Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 1 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 denen so manche Thcäne schon entrann, werden immer wieder Zähren fließen. Du hast gekämpft und wirst kämpfen; Du hast gesiegt und wirst siegen, bi» der große Sieger Dich hinüber tragt vom Kamp^latz irr da» Land de- Frieden-. Darum mache Die keine Gedanken und sei nicht kleingläubig. Der, welcher Dich vom Mutterschoß an geleitete, der Dich vom Kinde zum Jüngling, vom Jüngling zum Mann« werden ließ, und nun allmählich die Schneeflocken de« Winter« Dir auf da- Haupt streut — Er verlaßt Dich nicht, wenn Du nur Ihn nicht verlassest, er läßt Dich genießen und überwinden, er mischt den Wein Deine« Becher« mit so viel Wermuth gerade, daß Du diesen ertragen kannst, und von jenem nicht trunken wirst. Darauf vertraue, und mache Dir darum keine Gedanken. Der Handel in Algerien nach den drei > Religionen. * <Au. der' so rt*n rridjifnfiifK i;i’f i:-. rae 3:ir.” von Alzerien veu Dr. Rax Hirsch. Berlin 1862.) .' 'Unter dem milden Scepter der französischen Toleranz haben sich Leute aller drei Eonfessionen dem Handel ergeben, und du kannst also, lieber Leser, in jedem kleinen Orte da« große Problem lösen, welche Religion ihren Be- ' kennern die größte Rechtlichkeit einflößt. Handle nur um dieselbe Waare bei Christ, Jude und Muselmann, und ihr, Rechtlichkeit steht im umgekehrten Berhältniß der ge- ' forderten Preise. Darf ich meinen wiederholten derartigen Experimenten in der Hauptstadt Algier trauen, so werden sich meine meisten Leser bitter enttäuscht fühlen: für dieselbe Waare derselben Qualität fordert der Jude da« Doppelte de« muselmännischen Preise«; da« Doppelte de« jüdischen Preise« aber — der Christ! Und, so viel ich weiß, ist die« die allgemeine Erfahrung, nicht dlo« in Algerien, sondern im ganzen Orient. Ich erinnere nur an da« morgenläckdische Sprichwort, daß an Schlauheit zwei Juden erst einen Griechen, zwei Griechen aber erst einen Armenier au«machen. Die Muselmänner ragen durch ihre Rechtlichkeit so hervor, daß sie unter den betrügerischen Kaufleulen gar nicht milgenannt werden. '— Jedoch ist zur Minderung diese« Makel« für Juden und Christen nicht zu verschweigen, daß sie in der Türkei beide dem Druck und der Plünderung auSgefetzt sind, wie e« nicht minder die Juden in Algerien bi« 1830 waren; und daß die Christen in Algerim — mögen sie e« mir nicht übel nehmen — fo wenig für die Christm im Allgemeinen maßgebend sein können, wie der Ausschuß für da« Porcellan. Ander«, als für die Rechtlichkeit, stellt sich da« Verhältnis freilich für die Tüchtigkeit im Handel. Den Muhammedanern Algerien« fehlt durchaus nicht der Sinn und Geschmack für den Verkehr; da« beweist schon ihr« erstaunlich« Reiselust. Die religiöse Verpflichtung zur Wallfahrt nach Mekka hat nicht minder den Handelsgeist der Moslemin» befördert, wie einst die Pilgerung »ach Jerusalem den der Juden. Wa« den Muhammedanern abgehr, um tüchtig« Handelsleute zu sein, ist vielmehr die geistig« Regsamkeit, da« energische Streben nach Reichthum, und die allgemein« praktisch« Bildung. Zu de« zwei erstgenannten Eigenschaften werden sie von.den Juden, in allen dreien von den Christen weit übertroffen. Bei den Juden denke ich natürlich nur an die einheimischen, welche wunderbarerweise trotz jahrhundertlangem Druck jene unschätzbaren Geisteskräfte bewahrt haben. ^Dem oberflächlichen Beobachter springt sicherlich bei einem Besuch de« Bazar« von Algier der ungeheure Unterschied in die Augen, der zwei Völker derselben Abstammung, trotz eine« ununterbrochenen Zusammenleben« durch ein vol-, lr< Jahrtausend, noch heute scheidet. In diesem Bazar/ dem Sammelplätze der echt orientalischen Erzeugnisse, bieten Mauren und Juden dicht neben einander, nur durch dünne Bretterwände getrennt, ihre blinkenden Waaren feil. Selbst ihre Tracht ist dieselbe; nur die dunklere Färbung der Zeuge bezeichnet den Juden; und beider Sprache ist die, der hebräischen verfchwijterte, arabische. Ader der Maure mit schönem, regelmäßigem Gesicht kauert ruhig, fast unbeweglich irkmitten seiner Waaren; an der runden Mundspitz« seine« langen Tschibut saugend, sieht er kaum nach dir hin, wenn du prüfend, mit den Augen de« Käufer«, an seinem Ausstande vorüdergehst. Trittst du heran, so ist er freundlich und höflich, aber ohne viel Worte; auf dem einmal gesagten Preise dehacrt er fast immer. In keinem Augenblicke verläßt ihn der würdige Anstand, den da« Selbstgefühl giebt; du empfindest, der Mann ist nicht für dich da, sondern für sich. Wie ganz anders der Jude! Zwar ist sein Gesicht lange nicht so scharf und verzerrt, wie da« vieler StammeSgenvssen in den nördlichen Ländern, sondern man sieht manchen schönen Kopf unter ihnen. Ader in den Augen blitzt di« Gewinnlust, dkr Trieb zur Thätigkeit. Schon von weitem ladet er dich zum Kaufen ein, preist jede« Stück seiner Waaren in langen Reden, laßt sich auf die Hälfte, dr« geforderten Preise« herunrerhandeln. Ja, er kommt in den Gasthof, in deine-Stube, und rühmt und quält fo lange, di« du ihm einen ganze» maurischen Anzug adgekaufr. Daher machen auch die Juden weit mehr Geschäfte, .als die Mauren. Der Jude Solal ist der bekannte König de« Bazar« von Algier. Um mich ganz sicher zu stellen, ließ ich mich von einem seiner Freunde zu ihm hinführen und dringlichst empfehlen. Der Erfolg war, daß ich für viel Geld und gute Worte einen miserablen Bumu« erhielt — und meine Reisegefährten, in der Absicht, sie dieselbe Gunst genießen zu lassen, zu demselben Mißgriff verführte., Auch in Pari« handelt ein Jude au« Algier mit afrikanischen Luxuswaaren; ich besuchte ihn, um meine Sammlung etwa« . zu ergänzen. Aber i^r Mann fordert« so ungeheure Preise, al« ob noch die Corsarm auf dem Mittelmeere von vier Handelsschiffen regelmäßig breie kaperten. Ein ausgeblasene« Straußenei für 10 Kr. war mir denn doch zu theuer! « UebrigeN« giebt e< nur wenige Artikel, worin die Bekenner der drei Religionen mit einander concurriren. Ganz naturgemäß entsprechen ihren verschiedenen Eigenschaften und Umständen auch verschiedene Zwkige He« Handel«) auf welche sie sich fast ausschließlich werfen. Diese Ardeitstheiluag im Handel nach Religion und Abstammung ist wohl weiHehend und interessant genug, daß ich sie etwa« aäher ausführe. (Sonstp,o,«vl,».)