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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 17 (1862) · p. Seite 66

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
17 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 .! treten. So saß er einst in der Dämmerung in feinem Zimmer, das greise Haupt sorgenschwer in die Hand gelehnt, als der Gemeindediener Moses eintcat, um einen Fremden zu melden. „Rabbi," sagte er, „es ist soeben ein Schliach (Sendbote) aagekommea, der gekleidet ist wie die auder heiligen Stadt Jerusalem. Doch har er einige gar besondere Abzeichen, und wie er sagt, kommt er nicht aus der heiligen Stadt, sondern aueinem Lande, bestes Namen ich nicht kenne und nicht behalten habe; darf er erscheinen vor meinem Herrn)" Der Rabbi erhob sein Haupt und erwiderte bald: „Zünde Licht an. und dann laß den Boten eintreten." Orr einrretende Fremdling halte in seiner Kleidung nichts, was dem gelehrten Manne auffällig, sein konnte, da schon damals viele, die in Jerusalem geweilt, oder dort gewesen zu sein Vorgaben, die Gemeinden durchwanderten und die fromme Gläubigkeit auSdeuteten. Das am min» besten sichere Zeichen war für sie die orientalische Kleidung, hinter welcher sich noch mehr Betrüger verbargen, als echte Jerusalemiten in ihr erschienen. Ader kaum hatte er sich dem Rabbi um einige Schritte genähert» als er mit Fleiß sein Oderkleid zurückschob, um ein ziemlich großes goldenes Schild auf seiner Brust demerklich zu machen. Der Rabbi gewahrte auf diesem Schilde eine gut gearbeitete Zusammenstellung der »inst im heiligen Tempel vorhanden gewesenen Gecäthe, der Lade mit dem Cherubim, der goldene Leuchter auf der einen, der Schaudrodtisch auf der andern Seite, umgeben von Wolken, au« welchen di« priesterlichen Drommeten hrrvorsahen. Das Ganze mir der Umschrift in hebräischen Worten und Charakteren: „Erhebe Deine Stimme mit Macht, und rufe die Zerstreuten Jeschurun's zusammen, denn nahe ist der Tag de-Herrn zu. kommen!" Diese Umschrift war aber noch sechs Mal in den mannigfaltigsten Buchstabenversetzungen und mit vielen mystischen Zeichen und Schnörkeln versehen wiederholt. Der Bore schien abzuwarten, bis der Rabbi dieses sonderbare Abzeichen, das natürlich seine Neugierde sofort auf sich gezogen, näher bettachtet hatte, und dann kopsschüttelnd chie Frage an ihn richtete: „Wer bist Da und von wann kommst Du)" Auf diese Frag« richtete sich der Bote hoch auf, und sprach mit gehobenem Tone und in geläufigem Hebräisch die Wort«: „Ich steh« heut« vor dem großen und mächtigen Gaan, dem weltberühmten Meister, der unerschöpflichen Quelle des Wissens, dem tiefen Bome der Geheimnisse, aus welchem Leben strömt durch alle Gemeinden der Zerstreuten und Gefaagenm, dessen Name gesegnet sein wird von Geschlecht zu Geschlecht, vor dem erleuchteten Rabbi Meie von Rothenburg. . ." Auf diese schwülstige, aber dem Geschmacke der Zeit . nicht widersprechende Anrede nickte Rabbi Meie nur mit dem Hauptt. Der Bote fuhr fort: „Wohlan, Rabbi Meir, ich bin gekommen von einem Größeren alS Du bist — ich bin gesendet von dem, der nicht dlvs Wasser geschöpft aus dem Meere deS Wissen-, sondern den der Gott aller Geister in allem Fleische selbst zum Quell des Lebens gemacht zur Schatzkammer seines Geiste-, ein Jünger dessen, den der Gott Israel'« zu seinem Propheten geweiht, mit dem Glühstein vom himmlischen Altar seine Lippen gc(äut«rt und seine Zunge zur „Tochter» stimme" des Himmels erwählt hat. Dieser sendet mich an Dich, daß Du seine Schrift liesest, und die Wahrheit schauest, und Dich zu ihm bekennest. Wenn Du auf feine Stimme hörest und willig bist, so wirst Du das Fett der Erde und das Mark des Himmels verzehren: so Du Dich aber wieder weigerst und widerspänstig bist, so wird da- Schwert de- Verderbens Dich ereilen und verzehren. . ." Der Rabbi horte voll Erstaunens diese Ansprache. Anfangs ergriff ihn Entrüstung, er wollte ausspringen und den Sendling als einen frechen Buben von dannen jagen. Bald aber veränderte sich sein Sinn, wie? fuhr eS ihm durch die Gedanken, du hoffst auf eine Rettung durch Gottes Hand, und willst das erste, was sich dir darbietet, schnöde von dir weisen? Seit wann, Meir, uetheilst du ohne geprüft, vertAmmest du ohne untersucht zu haben? Nicht so, forschen wir erst wohinaus diese Sache wolle? Er faßte sich, blickte den Boten scharf an, und richtete die Frage an ihn: „Und wer ist e« denn, der Dich zu mir gesendet?" Der Bot/ erwiderte mit feierlichem Tone: „Der große Prophet und der einst noch mehr sein wird, weil der Ewige der Heerscharen ihn dazu berufen, den die Menschen bisher nannten Rabbi Abraham den Samuel Abulafia au« Tudela!" „Und woher kommst Du? wo weilt der Mann, der Dich geschickt?" „Da- Heil kommt von den Eilanden des Meere«; von diesen entsendet der Herr seine Bolen, auf daß sich zu ihm sammeln alle seine Söhne und Töchter au« Mitternacht und Abend, au« Mittag und Morgen. Ich komme von der Insel Sicilien, dem dreiseitigen Eiland« des Meeres, ich komme aus der Stadt Syrakus, der hochderühmten, wo gegenwärtig der Fuß des Geheiligten wandelt, aus dessen Schritt Blumen des Segens sprießen." Bei diesen Worten griff der Fremdling in seinen Busen, und holte einen langen schmalen Beutel hervor, den er an seine Stirn, dann an seinHerz und zuletzt an seine Lippen drückte und dabei jedesmal eine tiefe Verbeugung machte. Hierauf sprach er zum Rabbi: „Ich bitte Euch, hoher Rabbi, wollet doch, damit kein Unheil geschehe, Eure Hände ins Wasser tauchen, und gebietet euren Lippen, eia Jehi Bazon zu sprechen, bevor Ihr da« himmlische Kleinod berühret, bas durch die Hand des Gesalbten selbst niedergeschrieden und darüber er den Segen gesprochen." Der Rabbi erwiderte Nach kurzem Besinnen: „Hat Euch dies Rabbi Abraham selbst geboten zu mir zu sprechen? So behaltet es nur. Ich werde nicht lm Voraus mit dem Heiligen verwechseln, was ich noch gar nicht kenne. Ist es aber bloS Euer Rath,'guter Freund, so wartet bis man ihn Euch abverlangt." Der Fremde erwiderte nichts, sondern überreichte den Beutel dem Rabbi. Dieser ergriff und öffnete ihn. Er war aus schwarzem Ziegeafell; aber was der Rabbi herausholte war abermals eia Beutel aus einem farbige« Felle, daS er nicht kannte. Hierin befand sich ein dritter Beutel aus blauer Wolle, und dieser umschloß eine vierte kostbare Hülle, gewoben mit sonderbaren Arabesken und Zeichen aus blauer, purpurner und karmvsinrother Wolle und reichen Goldfäden. In diesem letzten Beutel stak endlich eine Pergamenkrolle, die der Rabbi öffnete und vor sich aufrollte. Sie war nur auf der iunern Seite beschrieben, und kn einem mir Gold» und Purpurtinte gemalten Kranz, aus grotesken Figuren, kabbalistischen Zeichen und wunderlich verschlungenen Worten

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