Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 4 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur! JJefeöruiu] uni) Aiilerhattung aus jüdischem Gebiete. Herau-gegeben voll Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. \ fNo. 4. 1862.] «ou tiefer Zeilfcknfr erfi&tist wöckeatti» eine Rümmer. Preis des I«br» gaozt l Thlr. Bikneljähriz 7 U Ngr. Alle Buchtz»udt»»Aeu. Poft^wrer und Zeitungsexpeditientn nehmen BefleKuagen an. [9. Jahrg. 1. ^krtal] Plaudereien. In der Tiefe der Menschenseele liegen viele Räthsel, deren Lösung und nicht möglich, und die immer wieder auf eine höhere Hand Hinweisen, welche diese Knoten im Menschengeiste geschürzt und deren Entwirrung sich Vorbehalten har. Diese Räthsel bestehen vorzugsweise in Wider, sprächen und Gegensätzen, die sich einander aufzuheden und darum gar nicht vereinbar scheinen. Ader sie sind da —7 das ist die Thalsacht. , Je mehr ich im Lehen vorrücke und an Jahren hinter i mir bekomme, desto mehr solcher Widersprüche deckm sich! mir auf. Spreche ich heute von einem derselben. Ich j erinnere mich kaum einem Menschen begegnet zu sein, welcher die ihm verflossenen Jahre, noch einmal hätte durchleben mögen, der gewünscht harre, seine ganze Vergangenheit noch einmal durchzuwandern, der sich vor diesem Gedanken nicht gesträubt und ihn nicht entschieden abgewiesen hatte. Wohl hörte ich sie sagen: Ja, würde ich meine Jugend noch einmal durchleben müssen, so würde ich ganz anders bandeln, ich würde dies und dies thun, jenes unterlassen, so daß es ganz anders kommen müßte. j Aber hiermit sprechen sie ja schon auS, daß sie eine-Wieder» j holung ihrebisherigen Lebens durchaus n,cht wünschen. > Und diesen nun gegenüber di« außerordentliche Anhänglichkeit am Leben, dieses zähe Hoffen für die Zukunft, diese- > Ertragen größter Mühsale, um nur das Leben, selbst in. der traurigsten Weise, selbst bei den größten Entsagungen, fortzuspinnen! Dies ist ein Widerspruch, für welchen es eine genügende Erklärung mir nicht zu geben scheint. Man? weiß, daß die Zukunft ja auch nichts Anderes bringen werde alS die Vergangenheit, die wir nicht wieder haben wollen; ja daß im Gegenthell mit dem weiter vorrückenden Atter wir Vieles entbehren werden, was die unsere verflossen« Zeit freundlich geschmückt und mit Genüssen bereichert har; wir wissen, daß unS ja nicht viel mehr und Anderes aufbewahrt sein kann, alwir schon immer gehabt. Daß demnach die Zukunft auch nichts Andereals eine Wiederholung der Vergangenheit enthalten werde — und dennoch diese energisch zurückgewiesen, jene noch energischer festgehalten und, falls es nöthig, mit größter Aufopferung errungen! ... ES läßt sich hierüber Vielesagen; wir sehen auch ein, daß dieeine sehe weise Anordnung degöttlichen Schöpferist. Dmn wenn wir unsere Vergangenheit sehnsüchtig zurückwünschten, würden die Tage, die j wir noch zu leben haben, sehe verbittert fein, wie diedenn'! einem von bösem Gewissen geplagten Menschen, und der! auf eia verlorenes Leben zurückblickt, auch wirklich geschieht. Und wenn wir gegen die Fortsetzung unseres jedenso überaus gleichgültig wären, wie doppelt schwer fiele unS jene Bürde, und wie leicht unterließen wir jedes Streben und jede Anstrengung. Ader daist unertlärlId}, auf welche Weise der Schöpfer dies« Gegensätze ir dieselbe Seele gesenkr und sie in so natürlicher Folge ven inigt hat. Eine andere Bemerkung, die jedoch mit deai Vorhergehenden just nicht in Verbindung steht, und auch;ar keinen Widerspruch enthält, will ich hier noch hinzufü ]«n. Eist merkwürdig., wie die Zeit, je weiter wir im Ltden vorschreilen, desto schneller uns vergeht. Wie lang streckt sich in der Jugend die Zeit von einem Jahresanfpng zum anderen auS; wie unendlich weit scheint sich her Raum eines beendeten Jahrehinter uns auszudehnen! lJm Gegenrheil kommt uns die Zeit im späteren Alt^r immer flüchtiger vor; die Tage, Wochen, Monde, Jal re fliegen pfeilschnell vorüber; e in Jahr reicht dem andern 0 sehr die Hand, daß die und begrüßende des alten Ja »reS noch nicht kalt geworden zu sein scheint, wenn die warm« des neuen JahreS unS schon erfaßt. " Ich weiß noch nicht, ob dies im Greisenalter auch,- oder gar noch mehf der Fall ■ sei; von der Zeit d,S Mittelalters weiß und fühle ich ,S - jeden Tag mehr. Woher kommt dies nun? Pflegt doch; unsere Lebensweise im späteren Atted geregelter, regelmäßiger ' geordnet zu sein als in der Jügchd, und sollt« man doch glauben, daß dasich immer Wisderholende länger erscheinen möchte. Ich habe einen Vergleich dazu. So fange unS eine Gegend, eine Stadt,"Une Straße, selbst eine Wohnung neu und unbe?annt^ ist, so lange erscheint sie uns viel größer und weitläufiger, al».später, wenn wir: sie genau kennen und ihrer gewohnt sind. Ein Wegfalls welchem wir jeden Baum, jeden Stein kennen, bäucht uns viel kürzer , als derselbe, da wir ihn die ersten Male bettaten. Eine Straße, auf welcher wir jede' Ecke, jedes hervorstthende Gebäude kennen, dünkt uns kürzer, und wenn sie noch so weit sich auSdehnt, als eine weit weniger lange, aber unS unbekannte. Alles verliert an Größe und Ausdehnung , je genauer wir eS kennen lemen. Sollt« dies mit dem Leben ebenso sein? Und wenn wir erst die Stationen des Lebens kennen gelernt, den Wechsel der Jahreszeiten, die Aufeinanderfolge der Feier» und Fest-, sowie ber Trauer- und Schmerzenstage, den Wandel von. Lust und Weh, von Gewinn und Verlust genauer Überschaum, sollte uns dann di« Zeit flüchtiger, ihre Abschnitte kürzer,, ihr« Wiederkehr rascher, weil bekannt und erwartet, erscheinen?