Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 3 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt Zur Belehrung uni) AnterhaNung aus jüdischem stekiete Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. rm f» 4 1 Bou dieser Zeitschrift erscheint wSchemlich riu« Nummer. Preis des Jahr» rn ew «. H t lNo. 3. 1862.1 1 lÄÄÄÄS »ftÄ [». Mrg. 1.4 Quartal.] Plaudereien. Wer so 50 oder 60 Jahre'zurückdenken kann, der wird sich', bei aller Pietät vor unseren Vätern — ich meine hier nicht bloS unseres Glaubens — eingestehen, daß sie in vielen Dingen auf eine unerklärliche Weise zurück waren, und daß wir seitdem auf dem Boden der Erde so außerordentlich gearbeitet, wie es vielen Jahrhunderten kaum möglich scheinen könnte. Ich will den Ersteren keinen Vorwurf daraus machen, daß sie. keine Dampfböte, Eisenbahnen und^ Telegraphen gehabt, wenigstens waS die elektromagnetischen betrifft, denn große Erfindungen sind Sache der göttlichen Fügung. Aber daß alle ihre Comunicationsmittel im schlechtesten und kindlichsten Zustande waren, daß die civilisirtesten Länder kaum durch ein paar Chausseen durchschnitten waren, alle anderen Wege in abscheulichem Zustande, Knüppeldämme, Felsblvcke, Sandwüstm oder Moräste, bas Postwesen noch «in jämmerliches, alle Arten Fuhnverk zum öffentlichen Gebrauch von gröbster Art — dasind Dinge, über welche sie wirklich hinaus sein konnten, die nur Thätigkeit und Geistesfrische erforderten, um längst anders zu fein. Herr! wie viel Zeit hatten unsere Väter zu verlieren und wie viel Geduld zu erproben! -Auf eine Strecke Landes, die wir jetzt in 13 Stunden zurücklegen, brachte man noch vor dreißig Jahren 2 volle Tage, vor sechzig Jahren 4 Tag« zu. Eine Fahrt von meiner Vaterstadt nach Leipzig nahm einen Tag in Anspruch; war man einige Stunden gefahren, so rief der Kutscher den Reisenden zu: „heraus und zu Fuße! Denn ein Sandweg, viele Stunden weit, 'machte es nochwendig, daß die Pferde nichts weiter al» den Wagen zu ziehen hatten, der Reifende mußte Stundenlang durch den Sand, der bis über die Knöchel reichte, waten. Riemals werde ich einer Straße vergessen, die nach dem benachbarten Z. führte, der erste Theil des Weges war mit Ungeheuern Steinen gepflastert, die natürlich ebmso viele, vom Regen ausgewaschene Vertiefungen zwischen einander hatten, so daß der Postwagen, welcher selbstverständlich noch keine Federn hatte, hin und her stieß, bald auf «inen Block hinauf, bald von ihm herunter rutschte — eine Straße, die den ärgsten Hypochonder zu kuriren vermochte. So ging es bis zur Elbe; über dieselbe in einer Fähre, die Stunden gebrauchte; dann kam der Sandweg, in welchem die Räder mahlten, und wo, traf man es in der Sommerzeit, Hitze und Staub, dann im Fährenwalde erstickender Harzgeruch den Reisenden plagten. So ging es in wechselnde!: Weise. Der Postwagen . . . Schauer der Erinnerung ... wie war der beschaffen! Auf der bedeutendsten Heerstraße war es ein langer, auf den Axen ruhender, unbedeckter, blauaogestrichener Wagen; vorn wurde» ein oder zwei öedersitze eingehängt und den Hinterraum d» Wagens füllten die Packele. Diese blieben selbstverständlich nicht an ihrem Orte, sondern tanzten auf den holpriäen. Wegen nach vorn, um die Füße der Passagiere herum^ die das von den hochzurespectirenden Postgütern ertragen mußten. Regnete es, so wurde eine Lederdecke über die Backet« gelegt, — der Reifende war natürlich solcher vättr ichen Für, sorge nicht werth, und mußte zusehen, wie er sich schützen könne. So schlich dieser Wagen, von zwei Gaule, gezogen, seinem Ziele zu, wie es diesen und dem Postillem beliebte. So erschien dieses königlich preußische Gefährte zjveimal-tzie Woche. Welche Revolution, als daraus mit eßnem Male eine Schnellpost wurde! Der große, wohleingerichrete, in Federn hängend«, weichgepolsterte, mit Fenstern versehene, geschlossene, schon lackirte Wagen, in welchem Gepäck und Reisende getrennte Räume einnahmen, wie er usitec schmetterndem Blasen des PosthomS, von 3 oder! 4 raschen Pferden gezogen durch die Straßen rasselte — wie lang e sammelten wie Kinder der Stabt sammt obligafem Pöbel uns täglich um das Posthaus, die ankommenve oder abfahrende Kutsche zu bewundern, und mit welchem Wohlgefühl stiegen die Passagiere ein, ließen sich auf die numerirten Plätze nieder, rückten sich zurecht und hui! gingdavon! Darin lag gber auch noch eine besondkre Befreiung. Wer «pie Lohnkutsche bestiegen, sei eine regelmäßige oder eine besonders gemiethete, war »amit dem Fuhrmann auf. Gnade oder Ungnade hingegeber. Wie der fuhr, wo er anhielt und liegen blieb, wie viele er zusammenschichttte, alles Dies bestimmte er als ununschränkter Herrscher, der, dieser Macht bewußt, sie auch despotisch ausübte. Mit solchem Kerl mußte man wie mit einem weichen Ei umgehe»; man that alles Möglich!, um ihn bei guter Laune zu erhalte», und dabei hatt a die ihm gespendeten Schnäpse oft die entgegengesetzte Wirkung. Welch eine Freude, wenn es dem Kutscher gefi:l, vor einem der zahllosen Krüge und Schenke» vorüb erzufahrtn, ohne anzuhalten! Wehe dem, der es sich befallen ließ, wenn nach 3stückdiger,^oft unterbrocheaer Fahrt 2—3 Stunden ausgespannt und gefüttert wurde, dem Kutlchec zu bemerken, daß man nu« wohl weiter fahren könr e — welche Grobheiten erhielt man zur Gegenrede, und wie war nun der schöne Fried« auf immer gebrochen! Dabei versteht es sich von selbst, daß die kracklichen Wag a aüf den schlechten Straßen und Wegen tausend Unglücks älle herbei.