Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 11 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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42 — Park« selbst. Keineswegs trat aber das Individuum für die Gesammlheit seiner Parkei, und ebenso wenig war die ^Gesammtherr für die sich zu ihr bekennenden Individuen verantwortlich.*) Jeder-konnte auch nach Belieben von einer Partei zur andern übergehen, was ja bei einer solidarischen Vereinigung nicht möglich gewesen wäre. Und wirklich finden wir den Pharisäer Johann Hyrkan (136 v. Chr. —105) zu den Saduzäern übertreten, ohne daß irgend wie auf ihn ein Zwang ausgeübr worden wäre. Muß nun das Jüdenthuin nach dem eben Gesagten von vorne herein jegliche Solidarität zwischen seinen Bekennern entschieden zurückweisen, so ist die Wahrnehmung wahrhaft unerquicklich, daß man uns noch in heutigen Tagen eine Solidarität vindiciren will. die am allerwenigsten in dem Wesen de^ JudenthumS und ebenso wenig in den Tendenzen begründet ist, die wir befolgen. Es ist dieses folgende. Wenn ein Bekenner des Judenlbums irgend eine Strafe verwirkt, ist man also gleich geneigt, die Strafbarkeit, die ja nur dem Einen anhaftet, auf die unschuldige Gesammtheit zu übertragen. Aber warum knüpft man nicht dieSlrafbackeit an die Individualität der Person, die sie verwirkt? Und wenn man die S r r a f b a r k e i t des Einen auf die Gesammrheit überträgt, warum überträgt man nicht auch diesem analog das Verdienst des Ein^lnen auf dieGesämmrheic? Und mitwelchem Rechte will man das gefamm re Judenthum für die Sünden einzelner seiner Bekenner verantwortlich machend Hat es je einen jüdischen Verbrecher gegeben, der sich darauf berufen konnte, daß seine Religion dergleichen lehre? Wie, machen auch wir die Bekenner unserer Tochterceligion verantwortlich für die Sünden Einzelner in ihrer Mitte? Nein! unsere Religion spricht den schönen Grundsatz aus: T-n' vccnz O'j» (Sied, auch Num. 16, 22. u. f., Wird es wohl einem Vernünftigen einfallest, einen gewissenhaften Lehrer für die Sünden verantwortlich zu machen, die sein entarteter Schüler begangen? Ebenso wenig kann man mit Recht die höchste Lehrerin, Religion, verantwortlich machen für Sünden einzelner cukarterec ihrer Kinder. Wie kommt es aber, daß man gegen uns eine Theorie anwender, die nicht nur den Begriffen unserer Religion, sondern aüch den klaren Vernunftschlüssen Hohn spricht? Um diese Theorie vollends in ihr Nichts zurückzuführen, ist es nokhwendig, daß der Leser mit uns. auf ihren geschichtlichen Ursprung, zurückgehe und diesen drs auf die heutige Zeit verfolge. Das Jubenrhum trug stets auf feiner Fahne die Devise : Licht und Wahrheit. Dieser Devise entsprechend, trug es auch Lickt in Alle Orte, die sein Fuß betrat. In Orten, die sein Fuß nicht betreten und in Gegenden, aus denen man es grausam verjagt, ist schwarze Finsterniß, so daß man heute noch, wie im Mittelalter das.Lesen der Bibel mit Zuchthaus bestraft (Spanien-. Als weitere Belege mögen noch folgende geschichtliche Facta in aller Kürze folgen. — In Adiabene entsagte der heidnische König Jzates und dessen Verwandte dem finstern Heidenlhume/von dem göttlichen Lichte des JudenthumS erleuchtet (47 n. Ehr.). — Mehre römische Große, selbst eine nicht genannte Kaisrrstochrer sind von dem lichtvollen Gehalte des JudenthumS durchdrungen und bekennen sich *> Bon den öfjaern ist dies nicht richtig, da diese z. B. Gütergemeinschaft hatten. Die Stedakt. heimlich zu demselben. — Miteiner Auswanderung persischer Juden nach Indien wird Licht und Bildung dahin getragen (im6lenJahrhundect) und ebenso dringt Licht und Aufklärung nach China mit der Einwanderung mösopotamischer Juden daselbst. — Im Jahre 230 steigt auch in Arabien (Jemen) die jüdische Religion auf den Thron, nachdem daS Licht des Judenthums dem Herrscher die Schuppen des HeidenthumS von feines Geistes Augen genommen u. s. w. Wie von den Griechen Kunst und Wissenschaft in die . Wett gedrungen, also ging aus dem Juventhum die Erleuchtung in die Welt. Mohamed legt viele Lehren des JudenthumS seinem Islam zu Grunde. — Der Stifter der Kirche sagt ausdrücklich, „daß auch nicht ein Tirelchen vom Gesetze fallen' dürfe". — So lange nun die Kirche noch nicht die Herrschaft besaß, lebte sie auch mir ihrer Mutterreliqion in Frieden. Als sie jedoch in Konstantin (All—337) den ersten Kaiser unter ihren Bekennern gezählt hatte und unter den Päpsten Gregor II. und III. selbst über die Kaiser Präponderan; sich errang, da nahm sie eine dem Judenrhume feindliche Stellung an. Warum dieses? liegt auf der Hand. Das Papstrhum mußte, um seine Herrschaft;u sichern, das Volk in demGlauben erhalten, es sei ihm der Stuhl Petri unmittelbar von Gort übertragen. Es sah bald ein, daß bas Licht und Erkennlniß ausströmende Judenthum seinen Zwecken hinderlich fei. Sollte das Volk dem Papstrhum blindlings glauben lernen, so durfte es nicht das reine Goltesworr lesen; konnte es aber nicht von den eben so dibelkundigen als gelehrten Juden wahres Licht über feine Lage erhalten? — Die Juden mußten also unschädlich gemacht werden. Zunächst wird ihnen das-Bürgerrecht entzogen, es werden ihnen die heiligsten Menschenrechte nach und nach abgenommen, sie werben aller Ä^prttr und Würden verlustig erklärt und auf Kleinhandel desihrankr, bis endlich Papst Johann XXII. 1326 gebot, daß sie ein Abzeichen an der Brust tragen sollten. In dieser systematischen Verfolgung lag eine Solidarität unserer Gegner. — Weltliche Herrscher folgten diesem Beispiele, ihnen voran Ferdinand der Katholische, ein Herrscher, auf dem die „dreifache Schmach der Ungerechtigkeit, Untreue und stuchwürdigsten Verfolgung lastet (Rotrek)". Dieser errichtete das abscheuliche Tribunal der Inquisition in Spanien gegen die Ketzer, und als auch dieses fruchtlos war. erließ ec 1402 das bekannte Edikt, das den. Juden befiehlt, bei Strafe des Todes und der VermögenSconfiscarion, sein Reich zuverlassen. Vergebens waren die Bitten gelehrter und angesehener Juden um ihr; Menschenrecht, vergebens ihre Vorstellung, wie mit der | Verkreidung so vieler productiver Glieder dem Lqnde dec i größte Nachtheil entstehe. Ja, man ging sogar noch wrij rer, dec Fanatismus der Menge wird gegen die Vertrie-! denen aufs höchste geschraubt und durfte sie ungestört! schmähen. Diese Scenen wiederholten sich zu verschiedenen Zeiten und an Orten, die des Klerus schwerer Arm erreicht harre. — Die Kreuzzüge, ebenfalls eine Ausgeburt hierarchischer Gelüste, fanatisirten das Volk gegen di« Juden, wiewohl ihr Krieg dem Islam gelten sollte. — Nach Beendigung der Kreuzzüge wären es Locatverfolgungen, unter denen die Juden zu seufzen hatten. Was für Landplagen das Land auch heimiuchea mochten, die Juden sollten immer schuld daran sein. Als 1348 und 40 der schwarze Tod über fast ^anz Europa wülhete und 25 Millionen