Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 18 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
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70 Lessing und das Urbild seines Nathan. Aueinem Dortrage bei der Mendelssohn-friec von Liviü« Fürst. Folgen Sie mir, v. I., zu Lessings vollendetster und reifster Dichtung, zu seinem Nathan. Waer fein Lebenlang verfochten und erstrebt, fand in diesem Drama einen versöhnenden Ausdruck. Hier lehrt er uns, daß die höchste Tugend der werkthätigen Liede unabhängig ist von dem positiven Religionsbekenntnisse. Hier läßt er unS erkennen, daß nur dir Religion die wahre sein kann, welche dem Menschen einen freien Gebrauch seiner Vernunft, Freiheit im Thun und Lassen gestattet. 3m Nathan versinnlicht unS Lessiag jene; achte Toleranz, welche nach allen Seiten hin Duldung übt, nicht nur gegen die Zweifel des philosophischen Denkens, sondern auch gegen die Traditionen deS Volks. Jene Toleranz. die Nichtweiß von Bekehren und Verdammen. ^Andersdenkender und.Andersglaubender, weil sie auf der Ueberzeugung beruht, daß die Wahrheit als ausschließlicher Besitz eine- Menschen eine Unmöglichkeit ist. ..Nur. der , Gottheit ist eS gegeben, jenen Schleier zu lüften, welcher! die Wahrheit verhüllt. Aber nach ihr zu streben, uns ' ihrer würdig zu zeigen, dis ein höherer Richter unS vor die Schranken fordert, dies ist die wahre Bestimmung des Sterblichen. „Wenn", ruft ec au-, „Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer' regen Trieb nach Wahrheit, obschon tnir dem Zusätze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wahle.' Ich fiele ihm mit Demuth kn seine Linke und sagte: Vater girb, die reine Wahrheit ist ja doch nur für Dich allein!" —j- So entstand der Nathan. — Es sollte ein Drama werden, in welchem er von seiner liebsten Kanzel, dem Theater, herab der Menschheit noch: einmal die-Summe jener wellversöhnenden Ideen vorzuführen gedachte, -um sie der Nation als ein unvergängliches Dermächtniß zu hinterlassen. Und wäS rhat die deutsche Nation i — O, fraget nicht! Errölhen müssen wir, wenn wir vernehmen, baß Messing, der Begründer einer neuen Aera deS deutschen Geistes, alS er sich hiasetzte, um seinen Nathan zu schreiben, nicht wußte, wovon er die Zeit hindurch, welche er diesem Werk« zu Mdmen beabsichtigte, leben solle. Wir erquicken uns an jener himmlischen Kost und vergessen, daß der, welcher sie uns bietet, darbte, (daß er selbst um die für das Erscheinen seines Werkes notbige Anzahl von Subskribenten besorgt war,) daß jene Tage, in denen er den Nathan schuf, zu den trübsten seines Daseins gehört haben. AuS dieser kümmerlichen Verlegenheit beschloß ec sich endlich durch Aufnahme eines DarlehnS zu retten, aber Niemand fand sich, der den armen, deutschen Gelehrten die -erforderliche Summe geliehen halte. Da erbot sich ein jüdischer Kaufmann, der Lefsing kannte und verehrte, aus freien Stücken dazu. Er verhandelte darüber mit Karl Lesfing, dem Bruder dxS Dichters, und bat dafür um Nichtals einen Brief von des letzteren Hand. „Und wenn er Ihnen nun nicht schreibt?" fragte Karl Lessiag. „Ich werde eS ihm dann.schicken; den Empfang wird er mir doch melden!" war die Antwort. — Jener Brave, ein Mann von-Geisi und feiner Bildung, war MofeS Wessely.! Wir dürfen auf ihn als Deutschen und als Juden mit Stolz zurückblicken; denn ihm danken wir indirekt jenes Meisterwerk, an welchem sich später Tausende erbaut haben.! Du aber, Deutschland, mögest nie vergessen, unter welchen! äußeren Bedrängnissen deine größten Geister jene Werke schufen, welchen du deinen welthistorischen Ruhm verdankst! Siehe deine Herren an, deren Haupt du jetzt mit dem Lorbeer umwindest! Wahast du erst, als noch Leben in diesem Haupte war, alS diese Augen noch von dem Lichte deS Geistes strahlten, gethan? Hast du bas Haupt empor-! gerichtet, wenn Kummer und Elend eS niedecbeugtcn? Hast du die Falten hon dem sorgenvollen Antlitze gescheucht und den umdüsterten Blick durch Trost und Hülfe aufgehellt? — Wir müssen verstummen. „Tenn Nichts geschah von unserm Paterlande. »Schwer ist die Schuld, und nngeiühnt die Schande Y* — Keine Anerkennung, kein Dank, keine Unterstützung wurde Lefsing zu Theil, als er auf dem Höhepunkt: seiner Meisterschaft den Zeitgenossen jenen Nathan gab, welcher, gleichzeitig aus den Kämpfen der Zeit und dem idealen Boden der Poesie entsprossen, den spätesten Geschlechtern noch als das schönste Vorbild einer Tendenzdichtunggeilen wird. AlS ec am 15. November 1778 das Werk begann, ahnte er nicht, daß es sein Schwanengcsang sein sollte. Jener Grundgedanke, daß eine Ausschließlichkeit, auf dre sich alle offenbarten Religionen steifen, entschieden abzuwersen ist, daß die Echtheit der einen oder andern unerweisdar und unergründlich ist, belebt jede Person dieses Stückes. Ja selbst jene niederen Wesen, die auf dem Besitze einer exclusiven göttlichen Offenbarung bestehen, gleichviel ob, sie im Patriarchengewande ober im Frauenkleide einer Dajah erscheinen, tragen nur dazu bei, durch den Contrast die Wirkung jener Wahrheiten zu erhöhen, die Lessing gerade aus dem Mund des Juden uns zuruft. Alle anderen'Personen der Dichtung, „Nathan, Saladin, Stttah, Recha, der Templer, der Derwisch, ja selbst der fromme-einfältige Klosterbruder sind Njchts alS Mitglieder jenes ieealen Freimaurerdundes, der — nach Leffing's AuSspruch — „immer war und sein wird" und in der > zur Humanität verklärten Toleranz seinen erhabensten Grundsatz ausdrückt. Doch wie wäre ich hier im Stande, auch nur annähernd auf jene Fülle von Schätzen einzugehen, welche das Stück uns biercr: Jede Figur ist ein Gegenstand der Bewundrung, jede Zeile regt zu den herrlichsten Betrachtungen an und übt selbst auf das verhärtest« Gemüth jenen Zauber, der eben nur dem Guten und Wahren eigen ist. Nur einen kurzen, flüchtigen Blick werfen Sie, meine verehrten Zuhörer. mit mir auf jene Gestalt des Na th an selbst. Diese milde, versöhnende Sprache; diese Herzensgüte; dieser kluge, -feingebilbete Geist; dieses Erhabensein über alle beschränkenden Dorurtheile; diese hohen Ansichten über Religion und Menschenlhum! Welchen fühlenden und denkenden Menschen muß es nicht bei jedem dieser Züge mächtig ergreifen und Hinreißen? Und welcher Israelit erkennte nicht in jedem derselben Leffing's Freund und Verttauten wieder? Athmet nicht auS jedem Worte der Geist Mendelssohns? Mag man immerhin behaupten, es habe Lefsing bei der Gestaltung des Nathan nicht ausdrücklich daran gedacht, ein Bild Mendelssohns zu entwerfmg mag er selbst auch erklären, „daß jene Ansichten