Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 24 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 Die Time aus Leid und Kummer gemitht. Mitunter durch glühende Thranen verwischt. Die Schale ächzte, die es trug. Und fiel. Die andre Schale schlug Geiz Himmel auf mit allen Sünden ' Und ließ sich nimmer wiederfinden. Da schallt eS laut: „Dir ist vergeh „Geh^ ein zum ew'gen bessren Leben» „Wen Leid entsühnt und Leid bewährt, „Der ist des bessren Lebens werth!"" Berlin. Ed. Ein Aufenthalt in Most in- [ Skizze von Joseph Radinowitsü j (Aus dem Rrl'^'chen übenetzl von Leon Girdvn. Was mich betriff:, sprach David Sachari sch, ich habe brr grausamen Polizeimännec, der Gawrilo El wodorowilfch, auf meinen Reisen im Inneren Rußland? die schwere Menge getroffen. Doch will ich Euch als s rodestück nur meinen kurzen Aufenthalt in Moskau erz. hlen. „War Jemand von Euch jemals in Mrvkau, meine Herren ( Wie feurig ich auch wünschte, ankw rlele Mameö, die merkwürdige Hauptstadt meine- Varertai bes, von der ich so viel harre sprechen hören, mit meinen eignen Augen zu sehen, so konnte ich mich doch nicht enksch ießen dorthin zu gehen, auö Furcht vor dem Schidvw ikoie Pod- I worie (Zudenhotcl.) Mich abtr har der Unhold doch dorthin g tragen, nahm David Sacharirsch wieder bas Wort» und n erde ich lange meines Aufenthalts in Moskau zu gedenken ^adm. Doch halt, ich will ganz vom Anfänge anfangen. Die Geschichte trug sich so;u:• Ich wurde nämlich vom Z epactement in Folge eines Prozesses zu einer eigenhändigen Damensunlerzeichnung nach Moskau > besckieden. Da begann zuerst I die Schererei mit dem Paß. Ich reichte de i Gouverneur unseres Gouvernements eine Bittschrift ein, worin ich um einen Paß nach Moskau zu reisen nachiuchr?. Die Bittschrift wird mir remittirt, weil ich den Bewe zgrund meiner Reise nicht namhaft gemacht habe. Zch; enooire meine Supplike inil Angabe des Grundesmein r Reise; diese wird mir ahermalS retour geschickt, weil ick nämlich keine Belege für die Aechlheil des von mir genai nten Grundes vorbrachte. Zch reichte zum dritten Male meine Sittschrifl ein und fügte die ofsicielle Publikation der Ser atszeirung bei, die euren gedonamsten Diener nach der H.uptstadt zitirt. Die dritte'Bittschrift mir zu remittiren. nac schon unmöglich und man stellte mir einen Paß uf einen Zeitraum von nur sechs Wochen aus, wo eS >ieß, daß dieser und dieser nach Moskau entlassen werd u. s. w., alS wenn ich bisher angebunden gewesen wäre. Sleichwohl, ich komme nach Moskau. Kaum aber dem rkte man am Schlagbäume in meinem Paffe das vechän znißvolle Wort Zewrei (Jude), als sogleich verschiedene Zeremonien begannen. Man setzte mir auf den Wagendock einen Kosacken, dem man meinen Pas einhändigte. So fuhr ich die* Hälfte der Stadt mir einem Eonwoi durch, als wenn ich irgmd ein Verbrechen begangen hätte. Man brachte mich nach dem Jubenhofe, der schon seinen eigenen Gawrito Ehnwdvrowitsch ersten Ranges h«, ober wenigstens zu meiner Zeit gehabt hat, welcher aber kein Schachol*) sondern ein gedorner Russe war. Zhm wurde mein Paß übergeben, von ihm »änderte er zum Gorodowoi sStadtvogt) dessen Verfügung auch ich anheim "gestellt wurde. Ohne mir die Erlaudniß zu gewähren, mich zu . waschen noch etwas von der Reise zu erholen, schleppte der Gorodowoi mich auf ein Bureau. Erst nach dem ich drei volle Stunden auf den Beinen gestanden, einen ganzen Pack Grobheiten von allerlei Beamten angehörl und meine Börse um einige Rubel erleichtert hatte, wurde mir eine Aufemhattskacre auf einen Monat ausgeferrigt. Merker wohl, daß zwei Wochen chereils verstrichen waren, ehe mein Gouverneur mir meinen Paß herausgegeden har. Warum habt Ihr aber über all diese Bedrückungen nicht geklagt? fragte Schender, der der Erzählung David Sacharitsch'S neugierig zugehört hatte. Eh Brüderchen, bist jung und frisch und deshalb ein wenig unwissend, antwortete David Sacharirsch den Kopf bedenklich schüttelnd. —Klagen? Vor wem? und worüber? Dies ging ja Alles zu auf Grund de» Gesetzes und war in der Ordnung der Dinge. Nicht ich allein wurde so behandelt; dasselbe geschieht auch mir jedem andern Zuden und wenn ec auch zwanzig Mal Kaufmann erster Gilde oder ein allererblichstrr Ehrenbürger wäre. Nun, kraft der Aufenthaltskarte heiße ich Bürger des moSkauischen Zudrnhofes für einen ganzen Monat und trete somit in Leibeigenschaft bei dcm dortigen Gawrito Ehwodorowirsch. Gott, mein Gott, was Hab' ich da nicht erlebt! Dorthin, versteht Ihr mich, kommen die llnscigen in großer Anzahl, aus den WestgouvernemenlS, aus Weißrußland und vielen andern Orten, lauter Kaufleule ober Commissioaäre, die ungeheure Umsätze mit den Moskauer Fabrikanten machen. Dies Alles zittert vor dem Anblicke des dortigen Gawrilo Chwodorowilsch, der unbeschrankter Alleinherrscher des ganzen ZudenhofeS ist. Er zeigt euch ein Zimmer an, nicht dasjenige, welche« euch am besten gefallen mochte, sondern welches er will und nimmt einen Preis nicht laut der Taxe, die wohlweislich Niemand zu sehen bekömmt, sondern wie es ihm am vortheilhaftesten dünkt und wohlverstanden um das dreifache theucer. Und dabei noch welch' Zimmer! Koth, Schmutz und Unflath in allen Winkeln? Wozu denn, hrißt's, für Zuden bessere Quartiere? Nun weiter: alles zum Emdalliren der Waare Nölhige, wie Papier, Stricke, Baumbast, Siegellack, Klee, Matten, Hanf, Leinwand u. dgl. darf nicht anderswo gekauft werden als im Zudenhofe selbst, und zwar um die Hälfte schlechter, dafür aber um das vierfache theurer. Des Nachtdürft Ihr nicht wagen. Euch auf einen Schritt aus dem Zudenhofe zu entfernen, sonst lauft Ihr Gefahr draußen übernachten zu müssen. Man wird euch di« Pforte nicht öffnen, wenn Zhr nicht einer besoadern Gunst des Gawrilo Ehwodorowirsch euch zu erfreuen habet; ein Anderer wird euch zu sich ins HauS nicht lassen, wenn Zhr auch 1) Einer aus Xleinrußland. d. Ueberi.