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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 22 (1862) · p. Seite 87

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
22 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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87 den Hausknecht entgegen: „Lebeer wir denn hier in Sitirien ober in Hoktentottenlandei Ich banke meinem Schöpf«', daß ich ein wenig schlafen kctnn, kommt der Mensch ur klopft mich aus dem Schlafe, ist so was erhört!" 6 s dauerte langes ehe der große Tragöde sich beruhigen konnte, und noch lange hörte man das dunspfe Rollen des Do!- nerü, nachdem eS auf Vas Haupt des armen Hausknech s eingeschlagen hatte, der seiner Weisung gemäß um %7 gekommen war, um zu heizen. Defsoir, obgleich getauft, besucht jedesmal, wenn fr sich in Posen befindet, das Grad seiner Eltern auf den jüdischen Friedhofe, ja ec erkundigt sich sogar, ob es in laufenden Monat erlaubt ist, denselben zu besuchen. Bei der alten jüdischen Frau; die ein ererbte- Faktotum d s Hotels ist, erkundigte er sich mit rührender Sorgfalt nah dm ihn früher bekannten Familien Posen» und nah ihren Umstanden. „Wie geht es dem, wie geht es jene i, lebt der, lebt jener noch, in jenem Hause habe ich d e glücklichsten Tage meiner Aindbeit verlebt." Er hörte d, Bericht über alles dieses mit Aufmerksamkeit, und als si h die Alte entfernt, begann er mir halblauter Stimme seine Rolle für den Abend durchzunehmen. So lernte ich einen der größten Tragöden der Neuzeit kennen, der den Hamlet und vieles andre Schöne unübertrefflich spielte, alle Morgen eine Flasche Selker mit Mtlh trank, und dem Hausknecht mir sanfter Stimme et:le Lcclion gab. Es war in den letzten Tagen meines Aufenthalts n Posen, als ich Zeuge wurde jener Beg.dfnbeit, die feirde die Runde durch fast alle Zeitungen geinacht hat, oh >e jedoch mit gehöriger Vollkommenheit dargeftellt zu werde i. In einer Condilorei in der Wilhelmstraße befanden si b am zweiten Osterfeiertage (am siebenten Tag unseres Pejachi mehrere Ojficiere in außerordentlich heiterer Laut von der man nicht ganz bestimmt weiß, wodurch sie hervor gerufen worden^ war. Jedenfalls war es kein ganz lautir >c Geist, der aus ihnen sprach, als sie sich beredeten, heule noch einen Juden durchzuprügeln. Sie ließen die Milita - musik die Melodie des bekannten Liedes: „Schmeist iin raus den Juden Jtzig" spielen, legten sich zum Fenst hinaus ün) sangen dazu. Ein ehemaliger Landwchrlieurenanjr, jetziger Oekonom, Hermann, lockte darauf den .üdisch Eommissionär Zalkenstein. der als höchst ehrenwerth ganz Posen bekannt ist, unter dem Vorgehen, er habe ihtn .rwaS mikzutheilen, in die Dahne'sche Apotheke, in der Hausflur Selterwasser verabreicht wird. Hier trat d Lieutenant Fiesfing auf Falkenstein zu und sagte , zu ihn „Sie haben mir auf den Fuß getreten." Falkenstein entgegnet, er wisse Nichts davon und wenn. er es gtthan, wäre eS nicht gern geschehen. Darauf oer Lieutenan „Ja, und es hat weh gelhan" worauf er ihm mir d Hand auf seinen GaridalSi-Hut schlug. Falkensteirr droht, er möge dies nicht noch einmal versuchen, und als s dennoch geschieht, giedt er dem sehr ehrenwerthen Lieutenant eine derartige Ohrfeige, daß ihm die Mütze vom Kop fliegt, worauf oieser nichts Eiligeres zu lhun hat, a seinen Degen zu ziehen. Falkenstein aber entreißt ihm dtie Scheide, mit dev er'sich entfernt, erhält jedoch noch in Abgehen einen Schlcig auf den Kopf, der ihn aber niot verwundere. Der Herr Lieutenant, der sich mit feinem bloßen Degen nicht zeigen konnte, üdergiebt ihn den zarten Händen der kohler sauren Jungfrau zur Aufbewahrung, wahrend Falkenstein mit seiner Tcophä die Wilhelmsstraße durchschritt, umgeder von einer ungeheuren Menschenmrnge, da das günstige We ter viele Spaziergänger hierher gelockt hätte. Als sich mn Herr Flessing, der Ritter mir der geschlagenen Wange auf der Straße sehen ließ, wurde er von der Menge verl ohnt; eben so erging es andern Officieren, die an dem H rgange unschuldig waren. Bellachini, der bekannte Taufen dkünsiler, ermunterte die edle. Gafsen-;ugenh Hurrah zu :üfen, waH denn auch redlich geschah. Uebec den weiteren Verlauf der Angelegenheit werde ich seiner Zeit in diesen! Blättern Bericht erstatten.! Jetzt, lieber Lesers da du meinen harmlosen Plaudereien so aufmerksam gelauscht hast, jetzt will icis zu guter Letzt noch mit einer Anekdote aufwarten, wie man sie sich in Posen erzählt. Die Juden ln;Sch. behaupten, sie haben keine Armen, was ganz natürlich ist, da die Armen von Sch. sich bas . ganze Jahr hindurch in Posen befinden, um ihrer^unst nachzugehen, die sie hier in ausgedehnterem Maße betreiben können. Zwei - solcher Subjekte kehrten nach Schr^heim. Bor der Stadt angelangk, machen sie Halt, um ihre Baarschafl zu überzählen. Sie waren Beide bei denselben Leuten gewesen, sie hatten Beide gleichviel erhalten, es mußt»' demzufolge einer» so viel haben wie der andre. Dennoch fehlte dem einen ein Groschen. Er denkt darüber nach, '»tn kannst du auSgelüssen haben d Endlich fallt es ihm ein, bei Flarau ist eb nicht gewesen. Augenblicklich will er umkehren. ,,Aber Narr", sagt ihm der Andre, „willst Du die weilt Strecke noch einmal machen, schenk' ihm den Groschen!"I darauf der Erste: „Ich ihm schenken! Was schenk! mir Hlataue" —•— Lebe wohl, lieber Leser! Emil Breslauer. Ans dem Wiener „Figaro". Brief des I tzi neip eles aus NikolsbubA' an Se. Hochwürden, Herrn Ilr. Sebastian Brunner.') ^'Hochwürdiger Herrleben! Verzeihen Se Gültigkeit; daß ich bin so -frech, zu schreioen einen Schfeidebrief an einen so großen Herrn wie <Le, der soll kein ein gewaltiger Rebbe unter den Gojim! 1 Warum schreib kch Ihnen k Mein Roschhakol^ in Nikolsburg hat mich geheißen einen Ganef, — verschwawt soll er werden! Die Kille in Niaelsdurg hat mich auch-geheißen einen Ganef, — die Krie sollen sie sich schneiden! Kalksteine sollen ihnen klappern im Bauch und RibiSl. wachsen auf der Ras! WaS aber chut Der Jtzig Kneipeles? 1) Dr. Brunner ist der Redakteur, der »ur durch ihren unbegrenzten Judenhaß-Bekannt gewordenen .KZiener Kirchenzeitnng", und hat in dem Prozesse gegen den Redakteur der „Ostdeutschen Post"', Herrn «uranda, die schwerste Niederlage erlitten, waS jenen jedoch nicht abhalt, in' den tollsten SchmLhungeo, Anklagen und Verdächtigungen gegen die Juden fortzufahren. Die Redaktion.

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