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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 3 (1862) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
3 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 führten, daß man bei einer weiteren Reise Gott danken konnte, wenn man unbeschädigt an- Ziel gelangte. DaS Alleertrugen unsere Väter geduldig, ohne eine Hand der .Verbesserung anzulegen. Es war ein integrirender Thril der „guten alten Zeit," in welcher wahrhaftig der Zopf nicht bloS hinten am Kopfe, sondem überall heraus hing, so daß er Einem von jeder Seite her ins Gesicht schlug; an jedem Hause, in jeder Stube, auf jeder Straße, an jedem Wagen hing ec, und wo nicht? — — Und nun, als die Eisenschienen die Ebenen Deutschlands zu durchfurchen begannen, als das Dampfroß die Entfernungen um daS Zehnfache veringerte! Doch das weiß noch Zeder auS eigener Anschauung. Nur will ich dem jüngeren Leser zuflüstern, daß, alS vor 2- Zähren die ersten deutschen Bahnen eröffnet wurden, die meisten Mitfahrenden die erste Zeit hindurch doch von einer gewaltigen Angst geplagt wurden, und die bewegte Phantasie jeden Augenblick einen der furchtbaren Unglücksfälle erwartete, von denen man auS Nordamerika und England gehört hatte. Die Gewohnheit stumpfte daS bald ab. Der Verständige wunderte sich übrigens bei der Beförderung durch die Eisenbahn weniger über die Schnelligkeit, als vielmehr über die erstaunliche Leichtigkeit, mit welcher Hunderte von Passagieren nebst ihrer Bagage in wenigen Minuten untergebracht wurden und dennoch richtig ans Ziel g,langem, was so sehr von der Umständlichkeit bei den Postanstalten abstach, welche um jeden Passagier und um jedes Packet ein Reglement von vielen hundert Paragraphen zu befolgen halten. Die Juden iu der bäher'schen Pfalz. Deutschland — im Stillen für etwaviel Besseres als den vomehmsten Hebräer; die Zeugnisse alter Judenverachtung in Dolkssprüchen und gemeinen Redebildern sind noch im vollen Glanz lebendig, und derselbe Mann, welcher dem todtm Juden mit Freuden ein Grab neben seinem eigenm gönnt, sagt darum doch noch immer von jeder ungesalzenen Suppe: „sie schmeckt wie ein todter Jude." Ganz ebenso geht es mit der Toleranz der christlichen Confessionen unter einander. Von den ehemaligen Reibungen zwischen.Reformirren, Lutheranem und Katholiken hat der VolkSmund in Sprüchen und Spottnamen zahllose Denkmale bewahrt. „Kreuzköpfe" waren die Katholiken, „Dickköpfe" dkk Lutherischen, „Spitzköpse" die Reformirten; die letzteren Bezeichnungen stammen wohl von der Kopfform Luther'- und Zwingli'- (Calvin-?). Zudem nannte der andersgläubige Pfälzer die Reformirten auch „Wasserköpfe," weil sie bei der Taufe eine ganze Handvoll Wasser über dm Kopf de- Täuflinggossen. Der lutherische Gebrauch einer Oblate, und der reformirte eine- Stückchen Kuchenbeim heil. Abendmahl gab zu mehreren etwafrivolen BolkSsagen Anlaß, die vor fünfzig Jahren noch mit wenig Witz und viel Behagen in der Pfalz -aufgelischt zu werden pflegtm. Ein Vers, der zu unserer Barer Zeit mit einer charakteristisch spöttischen Melodie noch viel gesungen ward, zeichnet die drei pfälzischen Religionsparteien folgendergestalt: „Die Talviuisten Sind gar keine rechten Christen; Die Katholiken Stecken voller Rank' und Tücken; Und die größten aller Ochsen Sind die luther'schen Orthodoxen." In der höchst interessante» Schrift: „Die Pfälzer, ein rheinische- Dolk-bild von W. H. Riehl. Stuttgart 1857" giebr der, zwar nicht gerade von Judenhaß, aber doch von starker Antipathie beherrschte Aerfassec folgende Schilderung (S. 375.). lSchi»tz.) Pfälzische Toleranz. Bei aller Zerstückelung der Glauben-parteien haben die Pfälzer nach langen Kämpfen sich mdlich vertragen gelemt. Sie setzen «inen besonder» Stolz darein tolerant zu heißen. Im vorigen Zahrhundert gab eauch in pfälzischen Stabten noch Zudengassen und Judenviertel, und aldamals Dürkheim wieder zur' Stadt erhoben wurde, mußten die Juden ihre an den Hauptstraßen gelegmen Hauser den Bürgern gegen einen Adschätzung-preiüberlassen, und sich, nahe vor dem Thorfchluß der alten Zeit, noch einmal in den Nrbengassm anbauen. Heutzutage wohnen sie in der Pfalz nicht nur unter den Christen, sie liegen wohl gar neben ihnen begraben. Auf dem Kirchhof zu Landau umschließt dieselbe Mauer christliche und jüdische Grabstätten, und nur ein schmaler Fußweg scheidet die B<- kmner dealten und neuen Bunde-. Doch hat auch dje Toleranz im Dolk-bewußtsein. ihre Grenze. In der französischen Zeit, wo die Civilehe zwischen Christen und Judm gestattet war, ist ttotzdem kn der heurigen Pfalz keine solche abgeschloffea worden, und wenn der gemeine Mann hier theoretisch auch noch so tolerant gegen die Juden ist, so hält er sich doch — wie überall in Da hier jede Confession ihren Hieb kriegt, so könnte man meinen, es habe wohl ein Pfälzer Jude di,sin Deraufgebracht. Er ist aber ganz gewiß christlicher Abkunft, ein Zcugniß des Humorder pfälzischen Aufklärung im achtzehnten Jahrhundert, die hier in ihrer Weise ausruft: „Eure Ringe sind alle drei nicht ächt!" Bei den „Ränken und Tücken" mochte man wohl an die damalig« raffinirte Proselytenmachern der Katholischen in der -Pfalz denken, und daß die Lutheraner am schlimmsten von allen wegkommm, befremdet nicht, denn sie sind lange genug ln diesem Land« die am meisten gedrückte und angefeindrte Partei gewesin. Ullterhaltucgs- Pillen von LouiS Lehmann in Bad-Homburg. Einige Mittheilungen, die ich voriges Jahr in Ihrer Zeitung machte, hatten di« Ehre von mehreren französisth- und deutschjüdischen Zeitschriften wiedergegeben zu werden, ohne daß eine Angabe der Quelle dabei stattfand. Darauf hin schrieb mir mein jüngrer Bruder: unsre jüdischen Zeitschriften, 'selbst die Orthodoxen, gehen größtentheilS mit keinem guten Beispiel voran, indem'sie an dem Spruche hoomer dober beschem omroh rc. ganz vergessen. Wie ich aber schon oft bemerkte, giebt Herr Dr. Philippfon dagegen jedeSmal die Quelle an, woraus er eine Correfpondenz

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