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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 22 (1862) · p. Seite 86

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
22 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 Sie baten um Aufschluß, nur um Antwort auf ihre Frage j — aber vergebens, dir Thür blieb verschlossen und Niemand : regte sich im Hause. Sie eilten zum Nachbar; iaum > aber batten sie den Gegenstand ihrer Nachforschung genannt, so wurde ihnen in gleicher Weise begegnet, so daß sich eine Todesangst ihrer Seele bemeistert'e und alle ihre Glieder erzittern ließ. Endlich stand ihnen ein Mann, dem ihre Thränen und zitternden Lippen Mitleid einfiößcen, Rebe, und berichtete ihnen den Vorgang soweit er ihm verständlich gewesen und erklärte den Unwillen der Glaubensgenossen aus. ihrer Furcht, der Tkeilnahme an irgend einem Vergehen dezüchttgt oder auch nur in eine selbst grundlose Anklage verwickelt zu werden. Zu lbeuer war ihnen der erbärmliche Zufluchtsort zu stehen gekommen, um nicht jeden als ihren Feind zu betrachten, der eine Störung ihrer Ruhe, wenw auch unschuldiger Weise, veranlaßt hüstle. Diese > weitläuftze Erklärung war ungebört an den Dhren unseres Paares vorüber gegangen, denn die Nachricht von der < GefangenneKmung. de? VarerS war ein so schwerer Schlag . für sie, daß sie bewußt- und ratklos oastanben, und nicht . einmal den Gedanken faßten, nach Mösts, dem Begleiter des G^iseS, zu fragen. Zn diesem Augendl cke elhod sich aus Ser Ferne ein . Tumult, der nach und nach näher kam und immer mehr ’ anschwoll. Es war wie ein VolkSyaust, der mit Geschrei und Töven hcranzog, und sich an Menge und Geräusch , bei jedem Schritt vergrößerte. Nach kurzer Zeit erschienen . die Vorläufer deS ÄolkSbaufens am Anfgng der Straße, . und es zeigte sich, daß die Menge nach dem kleinen 1 Zudenvienel einlenkre. Ascher zog schnell - sein Weid in jdie Scharren eines vorspringenbrn Winkel« der Gasse zurück, deren Ausgang derei-S durch den Menschenstrom versperrt war. Doch schien eS weniger Zeindfeligkess, welche den Haufen beseelte, als irgend ein außerordentliches Ereigniß , daß '.ine Schritte hierher lenkte. Bald gewahrte man auch, daß die Leute schreiend und schwatz.nd eine B.adre umringten, auf welcher zwei Menschenkörper lagen, denen offenbar das Leben entwichen war. Es war ein grausiger Anblick; ein jüngerer und ein älterer Mann mit zerfetzten Kleidern, von Blut übergossen, der Eine mit einer klaffenden Wunde in der Brust, der Andere mir zerschlagenem Haupte. . . Die Menge klopfte an die Zudenhäuser, und schrie: man möge öffnen, zwei Juden harren sich todlgeschlagen, man solle ihnen die Leichen abvehmen. Nicht lange, und die Thüren öffneten sich und einige Männer, bleich und zitternd, wagten sich heraus u»d verständigten sich mit den Führern de« Haufens. Sie holten noch einige Juden heraus, ließen die beiden Leichen in eine Hütte am Ende der Straße legen, und drückten dann jenen einige Goldstück« in die Hände, um die Menge zu zerstreuen und wieder zurückzuführen, was auch in kurzer Zeit geschah. Ascher hatte krampfhaft die Hand Sara» ergriffen. Beide hatten die Leichen wohl erkannt. -Dort in der elenden Hütte lagen die Treue und die Untreue, die Biederkeit und die Bosheit, der Edelmuth und die Gemeinheit neben einander-, Beide zerfleischt und tobt, Leide demselben Schicksale verfallen, und im Tode vereint, den glühenden Haß gegen einander empfunden, gleichgestellt und gleich; geachtet, die so' himmelweit von einander verschieben gewesen ... es waren Moses und Kämpfa... Später erfuhren sie, wie die« Alles gekommen. Und «S war in sehr einfacher Weise. Kampfa und Moses waren auf einander gestoßen, nicht'ganz ohne sich gesucht zu haben, Kampfa war wüthend, daß man Rabbi Melc allein gefunden und gefangen genommen; ec hatte darauf gerechnet, daß mindestens Sara bei ihrem Vater .wäre, und wollte nun von Moses wissen, wo Sara und Ascher sich befänden. Mösts aber wollte von Kampfa den Rabbi zürückfordern und war entschlossen, ihn zu bedrohen oder selbst zu lödten, wenn er nicht darauf eingehen wollte. So trafen sie in einer Straße unweit des Schlosses auf einander; bald erhob sich ein stürmischer Wortwechsel zwischen ihnen; Beide griffen einander, Moses zog das Messer, Kampfa erhob seinen Knvlenstock, und fast in demselben Augenblicke fuhr daö Messer in die Brust Ka'mpfa's unv zerschlug den dleigefiillten Stock den Schädel des treuen Dieners. Einige Leute waren zusammen gelaufen. Sie hatten die beiden Streitenden als Zuden erkannt und statt sie zu trennen und zu beschwichtigen, regte der ungewohnte Anblick nur Hobn und Aufhetzung hervor, dis sich blitzschnell der rödtliche Ausgang durch das Zulammendrechen der beiden Männer und das hervorströmende Blut verrielh. f^s». Reiseplattdcrckett. Bon Emil Breslauer 'üctttii«., •ÄÄIU5./ ' , Am 21. April begann Dessoir, der königlich preußische Hofschauipieler, ein geborener Postner. sein Gastspiel in Posen mir der Roll« Richard lll. Zch sah ihn außerdem alS Faust, als Mephisto und alS Winkelschreider. Er ist als Richard an stinem Platze und groß, als Faust nur in einigem zu loden, als Mephisto unübertrefflich, als Winkelschreiber durchaus nicht an seinem Platze, rvenigsicns befriedigte ec mich in diestr Rolle nicht, sie scheint mir seiner unwürdig. Zch hatte gehört, Dessoir wohne mit mir in einem (MvliuS) Hotel. IlS ich nach der Vorstellung des Richgrd und nach einem bei lieben Verwandten außerordentlich vergnügt zugebrachten Abend in mein Hotel zurückiabrle, lenkte die im Nebenzimmer geführte laute Unterhaltung meine Aufmerksamkeit auf sich. Zch erkannte bald die Stimmen des Schauspieldirektoc Keller, des kaiserlich russischen Hofschau'pieler'S Lode und endlich auch die D-sscir's., Zch hatte also die Ehre Stubennachbar des letzteren zu sein, welche Ehre ich vorerst mit einer Halden Nacht Schlaf bezahlte, da die Herren im Nebenzimmer gar nicht zu glauben schienen, daß neben ihnen auch noch Leute wohnen könnten, obgleich ihnen mein Bruder unsre Anwesenheit durch lautes Pfeifen, ein Ausfluß seiner heiteren Bräutigamslaune, zu erkennen gab. Dessenungeachtet wurde die laute Unterhaltung dis nach Mitternacht forlgeführt. Am andern Morgen lag ich wachend im Belte. Da höre ich im Nebenzimmer mit lauter Stimme fragen: „Wer klopft denn das" und nach kurzer Zeit, da ich die Antwort nicht hörte: „WaS wollen Eie?" darauf wurde die Thür geöffnet und dieselbe Stimme, die gestern Abend die markdurchschütlernden Worte: „Ein Pferd, ern Pferd, 1 ein Königreich für ein Pferd" in meisterhafter, gewaltigster Weise gesprochen, dieselbe Stimme ries jetzt dem einkreten-

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