Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 52 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4908862-5999360-6026457--2053-4910487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 hatte. Nachdem sie 2- Jafftt getreulich bei meinen Verwandten gedient haue, mochte sich hiervon di« Kunde verbreitet haben, und einer ihrer Verehrer — er steht, vor meinem Gedächtnisse, wie wenn eS gestern geschehen — beschloß bei dieser Veranlassung einen Sturm auf ihr Herz zu wagen. Seine- Berufewar er ein Klesmor, d. h. ein Mitglied der ehrenhaften Musikdaade unserer Gemeinde; er spielte den großen Baß, und ich glaub« nicht, daß er in seinem Leben je eine Note gekannt hat. Die Melodien und Tänze, welche die löbliche Bande zu spielen hakte, waren aus langer Zeit überkommene, so daß die meisten Glieder derselben ihre Rolle am Gesammrspiel mechanisch ao-wendig gelernt und trefflich zu er.cukiren verstandene Händeles Liebhaber glich ziemlich dem Instrumente, das erspielte; er war groß, stark und hohl, sein viereckiger Kopf herdergte nur eine kleine Anzahl, durch die Gewohnheit eingepcägtec Töne auS der Gesammtbeir deS menschlichen Lebens. Die Spitznamen, die ihm, wie-Zeüem, in der Gemeinde deigelegt 'wurden, trugen abwechselnd die Beinamen „dick" und „dumm" — aber gutmülhig war er überaus, in Zorn konnte er nun einmal nit,k gerathen, so Viel« Streiche auch von der losen Jugend ihm und feiner Baßgeige gespielt wurden; erhaschte er nur dafür einen guten Bissen, ließ er unbekümmert Ott ilidt sich drehen oder stille stehen. Also dieier Held oeward sich seit Iancen schon um die Hand Handele-; er mochte wohl glauben, daß die scharfe Stimme der kleinen cingerrockneren beliebten zu der dumpfen Stimme seines großen hohlen Basse« einen guten Einklang gäbe. Als nun da» 2fijähnge Dienstiubiläum HändelchenS nährte, und sie eben so wenig feinen Mildewerben wie :bm ihre den Kochlöffel regierende Hand zugesagt hatte, beschloß er, sie zu überraschen, vielleicht üe zu überrumpeln, und halle sich dies auf eine für ihn ganz gescheidte Weise aoSgedachr. „Dunkel war es, der Mond schien hell", d. h. eS war am frühesten Morgen des gefeierten Tages, als sich unser Klesmor mir der Baßgeige durch die stillen Straßen der Stadt schlich, über einen Garlrazaum kletterte und in den Hof eindcang. Wie er dies mit seiner Person unv seinem Baß fertig bekam, bleibt ein Geheimniß auf immer. Zetzt stellte er sich unter dem Fenster beS Schlafzimmers auf, darin seine Helena noch schlummerte, ^r begann eine Serenade. Da er aber niemals Solo auf dem Basse gespielt, begnügt er sich nur di« Begleiterlöne der Melodien zu spielen, die das große Eigenthum seiner Bande waren. Es ging also immer, ohne Unterbrechung, nur in den verschiedenen Oktaven: Sum.'sum, und ^um-sum vor sich. Diese göttliche Musik weckte in den vierfußigen Hausbewohnern den Trieb der Nachahmung; der Kettenhund begleitete ihn bald mit furchtbarem Gebell, der HauSkarer mir seinem Miauen, und ihnen gesellte sich der Hahn, der schmetternd hinein krähte. Diese Musik, die man, ohne zu schmähen, eine wahrhafte Katzenmusik nennen konnte, denn der gedachte Kater 'blieb nicht ohne weiblichen Beistand, mußte die angedetele Donna auS dem süßesten Schlafe wecken. Nun hatte sich aber in selbiger Nacht noch einiges Andre begeben. Die Hausfrau hatte nach langem Zwischenräume zum Muttersegen de- HauseS noch einen Spätling hinzugefügt. Dabei hatte selbstverständlich Händele eine große Rolle gespielt, und zwar nicht dloS um warmes Wasser rmd Ka«illealhee zu bereiten. So hatte sie kaum eine Halde Stunde zu Ben, gelegen, als ihre Seele auf den Schwingungen der lieblichen Hofmusik gewaltsam in das Bewußtsein zurückgerufen wurde. Ein einziger Augenblick Nachdenkens lehrte sie auS dem furchtbaren Gekreisch die Baßstimme ihres Anbeters herauSerömnen, und nun hatte bei der guten Händele gewiß die Furcht, baß ihre Hausfrau erschreckt werden konnte, einen größeren Lnlkeil an ihrem Aerger, alS der Verdruß, auS dem kurzen Schlafe geweckt zu sein. Handele war ein resolutes Mädchen. Schnell in den Unterrock, schnell in die Kucke, schnell einen Eimer eiskalten Wassers ergriffen und ihn ebenso schnell zum Fenster hinaus über den Kopf des heißen Liebhabers sammt seiner Baßgeige auSgegossen. Dt, Flüssigkeit drang dem Klesmor dl« auf die Haut,, seiner Geige in die Rarsonanzspalten — die letztere verstummte, und alSdald auch die begleitenden Thlerstimnirn. Auf Sen Regen kam nun der Donner, oder soll ich lieber sagen die Blitze, denn zuckend durch die MorgcMufr drangen scharf und einschneivend in das Herz des armen Musikanten die Schelcworce Händele«. Bei solcher Gelegenheit konnte sie nickt schnell genua baS Ende finden, unv ich gestehe es nur ein, daß der erschrockene Liebhaber längst die Flucht ergriffen, die Baßg'i.e, in o.ren Lauche da» Wasser schwappte, auf dem Rücken — denn die Besonnenheit verließ ihn nie — al« Hänvelchen noa) immer zum Fenster hinaus perorirte. Die HauSthrece mochten denken, vaß dies eine neue Musik sei. und fielen der sorgsamen Magd mit Bellen,Miauen und Krähen beifällig zu, die der ärgerliche Hausherr mit einem Stocke erschien, der nicht nach Freund oder Feind frug. Wie weit Handelchen an diesen neuen Donnerschlägrn dekheiligt ward, weiß ich nicht. Ader ihre Klage über Rückenschmerzen dauerte länger als ihre Festfreude. Daß sie viefin : Borgang ihrem Bewerber nachtrug, kann man sich denken. Loer der Grund, warum sie ihn adwieS, war doch ern anderer: eS war wieder ein kleines Kind des HauseS da, und oaS durfte doch Niemand groß ziehen. als Händeichen. War sie aber beharrlich im Dienste der Treue, so war njchr minder beharrlich der dicke Klesmor im Dienste der Schönheit und Liebe. Beharrlichkeit stegt immer, und so füyrre er fünf Zabre später die fünfzigjährige Handele sammt iflren Sparpfennigen heim. — Durch dieses eine Beispiel statt tausender glaube ich erwiesen zu Kaden. daß auch bi» Beharrlichkeit ein Äcundzug des jüdischen Leben« ist. Nun, theurer Leser, die vorzüglichste Eigenschaft eines ReracleurS muß die Beweglich«« fein, denn er har c« mit einein beweglichen Publikum zu khun. Er darf bei keinem Gegenstände allzu lange stehen bleiben; er muß Himmel und Erde, Ost und West, Nord und Süd, durchfpähenj Vergangenheit und Gegenwart durchforschen, Wirtlichkeit, und Ideal ausdeuten,' um seinen Lesern im steten Wechsel immer etwas Anderes dieren zu können. Thur er die« nicht, so wird er bald finden, baß sein Publikum sehr beweglich ist, und so dem Blatte, sammt der Redaktion^ adfällr. Gerade In diesem Streben aber muß er überaus beharrlich fein; er darf keine Mühe scheuen; ob gesund oder krank, ob leidvoll oder freudvoll, ob wohlgelaunt oder mißgestimmt, wenn die Zeit da ist, und sie kommt gar zu schnell wieder, baß da« Blatt mit Manuskript versorgt sein will, so muß er beharrlich dafür gesorgt haben. Und nun, im Bewußtsein, dies stets gewissenhaft gethan zu haben, und mit denv Vorsatz«, in der Zukunft eS noch •/