Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 13 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4908862-5999374-6026471--2120-4910542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
51 i r Alles opfern, was wir entbehren können, und in Eure Hände legen." Der Graf blickte nicht auf. und schien auf die Worte Meirs gar nicht zu Horen, sondern nach einigen Stillschweigen begann er von Neuem. „Ich weiß, Meister, daß Ihr «inen unermeßlichen Ruf bei Euren Glaubensgenossen besitzet, daß sie Euch Alle kennen dis an die Küsten der Meere im Norden und Süden, daß sie Euch Alle verehren wie einen Daker und Gotlgesandten. Nun, so gebet jetzt Beweise für Eure Treue und Anhänglichkeit. Die Juden meiner kleinen Herrschaft vermögen Nicht-, selbst die von Schwaben und Franken genügen nicht; Alle, alle müssen diesmal ihre Kräfte vereinigen, um dem Könige zu helfen. Jetzt gilt es oder nie! Man hat mir mitgecheilt, daß Ihr, Rabbi, regelmäßige Verbindungen habes mit allen Gemeinden Eure- Volkes bis nach Polen und Böhmen hinein, bis ins Land der Ungarn und Sarmaten, daß Eure Boten Eure Beschlüsse überall 'hinschaffen, und bas solche oft zu Hunderten hierherkommen, um Eure Befehle abzuholcn, dies haben mir auch alle Leute in meiner Stadt bestätigt." „Ew. Gnaden sind der Wahrheit zu sehr zugelhan, als daß ich es nicht wagen dürfte, dies vor Ihnen als irrig;u bezeichnen. Wir haben keine regelmäßige Verbindung, kein Oberhaupt, weder geistliches noch weltliches, bei uns ist Alles freier Wille und freies Ansehen; und wenn die Juden meiner Nachdarstadt meinen Wünschen nicht Nachkommen wollen, so habe ich kein Mittel, sie zu zwingen. Freilich kommen oft Boten zu Mir, die mich über die Auslegung unsre- Gesetzes in Mein und Dein, in Ehesachen u. dgl. befragen sollen, aber selbst die Empfänger meiner Antwort brauchen meine Meinung eben nur alS eine solche anzusehen." Da sprang der Graf auf, trat dicht vor Rabbi Meir, der sich natürlich schnell von seinem Sessel erhoben, und sprach mit scharfem, schneidendem Tone: „Meister, ich habe hierüber mit Euch nicht zu biSputiccn. Ich traue den Berichten, die man mir gegeben. Mein Mund verkündet Euch nur, was der unwiderrufliche Wille meines königlichen Schwagers ist. Ihr seid ausersehen, das Werkzeug deS Kaiser« für alle Juden des Reiche« zu sein. Er will,/baß Ihr ihn binnen acht Wochen 20,000 Mark GoldeS als einen Beitrag zu den KciegSkosten auSkiefert, und eine gleiche Summe drei Monate später. Ihr haftet für die Erfüllung dieses Befehl« mit Eurer Person, und habet die Erhebung nach Gutdünken zu vectheilen. Daß Ihr ihm gehorsamer, erinnertj Euch an das Schicksal Tile Kolup's, der, die Majestät de« verstorbenen Kaisers Friedrich II. nachäffend, sich für diesen au-gcM, bann aber der Gnade Rudolph'S sich erg^b, dennoch auf dem Römerplahe in Frankfurt lebendig verbrannt ward.. Nicht minder aber weiß der König seine getreue Anhänger zu belohnen, und so verheißt er Euch durch mich, falls Ihr ihm treu dienet. Euch zum Hochmeister aller Judeir de« Reichs zu machen,;um Ober- Rabbi von Deutschland, dem Euer Volk -in allen Dingen unlerkhan sei, und der« dessen Gerechtsame vor Kaiser und Fürsten vertretet . Der Rabbi war bei dieser Anrede, deren Ton ihm schon die Unumstößlichkeil des kaiserlichen Entschlusses und gräflichen Willens verkündete, in sich zusammcngefunken und wie vor Schrecken erstarrt. „20,000 Mack GoldeS in acht Wochen und ebensoviel drei Monate später! Mein Gott, meine ganze Gemeinde hat nich^ 100 im Äesitz und wohin der Arm 'deS Kaisers nicht reicht, da soll' stiem schwäche- Wort Gewclt äuSüben! . ." „Genau genommen", setzte der Graf etwamildehinzu, „Hader Ihr gar. keine Wabl. Wir müssen d S Geld haben, und so müsset- Ihr eS liefern. Eure Person, Meister, ist Eurem Volke zu lieb, als daß eS (luch im Stich lassen wird; und.wiederum, wenn Ihr Eure Person zum Opfer bringen wolltet, waS wäre Eurem Dolle damit genützt? E« würde großen Schaden leiden, und mehc leisten müssen, als wir jetzt verlangen. Aber der Augenblick drängt, und wir müssen uns auf Euch verlassen. Die Ju m sind. zähe, aber so Ihr rufet, werden sie Gehör gebe». Ich entlasse Euch daher jetzt, treffet aber Eure Maßregel! i schnell und benimmt. Daß Ihr genau überwacht werdet, stell« ich einem Manne anheim, den Ihr kennet, und b!r Euch gern in, seine Schlingen, fangen möchte." Der! Graf trat zurück und machte ein Zeichen »er Entlassung.! Rabbi Meir kam zu seiner darrenden Schaar zurück, -der wiet er zu ihr gelangt, er wußte selbl nickft> Scin Geist war wie im Taumel, sein Gemüth wie<rtoschen. Es war ihm. als ob er seine ganze Vergangenheit t ergessen, und nur vie einzigen Worte auS ihr übrig g, blieben: 20,000 > Mark GoldeS in acht Wochen, und' di gleiche Summe nach drei Monaten! Dunkel erinnerte er sich, dap, alS er den Corridor wieder zurückgetaumelt, a iS einer geöffneten Nebenthüre ihm baS Gesicht Kämpf voll Hohn und Spott entgegengegrinzt habe. Ader r w* ihm hieran gelegen in einem Augenblicke, wo dü höchste Bedränßniß auf ihn und die Seinigen hereingebrochen war. ' (ttcnfcgaitg folgt.) 4 , ' 4 Me Spinne. Erstens hatte eine Spinne Ein Gewebe sich gesponnen, Unv ihr größt' Vergnügen war eS Sich darinnen recht zu -sonnen. u- Glaubte, büß die Fliegen alle Nur für sie allein geschaffen Und von deren Fleisch gemästet War sie ruhig eingeschlafen. Ihr Gewebe, dafo luftig, — Galt ihr mehr als alle Erden: Doch in ihrem schönen Wahne Sollte bald zerstört sie werden. Denn ein.dienstbefliff'ner Genius, Angethan mir-Haupt und Schürze, Ward deordett von der Hausfrau, Daß er jenes Umhin stürze. Als der Genius, den man sonst auch HauSqiagd wohl betitulirl. Mir dem Besen, feinem Zepter, Ihr Gewebe hat berühret. Rief die. Spinne au« mit Grausen: „Erd und Himmel untergehn"! Doch sie siel und trotzdem allen Blieben Erd und Himmel steh'n. i v.