Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 20 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
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70 Wie bereiterwähnt, wurde er wieder in den Dienst versetzt und starb im voll.n Genuß aller Ehren, die ein Cemmodor der Flotte der Der. Staaten genießt. Er befehligte ber ,,(>ane" und nachher die „VonckrÜ,'' und trotz der größten Opposition, machte er diese- Schiff seinefrüheren Ruhmewerth. I > Reiscplaudereien. Don Emil Breslauer (Cottbus.) O Posen, Du Gewaltige unter den Gewaltigen, wie groß war das Unrecht, daß ich Dir angerhan, wie bereue ich aufrichtig alle die böstn Gedanken und Vorstellungen, die über Dich in meinem Innern aufgekommen waren, bevor ich Dich gesehen. Posen, dawar meine Vorstellung, sei ein einziges, groß,-Ghetto, darin kleine. Häuser, schmutzige, enge Straßen, in diesen Häusern und Straßen schmutzige, polnische Juden und in Straßen und Häusem jene Jubenspcache, die Göthe eine pathetische zu nennen beliebt, die man aber in gemeinem Leben mit dem Namen Mauscheln bezeichnet. Damen in ihrem eigenen Haar und mit reinem Teint zu erblicken, schien mir ganz unmöglich, schmutzig und enlftellr mußte nach meiner Meinung auch daschone Geschlecht Posensei. — Avec wie war ich enttäuscht, alich mit lieben, neuen Verwandten in da- Berliner Thor einfuhr und die freundlichen Straßen, die schönen Häuser sich meinen Blicken darboken, — wie ward ich enttäuscht alich die eleganten Spaziergänger erblickte, — wie ward ich enttäuscht, alich gleich am ersten Abend bei fröhlicher, doch ernster Familienfeier einen Damenflor erschaute, der mich zu dem Gedet-rufe vecanlaßte. Gelobt sei Gott, der ein schöne- Menschenantlitz geschaffen! — So große- Unrecht that ich Die, o Posen, verzeih' mir, ich bereue. Wurde ich nun in so angenehmer Weise über Posen al- Stadt enttäuscht, so wurde ich es in eben so unangenehmer Weise über Posen aljüdische Gemeinde. Posen, eine Gemeinde mit mehr al« 7800 Juden, wafür einen imposanten Tempel muß sie haben, wie Großemußte erreicht worden sein, wo so Diele zusammenwirkteu! Statt dessen fand ich eine zerstückelte Gemeinde, zerstückelt, wie bflt liebe deutsche Vaterland. Unter diesen Gemeinde- Stücken ist dabedeutendste die Brüdergemeinde, die aumehr al- 300 Mitgliedern besteht und ein schöne- Gotte-- haumit geregeltem Gottesdienst besitzt. Obgleich man den Gottesdienst nun wohl einen geregrltennennen kann, obgleich einige nLthigeGeber-verkürzungen vorgenommen sind, so har er doch nicht den gehörigen Eindruck auf mich gemacht, und kann ich mich mit der Art. und Weise desselben nicht ganz einverstanden erklären. Er wirb nämlich, wadie Gesänge anbetrlfft, die durch Chor und Chasan au-geführt werden, weder in ganz deutscher, noch in ganz polnischer Weise adgehalten, und da ich kein Freund von Ragout bin. so konnte ich mich mit diesem pSIe-möle-Gottesdienste durchaus nicht befreunden. Einmal hört man ein sehr würdig gehaltene- Musikstück, in echt geistlichem Style, einem würdigen Geistlichen mit ehrfuccht gebietendem Gesichte vergleichbar, dicht daneben aber erscheint ein flotter Tänzer in schwarzem Frack, schwarzen / . Beinkleidern und weißen Handschuhen und diesem gar ein Harlekin, der durch seine Sprünge, bald auffolgt bald abwärt-, durch sein |4>im und Herlaufen die Anwe! «den zur Lachlust reizen r >uß. Auch der Uedelstand tritt hier, wie noch an vielen, anderen Orten recht grell hervor daß die Gemeinde ailzufeh zum Schweigen verdammt ist, wadem jüdischen Geiste n der Synagoge durchaus nich: angemessen ist, der ni hr allein den Eher für sich v irken lassen, /andern selbst rhätigen Antheil am Gotte->ienst nehmen'möchte. Er ebend für jeden Einzelnen ist schon der Eindruck, den de wenigen von Gemeinde und Chor zusammen vorgetrageri nt Gebet-steilen machen, so daß diese Erhebung in au-gebn lteterem Maße wohl verlangt werden könnte. Der jüdische Geist ist nun einmal ein lehr eger, er sucht Beschäftigung, selbst im GorteShause, und indet er sie nicht in der Betheiligung an den Gebeten, so sucht er in andrer Weise durch Plaudern ober Störungen Ausfluß , wie ich daleider auch bei dem Gotte-dienst der Brüdergemeinde zu beobachten Gelegenheit harte. Waden Canror der Gemeind«, den Herrn Schönßeld*) bkttifft, so muß man ihm alsolchen und der-Artl und Weist wie «r vorlrägt, daunbedingteste Lob fpeudm. Er har nichtvon dem unangenehmen. tdearraMhen Wesen, 'daso viele Chasomm zu Starronim stempelt, er nimmt bescheiden, ohne jegliche Ostenration seine Stelle ein, und voll de- Bewußtsein«, daß er vor seinem Gotte steht^ verrichtet er sein Geber, ohne sich durch die vielen Augen, die auf ihn gerichtet sind, zu Auffälligkeiten verleiten zu lassen. Doch scheint emir, alob erseinem schönen und kräftigen Organe dadurch allzuviel zumuthe, daß er allzuviel Rerirative und Soli singt. Ich gehe von dem Grundsätze au-, der Chasan soll mehr Vorderer weniger Vor sänger fein, da der Bortrag langer Soli die Zuhörer allzusehr ermüdet und weil dieselben gewöhnlich einen allzuwelrlichen ^polnischen) Stempel tragen. Der Gottesdienst würbe dadurch kürzer werden, obgleich efür einen Kantor mit schöner Stimme eine Art Selbstverläugnung erfordert, diese Art und Weiff de« Dortragranzunehmen. An Würde müßte der Gotte-dienst unbedingt dadurch gewinnen, wenn natürlich die Wahl der Synagogengesänge denjenigen richtigen Sinn für wahre geistliche Musik, wie sie die Würde de- Gotte-Hausebedingt, vekundet. Schon an der Wahl der Synagogengesänge läßt sich auf den musikalischen Bildungsgrad eine- Chorleiterschließen. "Nicht minder wie zur Composirion derselben gehört dazu eine-- theil« ein gebildeter. musikalischer Geschmack, ber emptzrgezogest würde an den Meisterwerken der Kirchenmusik, an Bach, Händel, Gluck, Mozart u. f. w., an diesen ewigen Vorbildern-, andertheil- »ine gewiss« universelle Bildung, ästethifcheS Gefühl, warmOt Ginn für allewahrhaft Schöne und Erhabene, wa-vereinigt leider bei den wenigsten unsrer Canloren, die zugleich Chorleiter sind, au-^leichl ergreiflichea Gründen angetroffen wird. Sind aber alle diese Vorzüge in der Person des Chorleitervereinigt, so wird er im Stand« sein, den Gotte-- > 1) Ein sehr anerkennenSwertheS Streben de« Herrn Sch. ist e«, die alten Svnagogal. Melodien von ihrem unwllrdtgen Beiwerke zuckefreirallUdän würdiger Gestatt und Harmonisivung beim Gottesdienste 'ckvrzüführen. Ich sah einige dieser Arratrgemeut-, die ganz vortrefflich waren, und ihre« Eindrücke« Nickt oerfthlrn werden.