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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 14 (1862) · p. Seite 54

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
14 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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54 erschien ikm in eigener Stimmung, abwesenden Giisies, und antwortete dieser ihm oft in ungenügender Weise. Selbst der treue Diener, der seinen Rabbi wie einen Halbgott verehrende Gemeinbebote Meies ließ es bisweilen an seinen gewöhnlichen Ausdrücken und Bezeugungen der Ehrfurcht fehlen, und' schien etwas auf dem Herzen zu haben, was er dem Meister sagen, und doch wieder verhehlen wollte. Der Rabbi ergriff daher die Gelegenheit, als Ascher eingetreren, und sagte zu ihm: „Mein Freund, ich. brauche es Dir nicht erst;u sagen, Aufrichtigkeit und Freimuth sind die besonderen Tugenden, die Dich mir so theuec gemacht. Diese find es auch, welche ich hcn-le bei Dir' in Anspruch nehme. Ich sehe, Ihr Alle wollt mir etwas verbergen.. Daß nur Eure Liede zu mir ist, die Euch hierzu anlcitei, weiß ich. Auch sehe ich eS gern den Weibern nach, wenn sie ihre Heimlichkeiten haben, denn sie betreffen dann doch nur Kleinigkeiten, die sie verantworten mögen. Aber wenn ich an einem Manne ängstliche Besorgnis gewahre, die üch auSiprechen möchte, und es dann wieder doch nicht tkut, so wirb mir immer unheimlich zu Muthe. Jener kann nicht wissen, waS fnir wichtig ist oder nicht, und gewöhnlich treten bann Folgen ein, die um so erdrückender. weil unerwartet sie kommen. Daher forich, waS beküinmerr Euch?'Mas ist geschehen? Berichte -eS mir offen und ganz, um der Liede willen, die Du mir schuldest und deS Gehorsams wegen, zu dem Du gegen mich verpstichtet bist!" Ascher erbleichte anfangs; bald aber faßte er sich und iprach: „Meister, Eurem Gebote muß ich gehorchen, und am Ende ist eS doch besser, daß Ihr cs wisset, und mit Eurem klaren Geiste zu deurrheilcn vermöge!. Seit dem Tage schon, an welchem Ihr den verhängnisvollen Besuch und Sarah mußte ihm Rede stehen, da er, als sie forteilen 1 wollte, ihr den Weg vertrat." Der Jüngling war so aufgeregt,! daß er nur mit Mühe sprechen konnte. Der Rabbi redete ihm zu, sich -zu beruhigen, da ja Sarah wohlbehalten i zucückgekehrt sei. Er schaute dabei fernen Schüler so sinnend an, senkte seinen Blick so tief in den des Jüngling«, daß dieser fühlte, sein Meister hege noch Nebengedanken, welche ihn selbst beträfen. Endlich fuhr er ruhig, r fort: „Der abtrünnige Kämpfa, als er sah, daß Sarah ihn i anhören werde, sing mit so süßlicher Stimme, als feine , rauhe KeKle bervorzudringen vermag, ungefähr mir den Worten zu reden an t Was geschehen ist, Sarah, daran , bist Du allnn Schuld. Du hast es zu verantworten, daß ich in der Verzweiflung, in die Du mich hinausgetrieben, den Gon meiner Väter verleugnete, dem Gesetze untreu ward, mich unter den Söhnen Israels niederließ, mir bei ihnen Einfluß und Ansehen erwarb, und Deinem Vater und Euch Allen den Untergang geschworen und bereitet habe. Ja, führe Dir dies wohl zu Gemülhe, Du bist an allem diesem Schuld und Gott und den Menschen dafür 'verantwortlich, erwäge es ernstlich, damit Du beachtest, i was ich Dir jetzt zu sagen habe. Noch ist es Zeit, das * Unheil abzuwenden, das Euch Alle verderben wird. Wisse,; daß Deinem Vater der martervollste Tod bcvorsieht, denn : daß er die unerschwinglichen Forderungen des Grafen nicht erfüllen kann und wird, kann keiner bezweifeln. Aber » wohlan, reiche noch jetzt mir die Hand, und es «'oll Alles noch gut werden! Deinem Vater werbe ich die Wege ebnen, I baß er sich mit dem Grafen abfinden kann und aus der I Beorangniß zu den höchsten Ehren uud Würden Kerausgehr. | Ich aber werde mit Dir nach einem fernen Lande, ziehen, und reumülhig in den Schooß des Judentbums zurückkehren bei dem Grafen zu machen harret, sahen wir wiederholt jenen abscheulichen Verrather um dieses Haus schleichen. Wenn man es am wenigsten erwartet, raucht er von irgend einer Seite aut', springt er aus irgend.einem Winkel hervor, zeigt sich einige Augenblicke, entweder da- Gesicht zu teuflischem Hodne verzerrend, oder mit geballten Fäusten fürchtbar« Drohungen ausstoßend, und verschwindet dann schnell wieder. Er weiß es immer so einzurichten, daß er Einem von uns zu erstarrendem Schrecken überrascht. Wir müssen annekmen, daß er dieses HauS Tag und Nacht überwacht, denn auch aus dem Scharren der Nacht eilt er bisweilen Venen entgegen, welche von dem Studium des heiligen Gesetzes um die MilternachlSstunve Euch verlassen. Wüßten wir nicht Alle, die dieses Haus bewohnen, so treu wie Gold, wir müßten glauben, er hätte Helfershelfer hier,, so genau unterrichtet erscheint er von Allem, was wir hier vornehmen. Allein die« wäre noch erträglich, was hier geschieht, könnte Jedermann wissen. Aber . . ." der junge Mann stockte ein wenig, und der Rab?i mußte erst nachdrücklich : „Nun, aber *. auSrufen, bevor Ascher mit erhöherec Stimme, wobei sich eine flammende Röthe über sein Gesicht breitete, fortfuhr: „Aber vor Allem scheint eS der Böstwicht auf die theure. Sarah abgesehen zu haben. Viermal schon trat er ihr in den Weg und erschreckte sie zum Tode; das vierte Mal, gestern, in der entfernten Gasse, als Sarah ihre Muhme Hanni besuchen wollte. Er wies dar>'ch das sie begleit,nre Mädchen an, eine Strecke sich zu entfernen, weil er mit ihrer Herrin einige Worte zu sprechen bade. Ihr wisset, jene Straße wich wenig von Menschen besucht, „Und was antwortete Sarah dem Schurken?" frug gespannt der Rabbi. „Sie war zu erschrocken und betäubt, um anfangs Worte finden zu können. Kämpfa rief ihr daher immer dringender zu: Anworte, Mädchen, sprich ja. und es wird Dein Glück fein, antworte — und als sie nun immer mehr zurückwich und forteilen wollte, ergriff er ihre Hand und preßte sie mit eiserner Faust, und rief im furchtbarem Zorne: Wisse, daß, wenn Du mir nickt gutwillig folgest, erst Dem Vater niedergeschlagen wird, unk ich mich dann Deiner bemächtigen werde zu Deiner Schande und zur ewigen Qual! — Sarah schrie jetzt um Hülfe, und es war eine gnädige Fügung Gottes, daß ich gerade in diesem Augenblicke in der menschenleeren Gasse erschien. Mil gewaltigen Sätzen , eilte ich dem mit dem Bösewicht ringenden Mädchen zu Hülfe und stieß, unerwartet wie ich kam. dem Verrather vor die Brust, daß ec taumelte und niederstürzte. Dann ergriff ich die Hand Sarah's und zog sie eilends von dannen, bis wir die Schwelle dieses Hause« erreicht hatten. Sarah bedurfte mehrerer Stünden, ehe sie gefaßt vor Euer Angesicht treten konnte, so steht die Sache, und Ihr wißt nun Alles." Der Greis ließ sich in seinen Lehnstuhl fallen, und stützte das Haupt mit seinem Arme. Ec schien in trübes Sinnen versunken, und Ascher achtele sein Stillschweigen. Endlich hob der Rabbi bas Haupt rükver empor, blickte mir mildem Augen auf seinen Schüler, und richtete sanft die Frage an ihn: „Und wie kam e«, lieber Ascher, daß Du gerade in diesem entscheidenden Augenblicke in jener

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