Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 16 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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um meinetwillen, um mich zu schonen, um mir Kummer, j nifse zu ersparen, Dein.graueS Haupt und mit Dir das! Schicksal so vieler Glaubensgenossen auf das Spiel setzen?! Wie selbstsüchtig und kleinmüthig wäre dies von mir!! Nein, Varer, Du hast uns daran gewöhnt, die Dinge dev ' Lebenaus einem hohem Gesichtspunkte anzuschauen, und; Deinem Beispiele, sich der heiligen Sache ganz hinzugeben; und das Gebot der Liebe als das höchste anzucrkennen, will : ich folgen! . Der Greis erhob das Haupt hoch empor; er schaute mit seligen Blicken die in Begeisterung, .und doch mir so j vieler Bescheidenheit, und Zurückhaltung sprechende Tochter 1 an. Nach einer Pause sprach er: „Als Isaak gebunden ■ auf dem Altar lag, da rief eine Stimme vom Himmel: her: Abraham, thue Deinem Sohne nicht das'Geringste! j Unsere Weisen lehren: Der Herr nimmt den Willen des ' Menschen, den ernsten und entschiedenen für die That an. * Daß Du Dich zum Opfer bringen willst, meine Tochter, ist gerecht und Deine Pflicht'; die mei'nige, es'nicht anzuj nehmen. . . Still, still, Sarah, unterbrich mich nicht! : Mein Kind, eine brave tugendhafte Seele, dem Abtrünnigen, dem Verrather, dem ruchlosen Lästerer und Frevler, zuzuger sellen. Dein eigenes Seelenheil auf das Spiel zu setzen, sein Verfahren und Wesen zu billigen, indem ich ihn mir durch die engsten Bande verknüpfe das wäre zu viel Sünde, das widerspräche zu sehr der Gottesfurcht und gäbe für die Menschen so böses Beispiel, daß es unmöglich rechtwäre. Und wie? Sott ich Dein junges Leben vergiften, meine Tochter, Deine zukünftigen Tage zu einer Reihenfolge der schrecklichsten Gefühle, zu einem Abgrund machen, in welchen jede Stunde, jeder Augenblick als ein gemartertes und gemordetes Her; hineinfiele i bas stritte zu sehr gegen alle Vaterliebe, als daß cs recht fern könnte! In der Schridestunde Deiner Mutter flog ihre reine Seele auf den Schwingen meines Gelöbniffes zum Himmel auf, Dir, soweit ich eS vermöchte, ein glückliches Loos zu bereiten, und mein väterliches Auge niemals von Dir weichen zu lassen. Es wäre eine schlechte Erfüllung meines heiligen Eides, wenn meine Hand Dich einem solchen Verbrecher zuführen sollte. . . Hinweg mir diesem Gedanken!" „Aber, theurrr Vater. . - „Unterbrich mich, nicht, Sarah. Du. verstehst auch die Dinge wenig; was jener Mensch eing'efädell hak, vermag er selbst nicht 'wieder herauszulösen. Wozu ec den Anstoß! gegeben, das aufzuhaltea besitzt er die Macht nicht. Der! Kaiser will da« Geld, und' da Kampfa selbst es ihm I nicht zu geben vermag, so kann er die Forderung des Kai-! fers von uns nicht abwenden. Er will mit Dir entfliehen! in ein fremdes Land; er konnte auch mir nichts Anderes! anrathen, und höchstens durch seine List und Ränke diese i Flucht erleichtern. Dies Alles vermöchten wir mit Gottes Beistand auch ohne ihn und wider ihn. Also auch wirkliche Bortheile, eine wahrhafte Rettung für mich und Andere würde aus Deinem Opfer nicht hervorgehen. Daher lasten wir dies." Das* Mädchen wußte nichts zu erwidern; sie beugte ihr Haupt vor den Willen des Vaters, den sie als den richtigen Anerkennen mußte, obfchon in ihrer frommen Seele das Gefühl der Täuschung, ihr Opfer mit so willigen Entschlüsse vergebens angeboren zu haben, mit dem Gefühle der Erlölung rang, einer so schttcklichen Zukunft nicht entgegen sehen' zu müssen. Rabbi Me>r rebele nach einer Pause seine Tochter wieder an. „Und dennoch, mein Kind, können wir die Hände nicht müßig in den Schoß legen. Vor Allem muß ich, Dich sicher-stellen, vor den Schlingen jenes listigen und heimtückischen Bösewichts. Ich bin alt, und der Drang aller der Ansprüche, die an mich gestellt werden, macht, selbst wenn ich die Kraft noch dazu besäße, eS mir unmöglich, so über Dich zu wachen und dich zu verthei - digen, wie eS geschehen muß. Nein, ich will keine Ruhe, so lange mein Volk meiner bedarf. Aber beruhigt möchte ich sein über Dein Schicksal, mein einziges Kind!" Sarah blickte ängstlich auf ihren Varer, ihr Alhem stockte, ihr Her; schlug Mächtig, sie harrete der Worte ihres Vaters. Dieser fuhr langsam fort: „Ich bin meinem theuern Ascher zu unbegrenztem Danke verpflichtet. Nichr, wahr, Sarah, er hat Dich wie ein Mann vertheidigt: er, der sonst nur gewohnt ist, mit schwierigen Gesehes/ragcn sich herumzutummeln, hat einen kräftigen Mannesarm bewiesen, als er unfern Feind niederschlug. . ' Als der Rabbi den Namen seines Schülers genannt, stieg eine hohe Rothe in das Antlitz der Jungfrau auf, der eine um so tiefere Blässe folgte; ihre Hand erzitterte in der »es Vaters, die vertraulich jene wieder gefaßt halte, ihre Augenlider waren herabgesunken und ihre Stimme versagte ihr den Dienst zur Antwort auf die Frage des Vaters. ' Der Greis bemerkte dies wohl. —Ergraut in seinem Studirzimmec, kannte ec die Menschen 4md die Regungen des menschlichen Herzens doch sehr wohl, und verstand solche Anzeichen der Gefühle, wie er sie eben an feiner Tochter beobachtete. Er fuhr daher fester und eindringlicher fort: „Wohlan, meine Tochter! denke. Du saßest Deiner verklärten Mutter gegenüber, und sie befrüge jetzt Dich und mit Dir Dein Herz. Würdest Du willig sein, Dein Schicksal mir dem Geschick dieses jungen Mannes zu verbinden? Empfindest Du Freundliches Pr ihn? Würde die Achtung und Zuneigung, die Du ihm als einem so wohlgearttlen Schüler und Freund Deines Vaters nichr versagen kannst, wohl in,jene heilige Liebe sich wandeln, welche die Herzen umschließen muß, wenn sich unter den Segen der Religion die Hände vereinigen? ... Du weißt eS, liebe Tochter, daß ich die Mc.inung derer in unserm Volke nicht billige, welche der Ansicht sind, daß die Ettern über das Schicksal ihrer Kinder zu verfügen haben, und die Kinder zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet sind. Daher sorich Dich offen und einfach auf meine Frage aus. Ich habe sie unverhüllt geffeltt, Deine Antwort sei Ja oder Nein! . . ." DaS tiefbewegte Mädchen senkte ihr Antlitz in ihre beiden Hände, und hauchte ein kaum vernehmliches „Ja" aus. Da erhob sich der Greis, trat auf seine Tochter zu, hob sie empor, und legte sie an sein Herz. „Gott sei mit Dir, mein Kind; mein Segen ruht auf Deinem Haupte! Dein reines Her; hat Dich nicht irre geleitet; der allgürige Varer wird Dich fernerhin die Wege des Glückes und des Rechts.führen." Sarah vermochte nur milThränen zu antworten, die auf die Brust des Vaters fielen. Dann fuhr er leiser fort: „Hat Ascher schon einmal mit Dir gesprochen darüber?" — „Rein lieber Vater! aber ich weiß es,' baß er mir nicht abgeneigt ist. . ."