unterste nach oben gelehrt und in Stücke zerttümm,rt worden ist, entweder durch ein mtsetzliche- Erdbeben, oder durch den Aufammer stost mit einem Himmelskörper. Mit seinen mächtigen Bruchstücken hat er die gähnmdm Abgründe um sich her grüllt und auf seinm nackten Seitemvänbrn die unvertilgbore Spur der schrecklichen Erschütterung zurückgelaffen. N chtt har sich seit der Katastrophe verändert; wäre sie auch rstTagzuvor gefchehm, so konnte da- Schauspiel nicht erreifender sein. Die zerrissenen, zertrümmerten Felsen in alle i Farben und Formen sind so kahl, wie am ersten Tage; t ke Jahrhunderte sind über sie fortgezogea, ohne ein Xömchen Pflanzmerde auf ihnen zurückzulaffm; nichts, uoalebt, hat jemals Wurzel fassen können ln diesem trostl'sm, un» fruchtdarm Reich de- Tod«-. Kaum sehen hier und da einige Büschel Wermuth audm Frlsenspalten heran-; eine kränkliche Palme, ein noch mchr verkomm ner Feigmbaum sind die einzigen Baume, welche man mtdeckt, soweit die Augm reichen. Ja dm Eingeweide« I e- Granithaben sich Höhlen gebildet. Die untersten Blöcke, welche beim Fallm geborsten und zersplittert sind werden