Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 23 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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00 3nf)4b;t vor ihren Fausten schlitzte. Auch lag die Burg unfern eineartigen Städtchens. welcheals der Mittelpunkt einer ausgedehnten kaiserlichen Besitzung, in Verkehr und Einrichtungen einen höhern Aufschwung genommen und auch eine ziemliche Zudcngemeinde umschloß. Am Atzend-ang,langt, eilten die beiten treuen Kinder am frühen Morgen zuin Vater, und fanden dielen in 'binem geräumigen Gemach nach damaligen Begriffen dcgucm eingerichtet, ruhig, ja woblgemulh. Sein, stets mit Gott beschäftigtes Gemükb war unerschükrert, und nur Zwiefaches betrübte seine liebevolle Seele, der Tod des treuen Geni.indcdiencre und die Irrfahrt, der seine Kinder unterzogen waren Lurch die freundliche Slimnlung des Greises beglückt, stand Archer nicht an, feinen Schwiegervater den Beschluß des Kauers mirzulheilen, ihn von der Bereitwilliäk.it vieler Gern, inten und Personen., das Lösegeld zusammen zu dringen, zu benachrichtigen und das erforderliche Schreiben von ihm zu verlangen. Rabbi Meic hörte diese Mittheilung aufmerksam an, ein Strahl von Freute schien über sein bleiches Antlitz zu zucken, dann aber versank er in Nachdenken, leine Miene verluilkelre sich/und er verharrte.lange in Stillschweigen.- Endlim strich er mit der hohlen Hand mehrere Male über ^ie Stirn und über ü.en langen Siwerbart, der rbm dis zum Gurret reichte, und sprach dann mit entschlossener Stimme zu Ascher: j>-,Laß niich, mein Selm, kein Wort des D-mceS für Deine 'unbegrenzte Treue, und Hingebung -prechen, die Lu mir erwiesen hast. Auch ist cs meine Freude und mein Stolz, mich von unfern Brütern io geachtet und.geli.br zu wissen, daß ibn.n selbst diele um ^eheure Sumine für meine Freiheit nickt;u 'djroß erscheint/ Gott vergelte cs Dir und ihnen, unv gedenk cö auch zum Verdien:'.' in der Stunde dcS Gerichts! Aber — und er syrara »..'S mit der. nachdrücklichsten Festigkeit aus — ich ' kann und werde dies Opfer niemals ann.hmen! Es ist eure r.U'ge Pflicht des Zebudi, G.fangene zu lösen, und , .5 wäre daher rin Unrecht, Andere in der Ausübung, diestr Pflicht zu vcrhindern. Aber es darf eine gute Tkar,! die den Emen befreit, nicht zum Verderben Ariderer ausschlagen; es darf das Lösegeld den Werth des Gefangenen nicht udersteiaen. Nun will ich wohl ineinen, baß meine Person wohl so einige Hundert, vielleicht gar 500 Mark Geldes »inHi) wäre, aber niemals zugeben, daß der Habgier meiner Feinde eine so ungeheure Summe geopfert werde, wie Du ste nanntest. Weniger mein Sohn, weil ich dadurch Viele ihrrS Eigenlhum.S beraube, denn es schadet Juden Nichts, ein Opfer bringen zu müssen, weil sie. sich daturch an immer größere gewöhnen; der heilige Eiter enttünker ssch, jemehr er gefordert wird. Aber was wird de: Erfolg sein, wenn'sich die Nachricht verbreitet, baß die Juden für die^Freibeik eines ftfot Lehrer und Häupter e:n Löf.geld von 20,000 Mark Goldes dargcbcackr habend Man wird fragen, waS hatte der Mann verbrochene NichrS. Wer ist ert Der Rabbi einer kleinen Gemeinde. Wer bac es gelhanl der Kaiser. So wird die Folge sein, daß jeder Fürst und Graf und Herr in seinem Lande den ersten besten Rabbi ergreift, gefangen setzt und ein hohes Löiegeld für ihn fordert. Wer und was wollte sie hieran verhindernd Uebt der Kaiser also Recht und Gerechtigkeit, wodurch sollten Andere gebunden fein l Zn solcher Weise -werden Hunderte m.ines Standes eingekerkerl und entweder | die Gemeinden geplündert, oder ihrer Lehrer und Seelsorger beraubt werden. Dies ist so einfach unv folgerichtig, daß es so gewiß wie das Morgen auf das Heute kommt. Dieses döse Bei'piel zu geben, dazu lasse ich mich nicht heran; nicht von mir soll dies neue Unglück über unsere Gemeinden hereinbrechen, nicht ich will die Ursache dieses großen Unheils sein. Hätten die Juden die vom Kaiser anfangs geforderte Steuer kingegeben, nun so wäre eS eben «ine Steuer gewesen, und die Sache war nicht schlimm. Nun aber jene als Lösegeld für meine Freiheit gefordert wird, wurde ihre Bewilligung ein Signal zu einer allgemeinen Einkerkerung der Rabbi und der Lehrer unseres Volkes werden, und dies soll nicht geschehen. Werden vielmehr die Großen emsehen, daß sie auf diesem Wege »Niehls erreichen, so wird man dieses neue Mittel der Erpressung fallen lassen." Ascher wollte nach einiger Zeit antworten, aber der Greis ergriff seine Hand und kam ihm zuvor. „Erhebe kerne Einwendungen mein Sohn, denn sie werden Dir »Nichts helfen. Die Sache steht fest bei mir. Und wenn Du.selbst wider meinen »Willen das Gold znfammenbrächcest und zahltest, und die Pforten meines Kerkers öffnetest, so würde ich diese Zelle nickt verlassen, und Deinen Ungehorsam nur verwünschen. Wo so Vieles auf dem Spiele stebr, darf die »Person eines dem Tode nahen Greifes nicht in Betracht kommen. Würdest Du nur bewirken können, daß nur einige meiner Bücher gebracht werden oder gar, was ick kaum zu hoffen »vage, daß ich nicht ganz von der Außenwelt abgeschnirten bleibe, so daß ich Briefe empfangen und absenden könnte, so will ich, »renn es Gottes »Wille ist, hie. ruhig verbleiben, bis der Bore deS- Herrn erscheint, der alle Kerk.rpforten öffnet!" Von diesem Entschlüsse »var der ehnrürdige Greis nicht abzubringen, -und Ascher und Sara selbst mußten eingest.hcn, so schmerzlich cö für sie war, baß er Recht habe. Aber cS stellte sich noch eine andere Folge hiervon heraus. Ascher hatte dem Kaiser und seinem Kanzler gegenüber eine so feste Zusicherung gegeben, daß voraussichtlich feiner ein hartes Loos, mindestens das Schicksal des Rabbi wartete, wenn das bedungene Lösegeld ausbliebe. Es lag daher die Notl'wendigkeil vor, daß Ascher mit seinem Weide dieses Land fliehen und endlich die Reift nach Spanien, die sie beabsichtigt hätten, anrceten müßten. Sie zögerten noch Woche auf »Woche, bis sie, »venn sie nicht auch diese Ausflucht verlieren wollten, nicht länger mehr zögern durften. Die Stunde des Scheidens »var für Sara die schwerste ihres Lebens, denn sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie das Antlitz ihres Vaters niemals »ricder sehen »vürde, und daß sie den jetzt schnell alternden Greis in schlimmer Lage und unter Fremden zurücklasse. Doch die Pflicht des »Weibes rief sie, ihre Flucht war vom Geschick begünstigt,, sie erreichten wohlbehalten Barcelona, und gründeten sich dorr eine sichere und glückliche Heimath. »Wir haben nur noch »vcnig zu berichten. Der Unwille schwand bei Kaiser Ruoolph durch die Erwägung, daß an Rabbi »Meier keine Schuld hafte, bald. Dem kaiserlichen Ansehen hielt er es für zuwider, ihn frei zu lassen. Aber er befahl, ihm eine leichte Haft zu geben; der Gefangene; durfte seine geliebten Pergamente herbeischaffen lassen, und von Zeit zu Zeit einige Besucher empfangen. Bald, in dem Drange großer Ereignisse, wurde der Greis vergessen