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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 24 (1862) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
24 (1862)
Date
1862-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Belehrung unö Anterhattuug aus jübifchem Gebiete. Herausg^geben von i - . Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. # lSio. 24. 1862.} Bon dieser Znlsckrift erscheint wöcheutsich eine Rümmer. Preis de« Jahrgang» l Tblr. vierteljährig 7 •£ Rgr. Alle Buchhandlungen, Postämter und ZeimugSexpedinönen nehmen Bestellungen P». [9. Ialrrg. 2. Quartal.] Legende. Ein Rabbi mit dem andren war Befreundet schon so manches Jahr; Was sic gelitten, sie gelehrt. Was jedem das Geschick bescheert, Sie rheillen'S brüderlich sich mit. Eie wurden alt. Mit frohem Blick In die Vergangenheit zurück Seh'n Beide; — doch der feste Schritt, Der sie den Lebensweg geführt, Soll sie in's dunkle Jenseit führen. — Sie hatten oft schon disputirr, Ihr Haar ergraute im Studiren. Doch wollt' nach langer Pein und Qual In de»' Folianten ohne Zahl In allen Lehren, Reden, Gründen Sich nicht des Jenseits Schlüssel finden. Da thaten Beide einen Schwur, Der nicht für diese Erde nur, Der auch im Jenseits unten, oben, Wo Teufel fluchen, Engel loben. Die Seele ün die Seele bindet Und jeden Meineid rächend sinder: Wer früher das Leben hienieden verliert. Wen früher der Tod in das Jenseitentführt, Der thue durch Traumes düstern Mund Den Eintritt in's Jenseit dem Andern kund. Nach Jahr und Tag erkrankt' der Eine, — Da kommt der Tod, unter allr Qualen Und Sorgen und Leiden den Strich zu malen Und bringt ihm die Rechnung des Lebens in's Reine. Der Mond nimmt zu, der Mond nimmt ad. Dreißig Tage beleuchten des Rabbi Grab Dreißig Nachte sind bange verstrichen kaum Da erscheint er dem harrenden Freunde im Traum. „„Das Auge brach, die Seel' entwich;; Ein freier Geist zum Himmelsrhor, i Hebt e» mich unsichtbar empor, Und alles Irdische erblich Vor jenem Schimmer, jenem Duft, } Vor jenem Glanz und jener Luft. Und in dem niegeahnten Glanz Seh ich den bunten Sternrnkran; Der lichten Geister mich umwallen; Gar selt'ne Klänge rauschen, schallen, Durch die mir unbekannte Welt, In der ein Geist sich mir gesellt. „Bringt das Buch der guten Tharm!" Rief er laut; die Engel traten Still bei Seit. Aus ihrer Mitte Mit dem Buch in gold'nem Schnitte Feingedunden, zart und klein. Ungebraucht, die Seiten rein, Schwebt ein Engel, mild und'schön,. Schlagt es auf und alle seh'n Leider wenr"g Gutes steh'n. „Bringt bas Buch der schlechten Tbaten!" Rief mein Engel, und es traten Alle Schaaren rasch bei Seite, Als ob's Keinem recht erfreute. Ich erschrak! Ein Riesenband, Völler Zeichen, engdeschriekin, Deckel vom Gebrauch zerrieben, Ward durch vieler Geister Hand Mühsam nur herdeigetragen, ' Und die Seiten, 'aufgeschlagen, Zeugten, wehe! vollgeschrieben. Daß wir meistens Unrecht üben. Eine Waage ward.herbrigettagen. Ein Momeut — die beiden Bücher lagen In den zwei vechängnißvollen-SchaleN. Doch Du kannst Dir meinen Schrecken malen, Da die guten Thaten aufwärts flogen Und die bösen bleiern niederzogen. Traurig stand mein Schutzgeist mir zur Seite, Träumend blickt ec vor sich in di« Weite, Sinnt auf Mittel, wie wohl zu erretten Meine Seele aus der Hölle Ketten. 4 „Bringt da- Buch der Menfchenleiben!" Rie§ er endlich: „laßt uns seh'n, „Don den Schalen, von den beiden, „Welche wohl wird niedergeh'n. „W/r auf Erden mehr -gelitten „Als er Böses je vollbracht, „Darf auch um Erlösung bitten „Aus der ew'gen Höllennacht." Da schwebten viel Engel in eiliger Hast Und schleppten herbei die unendliche Last; Ein schauriges Buch, mit Herzblut beschrieben, Die Blätter von nagendem Schmerz« zerrieben.

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