Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 11 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt Bcfeönuifl unk) Unterhaltung aut jüblschem'^ebtetk Herau-gegebrn von fNo. 11. 1862.] Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. Bon dieser Zeitschrift erscheint wScheotlich ein« Nummer. Preis des Jahrgangs 1 Th>r. Bieneljährig 7 ‘X Ngr. Alle Buchhandlungen, PofläMer unv AeirungsekVedinooe» nehme» Betzelluugea an. ^9. Aalirg. 1. HuarÄl.^ Solidarität im Judenthume oder nicht? Motto: Und waan Schmach gefallen Auf Deines Stammes Glieder, Das reize Dich zum Eifer, Daß Du es kämpfest nieder, Daß Du abschleifen helfest Der langen Zeiten Rost, Und in die alten Schlauche Füllst kräftig jungen Most. Philippsou (Saron l, Seite 3S2). Solidarität im Judenthume oder nicht? bas ist eine der brennenden Fragen, die, obwohl ihr Alter diin die erste Zeit der steigenden Macht der Kirche hineinragt, dennoch heute ihre genügende, praktische Lösung in der Ge» sellschaft noch nicht gefunden. Don der oft absichtlich falschen Beantwortung dieser Frage ist so manche Undill herzuleiten, die uns da- Vo'curtheil und besten Schwester, die Bo-H«it, zugefügt. Um so dringender entspringt hieraufür undie Mahnung, daß fich innerhalb de- Jubenrhum« Stimmen erheben zur richtigen Beantwortung dieser Frage, und daß wir diese der Welt gegenüber in ihrer richtigen Bedeutung darzustellen suchen. Wir dürfen dieseum so unerschrockener thun, alin heutigen lichtvollen Tagen die Wahrheit immer mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, so daß sie sich Gehör erzwingt, auwelcher Quelle sie auch fließe. Egab allerding- Zeiten, wo die Wahrheit nur auder Quelle einer bestimmten Religion, und inner» kalb dieser wiederum aueiner bestimmten Partei fließen mußte, wenn ihr die hohe Ehre zu Theil werden sollte, al- Wahrheit anerkannt zu werden. Gott Lob! jene Zeiten sind vorüber, und die Menschheit kommt immer mehr zu der Ueberzeugung, daß die Wahrheit, alsolche, Gemeingut Aller, und daß sie, sobald sie nur at< solche erkannt ist, auf die gerechte Würdigung Aller Anspruch hat, und daß vot ihr Lüge und Dorurthekl fliehen müssen, wie Finsterniß vor dem Lichte fliehet. Zurück jedoch zur Beantwortung unserer Frage: Solidarität im Judenrhume oder nicht? Mit andern Worten: Bilden die Bekenner de- Judenthumeine Verbindung, deren Angehörige Alle für Einen und Einer für Alle in allen Dingen zu haften verbünden sind? — Wir antworten hierauf entschieden mit Rein. — Wobl hat die Zeit verschiedenartige Verbindungen geboren/ deren Tendenzen ihren Gliedern «ine Solidarität nvthwendig machten, im Jubenthume sucht man aber vergeblich ihre Wieg« und Existenz. Vielmehr sind dtef^ in der Kirche und der Zeit ihrer Herrschaft zu finden. So entstand der 1491 von Ignaz von Loyola gegründete und vom Papste Paul III. 1540 bestätigte, nachher ebeüso mächtig alberüchtigt gewordene Jesuitenorden, dessen Mitglieder außer dem Gelübde der Befolgung der Regeln anderer Orden, noch da- Gelübde udlegten, solidarisch zu haften für die Verb« tung de- Gehorsamgegen den Pavst in Allem, waden T imst der Kirche und vorzüglich gegen'Ketzer und Ungläubig! beträfe. — Ebenso entstand 1241 zum Schutze merkai ltller Interessen der berühmte Hansebund, dessen Angehöric e solidarisch für den Schutz ihrer Handel-interessen gegen 'eilig, hafteten. — Und^ endlich waten edie Zünfte, Jnnr ngen und'Gilden, &i« im Mittelalter fo sehr florirten, n elche zum gegenseitigen Schutze ihr r materiellen Interessen entstanden und dediesen verw indren geistigen Eigeath' m-. In der Erweiterung der Hierarch e, in der gegenseitigen Wah :ung merkantiler Interessen und endlich in dem gegensei igen Schutze materiellen Besitzeand dediesem verwar dten geistigen Eigenthumist me^r und minder der Ursp ung zu suchen deganzen Derein-wesen, daauf Solidarität seiner Angehörigen beruht. — Vergebenbemühen wir unaber amtz>nur eine dieser drei Quellen, denen'die Solidarität entspringt, im Wesen de- Judenthumzu entdecken. Nicht nur bricht sein Stifter Mose über da-? ►rlfis zip der Hierarchie den Stad, wie wir au- Num. 11, 22. u. das. 12, 3. ersehen, er verheißt auch Deuteron. 18, 15. dem Volke au-drücklich einen Träger seiner Ideen zvm Nachfolger, und macht also >das hierarchische Prinziz für alle Zeiten im Judenrhume unmöglich. — Ebenso »atte Mose jegliche Verbindung chit den Nachbarvölkern, also auch die commercielle, adzuWneiden gewußt. Eine 8 ereinigung zur Wahrung merkantiler Interessen ^st also > nler diesen Umständen nicht denkbar. — Endlich hätten j i die große« Strafen, die auf Uebertretung der göttlichen G bare gefetzt waren, hinreichende ^Bürgschaft gegeben für den Rechtlichkeit-sinn und die Rechtschaffmheit de- Volke- und jegliche Verbindung zur Erlai igung dieser Bürgschaft i derflüssig gemacht. — Also keine Solidarität im Judentum«! Wohl waren zur Zeit dezwklten Tempeldie I den in drei Religiondparteien get eilt, aber es waren »lese Parteien keineswegs Verein«, deren Glieder sosida <sch für einander hafteten,- sonhem ehatten jede der Karteien ihre besonderen Ansichen über verschiedene Religion-- und Zeitftagen, und sich zur Ansicht der einen o»er andern bekannten, zählte man Individuen die zur