Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 4 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Zeugen der Liebe. Eine Erzählung nach dem Talmud - von Le-on Mentelrburg in NowegrobwvliuSk. (ZweiteNdihcU»»g.*I Der Irrsinn. E» ist hohe 3m, ju jenem weiblichen Wesen zurückzukehren, da-, während Schalum die Früchte feine- Meineidsich zueignet, sich in Sehnsucht verzehrt. Oer Frübling war geschwunden, und mit allen seinen duftreichen Blüthrn wurden auch alle Blüthentraume dein Liede und Treue harrenden Mädchen-, abgestreift. — Sulamith hatte die Ankunft de- Geliebten von Tag zu Tage erwartet, undjeder Tag brachte nur neue Täuschung. Ader noch entsagte sie der Hoffnung nicht. Wie vermochte sie «-, da sie «hr zur Leben-bedingung geworben i Mitten im finstern Kummer. der ihr Gemüth zu umoachten drohte, leuchtete chr blonoch ein Strahl der Hoffnung. Ihr liebende-Herz war unerschöpflich in Erfindung neuer Vorwände, umden Abgott ihre- Herzenvon jedem Verdachte eine- Treubruchs zu reinigen. Mit aller Gewalt ihre- Gemülbschüttelte sie die giftigen Nattern de- Zweifelad, die sich um ihr Her;;u legen drohten. Immer wiederholte sie sich von neuem, baß er endlich kommen würde, Treue und Liebe zu belohnen, seine ihm entgrLenharrenbe Braut heimzuführen, und sollte er nicht erscheinen, fügte sie hinzu, ich bleib« ja meinem Herzen treu, wenn e< auch darüber brechen müßte. Oft trieb esie hinaus auf den Weg gen Jerusalem, sie irrte lange herum, dasehnsüchtige Auge spähend nach der Gegend gerichtet, von wo er kommen müßte. — Wie ein zarte- Reh. davom Geschoß de- Jägerverwundet ist, irrte sie rastloumher, die brennende Wunde im dlu» lenden Herzen. Auch in die Nah« de- Earmel lenkte sie ihre Schritte, dessen fchauervolle, öde Einsamkeit mir der traurigen Stimmung ihre- Gemüthso sehr harmonirte. Den stummen Fel-wänden klagte sie ihr Leid und den Namen de- Geliebten in die Berge hineinrufend, gewährte eihr Trost, diesen rheuren Namen vom vielfachen Echo wirvertonen zu hören. So versenkte sie sich immer mehr in ihrm Schmerz, so wühlte sie in ihrem eigenen Busen, ohne sich Jemandem mirzurheilen, ohne in der Theilnahme eine- Andern Trost zu suchen, ohne an der Brust de- Daterodex Debora'- ihren Schmerz au-zuwei^en und Beruhigung zu finden. — Der greise Barer sah gramvoll diesem castlpfen Treiben seiner geliebten Tochter zu. An der büstern Flamme, die in ihrem Auge glühte, erkannte er, welcher Gram an ihrem Innern nagen müsse. Er litt unendlich, zu sehen, wie sie weder Ruhr noch Rast fand, wie ein unsägliche- Weh, dasich in den innersten Sitz ihrer Seele geschlichen, ihren Geist und Körper untergrub, und diese herrliche Blume vor der Zelt welke« ließ. Er bot Alleauf, um auf die Spur dieser schrecklichen Umwandlung seine- Kindezu kommen. Sie hing sonst mit so vieler kindlicher Ergebenheit an ihm, *) Die erste LbtheUung s. v. Jahrgang, €>. 193. ff. aber jetzt wich sie scheu zurück vor dem forschenden Auge de- Bgter-, damitleidsvoll auf ihr ruhte. An einem schwülen Sommerabende, da ein anziehende- Ung,wirrer Sulamith verhinderte, ihre Ausflüge in di« Umgegend zu machen, und daheim zu bleiben nöthigte, saß der Greis mit kummervoll gesenktem Haupte, der schrecklichen Seelenverfassung seiner Tochter nachsinnenb. Diese hatte am offenen Fenster Platz genommen. Ihre gramumflorten Augen stierten in da- Halbdunkel der ländlichen Gegend hinaus. „Der Barer warf bann und wann einen mitleidsvollen Blick auf die verstörten Züge desonst so herrlich blühenden Gesicht-. Da beschloß er noch einen Versuch zu machen, den geheimnisvollen Schleier zu lüften, der ihr Geschick verhüllte. Er näherte sich also seiner Tochter, und legt« die Hand auf ihre Schulter. Da- Mädchen zuckte bei dieser Berührung zusammen, und wie von einem schweren Traume erwachend, schautesiezum Vater auf.währeav ihre Augen sich mit Thränen füllten, die ihre blassen Wangen herabrollten. Noch ist Rettung vorhanden, dachte der Grei-, noch ist'- Zeit, sie ihrer Seelenpein zu entreißen, da sie ihr noch Zähren au-pressen kann, und mit einer weichen, liebevollen Stimme, die audem innersten Sitz feiner Seele kam, sagte er. „O meine theure Tochter, wie sehr hast Du Dich verwandelt, wie wenigerkenne ich meine Sulamith wieder, die einst so fromm, so gottergeben war, die einst ihren Vater so liebte, und ihm nicht-, was ihre Seele bewegte, vorenthielt. O ich fürchte, sie habe Beide zu lieben, verlernt, ihr Her; habe sich von Beiden gewendet, dämm sind ihre Leiben so unsäglich, darum findet sie keinen lindernden Balsam für ihren im Busen tief verschlossenen Schmerz." — Ergriffen von der Inhalt-schwere seiner eigenen Worte hielt er mm, er konnte nicht weiter sprechen, fein väterliche- Her; überfloß und schwere Zähren rollten seine gefurchten Wangen entlang. Dieser Anblick zerriß dem Mädchen da- Herz, und sie ergriff die welke Hand de- Vateruffst bedeckte sie mit tausend heißen Küssen, aber sie vermochte kein Wort hervorzubringen, ihre Zunge schien gelähmt. — „O Du hast kein Mitleid,n mir Deinem Vater", fuhr derselbe fort und ihre Hand ergreifend, zog er sie an seine Brust und sagte mit einschmeichelnder, rührender Stimme. „Erschließe mir, mein theurcü Kind, Deine Seele, sage, wahat die Rübe Deinereinen Herzengetrübtl O ich fühle e-, groß mizS^Dein Schmerz fein, da er sich, zwischen mich und Dich^eworfen, da er meine Sulamith ihrem Vater abwendig macht." Aber, aler sie noch immer in düsterem Schweigen befangen sah, alsie gesenkten Blickestumm und sprachlos blieb, sagte er, indem er sie sanft von sich stieß: „O ich febe, Du hast Alle-, Alleverloren. Treu und Liebe, Glaube -.und Hoffnung. Du bist ein verlorne- Kind!" und da- Gesicht mit seinen Händen bedeckend, jammerte er, „dahin rst die einzige Hoffnung meine- Leben-!" Bei diesen herzzerreißenden Worten sprang da- Mädchen zum Greise hin, und ihn umarmend rief sie. „O mein Vater! noch hat Dein Kind nicht Gott vergessen, noch habe ich nicht meinen Vater zu lieben aufgehört! Nie habe ich mehr Gott vertraut, aljetzt in meiner höchsten Noth; nie inniger zu Ihm gebetet, aljetzt, da ich so große- Leid im Herzen trage. Einst wirbsichjedoch austlären, warum ich leibe, aber dnnge nicht in mich, vor dee Zeit Dir mein Herz zu erschließen, nicht lange mehr und Alle-