Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 2 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 - — zusammen, und verschlang gierig, was einem NN freundlicher Zufall gewahrte. Ich erinnere mich sehr deutlich, ich war etwas über fünf Jahre, als unser kleines Contingcnt zur deutschen Bundesarmee auS Frankreich zurücktthrte, wo ’ cs bi« 1817 zu den zurückgebliebenen Besetzungstruppen gehört barie. Die Soldaten wurden festlich eingeholt, und marschirten, mit Bürgern und Bauern untermischt, gerade durch die schöne, gerade Straße, in welcher wir wohnten. Es war ein herrlicher Sommerabend, ich harre von dem Einmarsch keinen Begriff unp saß vor der Thür, mit Lesen beschäftigt. Und was, meint der freundliche Leser, war meine Lectüre? Der Text' der damals noch beliebten Operette „Hieronymus Knicker"-noch stehen die Verse §o.c meiner Erinnerung, die der „Knicker" sang: „Wozu brauchen zwei Lichter zu brennen, Kann man sich nicht bei einem erkenn.ns" — und es stand richtig darunter bemerkt: „Knicker pustet das eine Licht aus." In diesem Augenblicke kam das tapfere Corps der fürstlichen Füsiliere um die Ecke mar''chirr — und um dieses Moments willen prägte sich Sie Sache mir ihrer ganzen Scenerie flieinem Gedächtnisse so tief ein. — Jndeß habe ich auS zwei oder drei Jahren später noch einen größeren Borrarh von Reminiscencen aus der Lectüre meiner Kindheir. Ich sitze in dem behaglichen Studirzimmer, während es draußen sanfte Schneeflocken durch den dunkeln, aber milder gewordenen Abend giebl, und so mag ich meinem lieben Leser immerhin noch Einige« davon vorerzählen. Einen tiefen Eindruck machte auf den vielleicht achtjährigen Knaben ein Lustspiel, das mir seitdem niemals wieder vor Augen gekommen. Es hieß „die Insel der Buckeligen." Ich sehe das Buch noch in meiner Hand liegen, in braune« Leder gebunden, aber dieser Ledecdano sehr zerlederl. Auf einer Insel wohnten nur bucklige Menschen; niemals war dort ein Anderer gesehen' worden. Daß man also die Höcker zur Narur des Menschengeschlechtes rechnete,' und ihre Höhe, Breite und Spitzigkeit der Maßstad der Schönheit geworden, ist natürlich. Man war gerade damals sehr unzufrieden mit dem regierenden König der Insel, weil sein Buckel gar nicht üin respectadlen Umfang hatte, und seiner liebenswürdigen Tochter sagte man nach — freilich nur leise, denn auch dorr gab es politische Verbrecher und Preßoergehea — daß ihr Schneider ihrem Rücken mit'einer tüchtigen Masse Watte zu Hülfe kommen müsse, um nicht gar zu häßlich gerade und eben zu erscheinen. Auf diese Insel wurde durch einen Schiffbruch eia schlanker,'hochgewachsener Jüngling geworfen, der nun plötzlich in Mitten der mir Höckem gesegnetta Einwohner erschien. Welch' eine Mißgeburt! schrien diese; die Einen verspott mm ihn, die Anderen bemitleideten ihn, die Dritten wollten ihn nicht dulden, weil er auf die in gesegneten Umstäaden befiadlichm Frauen einen gefahrdrohenden Eindruck machen könne. Man führte ihn vor den Thron des Königs, der sich wiederum mit seiner Tochter derieth — ec war ein Wittwer — und dann auf deren Rath entschied: über ein so außergewöhnliche- Ereigniß und eine _ darum so überaus schwierige Frage dürfe man erst nach langer und tiefer lleberleguag eia Urtheil fällen. Unterdeß halten sich unter den Buckeligen heimlich zwei Par- > teien gebildet, die merkwürdiger Weise eine jede ein Ge» j schlecht umfaßten: die Männer oder die Frauen. Je mehr j man nämlich öffentlich gegen den Fremdling tobte, ihn für den! Auswurf der Natur, für den UrrypuS der Häßlichkeit auSj schrie, hielten ihn Alle, Männer und Frauen, heimlich für l daS schönste Gebilde, das ihre Augen jemals gesehen. > Selbstverständlich waren die Frauen, die Prinzessin an ihr! rer Spitze, in den schlanken Jüngling verliebt, und die t Männer, die dies merkten — denn Buckelige sind gewöhn- > lich scharfsinnig — beneideten und haßten darum den I armen Schiffbrüchigen. Zeit gewonnen, Alles gewonnen. I Der Jüngling lustwandelte im königlichen Pack; da eri schien die Pcinzestin, wahrscheinlich zufällig, und, wunder-! sam! ihr Buckel war verschwunden, kaum daß ein sehr I geübtes Auge eine kleine Erhöhung der rechten Schulter . bemerkte. Ein solches Wunder verdiente Anerkennung, und > es war daher sehr natürlich, daß auch der Jüngling zur i schönen Prinzessin in Liede entbrannte. Was vermag nun I die Liebe nichts Es war fortan der Königstochter unmögj lich, vor den Augen des Geliebten mit dem wattirten Höcker wieder zu erscheinen. Sie trotzte dem Könige, den Ministern, der ganzen Welt und erschien in ihrem reizenden Ebenmaß vor der entsetzensstarren Menge. Schon war ein allgemeiner Aufstand nahe, siehe, da kamen jeden Morgen immer Mehrere ohne Buckel zum Vorscheine, und , nach einigen Tagen fand es sich, daß wohl ein Drittel der Inselbewohner ihre Höcker der nächsten Baumwollenfabrik verdankten, und zwar gerade die größten und unge- , heuerlichsten. Da der Sinn der Inselbewohner im Grunde ..ein friedlicher, und die natürlichen Höcker viel mehr Neid und Betrüdniß als Haß und Verachtung hegten, so wurde : durch die Diplomaten der Insel eine Pacrfication erwirkt, und der schifforüchige Jüngling bestieg später an der Hand , seinrr schlanken Prinzessin den Thron. — Weiter ging daS Lustspiel nicht, und eS war der kindlichen Neugierde nur ungelegen, nicht erfahren zu können, od sich nachher die Zahl der Buckeligen nicht ganz und gar von der Insel verloren habe. Man wird aber eingestehen, daß diese ergötzliche Fadel eine neue Bearbeitung verdient und einen großen Spielraum sowohl für den Humor als für sinnige Lebensweisheit dardieket. Der schalkhafte Dichter mochte wohl gedacht haben, daß «S viele solche Inseln der Buckligen giedt, wo in einem größeren oder kleineren Kreise sich ein übererdteS Vorurtheil noch lange erhält, und der Schein allgemeiner Pflege desselben durch'die Oeffentlichkeit erzwungen wirb, während insgeheim viele Geister dasselbe adgeworfen und in seiner Nichtigkeit und Falschheit erkannt haben. Irgend ein durch die göttliche Vorsehung hineingeschleubertes Ereigniß giedt den ersten Anstoß, eine kräftige Leidenschaft bemächtigt sich desselben, und im Nu zeigt sich die Ohnmacht der Lüge und des VorurtheilS, wenn die einfache, gerade Wahrheit ihnen gegenüber tritt. Haben wie auch dies nicht oft genug erlebt, und wie oft wird es sich noch auf großen und kleinen Bühnen des Lebens wiederholen .... Mit diesem ernsten Worte fchließrn wir heute mit dem Vorsatz«, wenn der Leser diese unsere kleinen „Plaudereien" nicht mißfällig aufnimmr, sie bald foetzusetzen.