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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 5 (1862) · p. Seite 19

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
5 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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19 digen Rachel, auf der Frucht deiner Ehe lasten." — Niedergedrückt von der ganzen Wucht seine« Schulbbewußtseinwagte er nicht die Augeni zu den ihn Umgebenden emporzu, heben; stumm schlich er sich von ihnen weg, lenkte wie ein Träumender seine Schritte in die finstem Winkel de< Gartens, irrte da lange umher, von Niemandem aufgesucht, von Niemandem getrosten In seinen ungeheuren Schmers sich immer tiefer versenkend, sann er auf Mittel, wie er seinen in ihm allmälig reifenden Entschluß auszuführen habe. Rachel hatte nach langem starren Hinbrüten datobte Kind auf ihre Arme gerafft, und es mit inniger Inbrunst an ihren Busen pressend, verschwendete sie die zärtlichsten Liebkosungen an dasselbe. Man versuchte ihr das Kind zu nehmen; aber mit wilder Tederde, mit stierem Auge, aps dem der Wahnsinn mit allen seinen Schrecknissen blickte, wehrte sie jeden Versuch ad; man war genöthigt, es ihr zu lassen; als sie jedoch nach Verlauf mehrerer Stunden keine Bewegung im Kinde sah, leuchtete allgemach ein Schimmer de- Bewußtseinin die Nacht ihrer Seele, und als sie sich ihreentsetzlichen Verlustebewußt wurde, brach ihr stummer Schmerz in wilde- Rasen aus. Unaufhörlich klagte sie sich als die Mörderin ihres Kindean. — Lange aber konnte ihr angegriffener Körper den gewaltigen Stürmen ihre- Geistenicht widerstehen; sie brach endlich zusammen. Ihre Glieder fingen an krampfhaft zu zittern, bisie in eine Fiebergluth verfiel, die ihr das Bewußlsein raubt« und sie auf da- Krankenlager warf. Einen langen hartnäckigen Kampf hatte von nun an dajunge Leben mit dem Tode zu bestehen, der schon seine eisig« Hand nach seinem Opfer ausstreckte. — Unaufhörlich wachte Schalum beim Krankenlager seine- Weide-, daer am Rande des Grabes liegen sah. Blaß, abgehärmt, brachte er einige Nächte zu, lauschend auf jeden ihrer schweren Athemzüge. freudig bebend beim jedesmaligen Auflodern ihrer Lebensflamme, verzweifelnd die Hände ringend, wenn die- : selbe zu erlöschen drohte. Die Seldstantlage, durch feinen Leichtsinn und seine Treulosigkeit der Mörder seines Weibes zu sein, verlieh seinem Schmerze einen tief verwundenden Stachel. Endlich erfolgte ein« Krise, die die heilsamsten Folgen hatte, und dem Tode war endlich sein Opfer entrissen. . Aber nur mit langsamen Schritten nahte die Genesung, nur nach und nach nahmen dje geschwundenen Kräfte Rachels zu. Lang« währte es, ehe sie sich im Bette aufrichten und Schalum für seine Zärtlichkeit, für seine unausgesetzte Sorgfalt ihrm heißen Dank stammeln konnte. Mit inniger Aufregung erfaßte sie seine beiden Hände, und sie an ihr Herz drückend sagte sie, während ihre Augen dm zärtlichsten Ausdruck der Liebe annahmen, „nie, nie werde ich Dir davergessen, was Du an mir gethan!" Wie zerrissen dies« Worte das Herz Schalum-, welchen Contrast bildeten sie zu dem, wain den Tiefen seiner Seel« vorging. Währmd delangwierigen Siechthums seines geliebtm Weibes hatte Schalum Muße genug, über seine mißlich« Lage reiflich nachzudmken. 2!» ihm wurde es klar, daß für ihn und sein Weib kein Glück mehr blüh« , da auf ihnen der Fluch seines Meineidschwer laste. — Wohin er sein Auge wende», sah er nichtal- Elend, daer angestistet; und welchen andem Ausweg audiesem Labyrinthe konnte er «inschlagm, aldm, den die Pflicht und bas Gewissm, diese Stimme Gotteim menschlich n Her» zm, einzufchlagen hießen? — Und hat» ihm ni«»t Gott dmrlich genug seinen Willm kund gerhan? So eift« in ihm der Entschluß, da- Band, dader Meineid jeknüpft, wie sehr au^h sein Herz dadek bluten werde, zu j »reißen, und jeneverlassene Mädchen aufzusuchen, und th ’ nieder Leben und Ruhe und Glück zu dringen. Die Aul fiihrung diese- Entschlusses aber mußte er aufschieb^u, di, Rachel völlig hergestellt sein wexd«, diesen fürchterlichm Schlag ertragen zu können. Die Entscheidung. Al- Rachel sich wieder etwas erholt hatte, saß einst Schalum am Divan, auf dem sie ruhte, mit wehmüthigem Gefühle bas blasse abgehärmte Antlitz seines Weibes betrachtmd, in dessen Brust an die Stelle des vorigm Schmerzes eine stille Resignation gezogen war. Sie r chte eine Weile wie in einer andern Gedankenwelt verloren, als wenn sie aus dem tiefen Grunde ihrer Seel« dunkele Gestaltm heraufdeschworm hätte. Schalum entging - dies nicht, er befand sich seinem Weide gegmÜder in 1b« peinlichsten Lage, — da er sich inne ward, daß auch ne etwas auf dem Herzen tragen müsse, das sie in solch« neberhafte Aufregung versehe. Endlich machte sie dem peinlichen Schweigen «in Ende und fing an von der Zeit ihrer Krankheit zu fprechm. „Welche wunderbare Phanlaj^n har mir diswe lm mein fieberiges Gehim vorgespiegelt", sagte sie halb zu ihrem Manne gewendet, indem ihr forschender Blick aber fein Gesicht gleitete, „ich kann mich noch jetzt nicht ohr e Schau, dem daran erinnem." I „Einst kam es mir vor", fuhr sie nach einer Veile, ln. der sie mit gesmktem Haupte nachsinnend gesesea, fort, „als stände ich unter einem mir ganz fremdm Himmelsstriche; rings um. mich her eine leblose Wille Natur. So weit das Auge schweifte, nichts als der gilbe lockere Sand der Wüste, in dem kein Fußtritt eines lebenden Geschöpfes eine Spur zurückgelassen. Ein qualvo!ller Durst schien das Mark in meinen Gebeinen verzehren ^u wollm. Plötzlich gewahrt mein spähendes Auge eine Erstem« im Schalten einiger Palmm. Ich eile ihr zu, mein: lechzende Zunge mit einem frischen Trunk zu laben, do tritt mir auderfelbm eine Frauengestalt mtgegen. Welt >e schauerliche Erscheinung! Schmächtig und hochgewa, »sen ttLgt ihr hagere- Gesicht Spuren großer Schönheit. L>areich« braune Haupthaar wallet fesselloüber Schiiten» und Nackm. Ja den ttefdlaum Augm glüht eia unheimliche- Feoer, dem d«< Wahnsinnähnlich. — Alsie mich erblickte, bäuchte es mir, als schleuderte« mir oi«fr Augen Blitz« de- Zomezu. — Nach kurzem Zögern tritt sie auf mich zu, und währmd sie mit der rechten! Hand auf ihre Brust zeiget, streckt sie die Linke «eit -ui. Eisiger Schauer durchrieselt mein ganzes Wesen. Unwillkürlich folgen meine Blick« der Richtung ihrer linken Hand, und o wehl wagewahrt mein Auge? Unser erst»« Kindchen, auf dem Loden liegend, ringt mit einem WieÜl, das sich um dasselbe klammernd, es erwürgt. Ich will lauffchreien, will ihm zu Hilfe - eilm, aber meine Kehle ist wie zugeschaürt, mein Fuß. wie festgebannt. — Erblich erfaßt mich bas schreckliche Weib bei der Hand, un > mich zur Eisten» führend, zeigt eg mit dürrer fleischloser Hand

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