Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 5 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4908862-5999374-6026463--2079-4910509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18 bis ihn ein reicher Glaubensgenosse Jsaac Landauer im Jahre 1732 dem Herzoge Carl Alexander und dessen Gemahlin im Bad Wildbad als Makler, Agent empfahl. „Zuost ist sein Handel gwea mit Ross« und mit Goysa (Ziegen) Doulo wio dcS oer reacht. Profit hot wolle hvm'a, Hei ihm aS Mackla drusi ankomma mit am geld, Und het se noch und noch bei zraußa Haira gmeldt^' singt ein Spottlied damaligerZeit in schwäbischer Mundart. Er war damals also in der Dlürhe seiner Manneskraft, 40 Jahre — nach Dillinger, der seine Gebürt in daS Jahr 1708 verlegt, erst 34 Jahre — alt. Die Bilder aus damaliger Zeit, welche den Spottschriften auf ihn vorgedruckt waren und sicher nicht beabsichtigten, ihmzu schmeicheln, gaben ihn als eine stattliche imponirende Persönlichkeit wieder, von hohem Wüchse, regelmäßigen und inreressanteri GesichtSzügen, mit hoher Stirn, schon gewölbten Augenbrauen, dessen Blick ebenso Herrschsucht und Selbstbefriedigung, wie die aufgeworfene Unterlippe und das hervertretende feiste Kinn Sinnlichkeit verriethen. Die mächtige Aloageperrücke umrahmt gravitätisch das ausdrucksvolle Gesicht, der hämisch spöttische Zug am Mundeerhöhl den stolzen Eindruck, welchen die reichvecbrämre, goldgestickte Uniform mir goldenen Knöpfen, der schon geflochtene Zopf, die kostbare Brillantagraffe am feinbartistenen, shwalartig um den HalS geschlungenen Tuche hervorbrinzen. In diesem Bilde würde Jedermann einen Fürsten oder hohen Staatsmann jener Tage, nicht den in Dunkelheit geborenen Sohn eines Jüdischen Bänkelsängers suchen. Unser Süß, von hochfahrendem, unternehmendem Geiste, demüthig und -stolz, listig und keck zugleich, gewann bald hen vollsten Einfluß auf den graddenkenden, aber ungestümen und eigensinnigest^ürsten. Sein Humor, fein geschmeidiges Wesen verstanden eS, das ihm öfters - entgehende Wohlwollen des Fürsten immer wieder aufzufangen. WaS seine Zeitgenossen alS die Wirkung eines bösen Zaubers anfahen, der Einfluß auf den Monarchen — das war nach seiner eigenen Angabe nur die Folge seiner Schlauheit und seines Eifers. Er selbst gsebt uns den Schlüssel zu diesem Räthsel, wenn er (Art. 27 seines späteren Verhör-) auSsagt: daß er mit Eifer seine Pläne verfolgt, dem Herzoge sie schlau vorgetragen habe, und wenn abgewiesen, nach einer Viertelstunde damit wieder vocgetreten fei. Am meisten, so scheint eS mir, half ihm der Widerwille de» auf feine Herrscherrechte eiferfichtizen Fürsten gegen die Stände, welche diesem insgeheim und dem Süß offen zümten. Wir wollen nun die Thatfache selbst sprechen lassen. lFonsrpunz felgt.) Die Zeugen der Liebe. Eine Erzählung nach dem Talmud. von LeonMendelSburgin RowogretwolinSk. (Zweite >blhei!>uig.) l Forts Da- Lerhaogviß. Rachel verband mit der Tiefe der Empfindung einen hohen Sinn für die Schönheiten der Natur, die in ihrer ganze« Umgebung so mannigfaltig, so imposant war. So pflegte sie denn, da- Kindchen auf^dem Arme, im freien Raume oft zu weilen, zwischen ihren Blumen zu wandeln und nichts glich dann ihrem Glücke. An einem der herrlichen Abende lustwandelte sie zwischen den Blumenbeeten umher, den Sohn auf den Armen tragend. Lieblich spiegelten sich die Purpurblüthen der untersinkenden Sonne in den Wasserstrahlen der Fontaine, die in Millionen Tropfen zerstiebend, wie ein Regen von Rubinen und Smaragden in daS große marmorne Bassin plätschernd herniederfielen. Ein frischer abendlicher Luftzug, auf seinen leichten Fittichen balsamische Düfte tragend, strich durch die Kronen der Palmen und die Wipfel der Cypressen. DaS GeliSpel der Arste und Blatter vermischte sich wunderlich mit dem Geplätscher deS Springbrunnens. Das lebhafte Kindchen, angezogen von den Regenbogenfarben der Wasserstrahlen hüpfte auf den Armen der Mutter, und streckte dem Fardenlpiele feine Händchen entgegen, als ob eS dieselben haschen wollte. Rachel trat dem Wasserbecken näher, um dem Kinde diese- Schauspiel naher zu dringen, aber unversehens stolperte ihr Fuß an Etwa-, sie stürzte, und da- Kindlein entsank ihren Armen in die Wassermasse. Sie schrie laut auf, raffte sich mit Blitzesschnelle empor, griff schnell nach dem Kleidchen de- Kinde-, aber eS war zu spät, .der Wasserwirbel de- Bassinhatte eS mit sich fortgecissen, und in seinen Schoß begraben. Herzerschütternde Jammerrufe erstritten bald diesen lieblichen Aufenthalt de- Friedens. Allewar herbeigeeilt; das Kind wurde dem leben-feindlichen Elemente entrissen, aber eS war nicht mehr in'S Leben zu rufen. Rachel stand versteinert wie eine Säule au- Marmor gemeißelt da. Nur die gräßlich stierenden Augen, die auf die Leiche des Kindegerichtet waren und in denen sich der unsäglichste Schmerz malte, gaben Kunde, daß in ihr noch Leben sei. — Kein laut der Klage entfuhr ihren Lippen, keine Thcäne feuchtete ihr Auge; sie fand keinen Au-druck mehr für ihren betäubenden Schmerz. — Auch Schalum war herbeigeeilt und plötzlich von diesem Schlage niedergedonnert, vermochte auch er keinen Laut von sich zu geben; aber in jeder Gesicht-mu-kel zuckte eschmerzlich; jede Miene verrieth da- Weh, daam innersten Nerv seine- Sinnes furchtbar zerrte. Alleblickte stumm auf diese Gruppe de- Elend-, die Herzen Aller durchzog eine dunkele Ahnung bei einem Strafgerichte Gottegegenwärtt'g zu sein. Denn wie? Sollte eeitler Zufall fein, daß zwei Kindchen in so -zartem Alter einegewaltsamen Todestarben? — Wer aber war dev Schuldvolle, der dieseschreckliche Strafgericht auf sich gezogen? Die jammervolle Rachel konnte eunmöglich gewesen fein; ihr ganze- Leben lag vor ihnen so rein, so makellos, wie der unbewölkte Himmel, der jetzt auf diese Jammerscene so mild, so heiter hemiedersah. Aller Augen fielen unwillkürlich auf Schalum, dessen verzerrte GesichtSzüge nicht so sehr den Ausdruck des Schmerzes als vielmehr den der GewissmSbisse annahmen. — Wessen sterbliches Auge aber vermochte in die tiefen Kalten dieseschuldbeflecktm Herzenzu dringen? — Die Folterqualen einiger Miautm hatten Schalum zum neuen Menschen umgewandelk. — Jene unbewußten Zeugen seiner schnöde gebrochenen Schwüre hatte der allgerechte Richter zu Werkzeugen seines fürchterlichen Strafgerichtgemacht. „Länget, sagte er fich, „soll nicht der Fluch deine- Meineidauf der unschul-