Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 2 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4908862-5999374-6026459--2065-4910498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7 Der Handel in Algerien nach den drei „ Religionen. .SuS der so eben erschienenen Reise in das Innere von Algerien von Or. Max Hirsch. Berlin 1862.) Der eigentliche Großhandel, alS die überseeische Ein» fuhr und Ausfuhr, und das Banquiergeschaft, ist in den Händen der eingewanderten Europäer (worunter auch viele Juden au- Frankreich, Deutschland und Italien). Di« Eingeborenen, vorzüglich die Kabplen in den Hauptstädten, beschäftigen sich jedoch mir dem Auskauf der. LandrSproducke, Getreide, Wolle, Oel u. s. w. in ziemlich großem Maßstabe. Außerdem sind eausschließlich die einheimischen Muhammedaner, die den auswärtigen Landhandel mir Tunis, Marokko und dem Süden, der großen Sahara und dem Negerland, so wie auch den Binnenhandel zwischen dem nördlichen Ackerlande (Tell) und dem südlichen Weidelande (Sahara) betreiben. Der örtliche Kleinhandel endlich läßt sich in drei Kategorien theilen: derjenige mit allerhand Zeugen, europäischen und afrikanischen, mit fertigen Kleidungsstücken und Schmucksachen ist vorwiegend das eigenthümliche Gebiet der Juden (wie ja fast in allen Ländern der Erde, von Rußland bis zum Mississippi und Neuholland!); derjenige mit sonstigen europäischen Fabrikaten, mit Colonialwaaren und geistlgen Getränken liegt in den Händen der Europäer; der Kleinhandel endlich mir Lebensmitteln und einheimischen Produkten aller Art ist den Plauren verblieben. Selbstverständlich ist diese Ein, theilung nur im Allgemeinen wahr und gültig; sie wird besonders durch den Umstand beeinträchtigt, daß der Europäer und der Einheimische am liebsten von seinem LandSmanne kauft, schon um der Sprache willen. Andrerseits findet innerhalb der drei Religionsgenossenschaften wieder eine ziemliche deutliche Geschäftstheilung nach Nationalitäten starr. So, um nur einige Beispiele anzuführen, haben in Algier die Malteser den Gemüse-und Fruchthandel gänzlich an sich gerissen, die Spanier kaum minder den Tadagieveckehr — und der Himmel weiß, wie bedeutend und einträglich derselbe ist, und wie sehr er den Bierverschleiß überlrifft, den natürlich die Elsässer sich nicht haben nehmen lassen. Unter den Muselmännern sind die betriebsamen Kadylen im Alleindesitz des Getreide - und Mehlhandel»; die Mosabiten (es sei mir gestattet, vom eigentlichen Handel hier adzusehen) halten die zahlreichen Badehauser; die BiSkri sind Lastträger und Commifsionaire; die Neger endlich weißen die Häuser mit Kalk, während ihre Frauen waschen und die beliebten „GaleUes“ (Brolkuchen) auf den Straßen verkaufen. Es würde zu weit führen, wollte ich diese merkwürdige Geschäftstheilung in allen ihren Einzelnheiten darstellea; aber das wird der Leser sich vorstellen, daß es ein buntes Bild ist, dieser algerische Verkehr, wo jeder Zweig gleichsam sein eigene» Costüm, feine eigene Sprache, seine eigene Nationalität besitzt. Nun denke man sich das Gewühl einer Straße oder eine- Marktevon Algier, die bunten Farben der Gewänder und Kopfbedeckungen, die Abstufung in dm Farben der Gesichter, vom Schwarz de- Ebenholzes durch das Braun de» Mahagonidizum Weiß de- El, fendeine-, da- Chaos der Maaren, der Stoffe von den Ufern de- Niger und vom Gestade der Irischen Meerenge, der Früchre von den Oasey de- Dattellandes und von den Garten der Normandie, und man wird den mährch nhaften Zauber begreifen, den selche Scenen auf das Auge und die Sinne denordischen Europäerhervorbringt! Eigentlich glänzende Magazine sieht man in ltlgerien überhaupt nicht; doch besteht rin gar bemerkbare, Unterschied zwischen den stattlichen Läden der Christen uid Juden in den Hauptstraßen einerseits, und den offen<n AuSständen der Moslemim in den Seitengassen, wohin sie groß, tentheils zurückgedrängt worden sind — die letzteren so schmuctloS, klein und unansehnlich, daß sie mehr Hötrrbuden gleichen, als wirklichen Lädm. Glaub« aus nicht, daß du hineingehen kannst, um deine Einkäufe zu b,sorgen; kaum daß der phlegmatische Verkäufer darin Plitz hat: für dich ist die Straß« breit und schattig genug.- Da ist ekein Wunder, wenn die Mauren immer mehr ^farmen und in Folge dessen auch an Zahl adnehmen. Nach den amtlichen Aufzeichnungen ist" seit der Eroberung (wie evor derselben sich verhielt, darüber hat man natürl ch keine bestimmte Kunde) i cer den Mauren aller Städte de Königreichs die Zahl der Gebotenen geringer, als die der Gest »ebenen^. Bei den Juden stthr es gerade umgekehrt, und dies ist »erbeut-' lichste Ausdruck ihrer wirthsLaftlichen Uebrrlegenheir. 1 »enn vor der Eroberung hatten die Juden sicherlich keine bessern und größeren Läden, als die Mauren; aber durch Wiss nschafrlichkeit.und die so ausgezeichnete Gejstes-Elasticita t haben sie sich den Anforderungen der europäischen Bev llkerung in jeder Beziehung anbeguemt. Während ihre m. urischen Nachbarn im Wesentlichen nach fast dreißig Jahren! er französischen Herrschaft in Tracht, Sitte und Sprache, in Anschauung und Beschäftigung ganz die alten gebliiben, ist bei den Juden eine förmliche Revolution in allen Verhältnissen eingerrerm, dergestalt, daß sie in einem V enschenalter äußerlich und innerlich ganz europäisier sein werden. Und man glaube nicht etwa, daß diese Juden Europa zeitlich oder räumlich näher standen, al» ihr« nnhammedanischen Landsleute. Die Mauren und die Jud,n Algeriens (so wie der ganzen Becderei) sind beide groi ientheilS di« Nachkommen jener hoch geblldeten, betriebsamen und glücklichen Bewohner Spanieos, welche di« Uadu> dsamkeit der Castilier aus dem schönen Vaterland« vertpeb n, da» sie weit mehr noch durch Pflug, Kelle und Webst chl, als durch die Waffen erworben halten. Beide so ilühende Zweige des semitischen VölkerstammeS hat dann m Afrika die Sonnengluth, und mehr noch der Druck türkifch-tartarischer Roheit verdörrt und vertrocknet. Aber dir Zweig der Juden ist zäher, der höhere Geist de» Mofaisinns hat den Innern Lauf der Säfte erhalten. Und siehe, aum ist der äußere Druck destitigt, so wachst er wieder und treibt neue Blüthen, indeß der maurische Zweig imm>r mehr verwelkt! In Aumale, als einer von den Franzosen neagegründeten Stadt, ist die muhammedanische Devötterurg höchst unbedeutend; nur «in Paar Läden mit Baumfeüchten (Datteln, Feigen, eßbaren Eicheln) fand ich rem Besitze. Die algerischen Juden sind zahlreicher uh» haben großer«, ansehnlichere und besser versehene Waa mrläden. Dr. M. empfahl mir zum Einkauf von warmem Schuhwerk das Geschäft eines Juden als das bedeutendste der Stadt, und ich fand auch eine große Auswahl all er gangbaren Axtikel für Kleidung, Putz und Aehnliches ja, es