Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 12 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
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Mit den Zähren hatte sich daher sein Ruhm über alle > Gauen Deutschland» und der Nachbarländer, ja ^i» in da» ferne Morgenland, in da» Land gebreitet, auf welches immer noch die Augen de» verfolgte^ und in den Staub getretenen Israel» gewandt waren; au» allen Gegenden nahm man in schwierigen Fällen feine Zuflucht zu ihm, selbst die gefeiertsten Lehrer seiner Zeit schätzten e» sich zur j Ehre, auf ihre Anfragen von ihm Auskunft und Antwort . zu erhalten; seine Aussprüche galten al» unbestreitbare! Autorität; und dabei Hallen die Rothenbur^er Juden die j GenuglhuuAg, daß man ihren Radbi nach ihrer Stabt ( denannte, und darüber vergaß, daß sein Geburtsort Worms gewesen. Zum Eitze de- Rabbi Meier von Rothenburg j strömten Schüler au» allen Weltgegenden, pilgerten greise j Männer, um zu feinen Füßen zu sitzen und aus seinem! Munde die Auslegung des göttlichen Wortes zu empfangen und es war nicht selten, baß sich dreißig bis vierzig Boten! auf einmal in der Stadt aufhielren. welche Briefe gebracht j und auf die Ausfertigung der Antworten warteten. Auch > dem Grafen von Hohenberg war dies nicht entgangen;! bei aller Verachtung, die man damals allgemein gegen die [ Juden hegte, schmeichelte es ihm, daß seine Stadt soviel! und so rühmlich genannt ward, und schon öfter hatte er! den Rabbi vor fich kommen lassen und sich mit ihm über | Dinge allerlei Art besprochen, wobei ihm daS Wissen und i die Geistesgegenwart des. großen ManneS Bewunderung j «-gewann. | Es wahren schwere Jahre über die Juden Süddeutsch» j .lands gekommen. Durch den Aufruhr des Grafen Eder, j hard und der mir ihm verbündeten Herren und Städte und die KriegeSzerrütlung, die darauf folgte, waren die Bande der Zucht überall gelöst, und die» hatten zunächst die Juden zu empsinden. Ta Alle» brandschatzte, der König die Fürsten und Städte, diese ihre Unrerthanen, Bürger und Bauer und selbst die Klöster und Kirchen, glaubte das Volk sich berechtigt auch seinerseits die Juden zu brandschatzen, obschon diese ihren genügenden Theil bereits nach Oden abzugebrn hatten. Rabbi Meier ging in einem niedrigen aber geräumigen Gemach in dem Hause, daS ihm die Gemeinde zu seinem Wohnsitze eingeräumr, unruhig einher. Er war ein kräftig gebauter Mann von mittlerer Größe, dem man trotz seiner Jahre die Frische und die Energie beS Geistes und Körpers ansah. Zwar war sein Haupt mit silberweißem Haare bedeckt, und hing sein Barr in grauen Locken weit über die Brust hinab, auch trug ec Kopf und Nacken nach vorn gebeugt, was, wenn Hichr von der Last der Jahre, von der Gewohnheit tage- und nächtelaoger Studien herrührte; aber die hochgewtzlbte Brust, die kräftigen Schultern und Arme und sein nachdrücklicher Schritt und Gang zeugten von dem regen Leben, das dadrinnen wob. Sein Angesicht war nicht schön, nicht ebenmäßig; der etwas breite Mund, die große Habichtsnase, ein spitzes Kinn und die tiefen Furchen, die sich von dem innem Augenwinkel über das Gesicht hinunter zogen, gaben ihm im ersten Augenblick« keinen anziehenden Charakter. Aber die leuchtenden 'Augen, die trotz ihrer Adschwächung durch das lebenslange Studium, ein großes Feuer ausströmten, die hohe weiße Stirn, durch lange Denkerliniea durchzogen, die erhabene Wöldungüber den Augenhöhlen, und vor Allem die Selbst» beherrschung und Sanftmuth, die sich über das ganze > Wesen, die Geberden und die Haltung des Rabbi gelegt, und, wenn er zu sprechen begann, mir seiner wohlklingenden Stimme sofort dem Hörer «zum Herzen und Bewußlseist drangen, flößten Jedem der dem Radbi gegenüber trat, Achtung und Zuneigung ein. Er befand fich im vollen Staate; angelhan mit einem schwarzseibenen Kaftan reich . mit Sammet besetzt, und um die Hüften mit einem schweren seidenen Shawl umwunden, der in langen Enden herunter- > hing; eine pelzverdramte, in eine hohe Spitzt auslaufende j Sammelmütze auf dem Haupte; und schon hatte ec wie ( zum Ausgehen bereit einen großen Stad mit goldenem Knopfe in der Hand. j In dem Gemache, in welchem sich nur, als damals j noch von großer Seltenheit ein Regal mir Pergament« i düchrrn und Rollen gefüllt auszeichnere, befand sich noch ein j junger Mann, der ehrerbietig an dem in der Milte des! Zimmer» befindlichen Tische stand, und aufmerksam aus j den hin und her schreitenden Radbi blickte. , „Was ist es, Meister", hob jener an, „was Euch heute! so ungewöhnlich aufzucegen scheint, das Licht Eures Geistes j und der Lonnenschein Eures Glaubens verscheuchen jede! Dunkelheit. die sich aber dennoch heute auf Eure Stirn! gelagert hat, und aus Euren Augen schaut? Verzeiht meine | Dreistigkeit, aber mein, Herz hängt zu sehr an Eurem j Friesen und tzurem Wohlsein, und Ihr habt niir de» j Vertrauens schön so viel geschenkt. Der Herr Graf hat | Euch doch schon so oft zu sich entboten und Euch seine j Gnade bezeugt, als daß der Umstand Euch beunruhigen I könnte, baß Ihr abermals zu ihm beschieben worden." „Du hast Recht, mein lieber Ascher. DieS ist e» nicht, was an sich mich beunruhigen könnte. Aber es kommt Diele» zusammen, was mich außerordentliche Ereignisse, und zwar trübseligster Art, vorauSahnen läßt. Ich fürchte, ich fürchte, mein Sohn, die Zeit des Frieden» und des Glückes ist auch für un» hier ^u Ende. Esav hat zu lange geruht, und die Tage der Sicherheit für Israel sind immer und überall gezählt." Die Brust des greisen LehrrrS hob sich zu schwerem Seufzer, und sein Blick verdüsterte sich. „Und welche sind die Anzeichen, Meister, die Euch so schweres Unheil voraus sehen lassen?" „Wie, Ascher, hast Du vergessen, welche Greuel am ganzen Rheinstrom, im Bayerland und an vielen anderen Orlen an unsren Brüdern in der jüngsten Zeit verübt worden sind? Gedenkst Du nicht mehr, daß vor drei Jahren in Mainz das Volt die Juden überfiel und verbrannte? Ist es nicht im vorigen Jahre erst in München ebenso hergegangen, man hat das Ghetto gesperrt, die Häuser von allen Seiten angezündet und Männer wie Weiber, Greise wie Kinder in die Flammen geschleudert? Gestern erst kam ein Bote aus der schönen Stadt Oderwesel an und brachte die Kunde, daß dort die Mönche eines Franziskanerkloster» die Juden eines Christenmordes beschuldigten und den Pöbel aufhetzren, so daß die dortige Gemeinde in der höchsten Gefahr schwebt. Ach, laß nur diesen Geist des blutigen Hasses wieder einmal entzündet sein, und er wird bald wie eine verheerende Seuche von Ort zu Ort dringen und Gemeinde nach Gemeinde in den unersättlichen Schlund de» Verderbens stürzen. Nun wälzen sich jetzt die Schaaren des wilden Eberhard den Grenzen unsres Landes immer näher, und Du weißt selbst, daß wo diese