Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 51 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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Im dunkeln Hintergründe de- Gartens, unter den dichtesten- Baumgcuppeq erblicken wir zwei Frauengestalten, in faltenreiche schneeweiße Tunikagehüllt, Arm und Arm auf- und niederwanbeln. Es war die Frau de- Hauses inir ihrer Tochter, der liebenswürdigen Rachel, die in eiriem ihr ganzes Interesse in Anspruch nehmenden Ge- ^spräche befangen, auf ihre Umgebung wenig zu achten schien. Ihnen nah genug, wollen wir unserer Neugierde nachgeben, und Einiges von diesem Gespräch auffangen, damehr von der Seite der Muner als von der Tochter geführt zu werden scheint, indem letztere sich jedesmal nur auf einige abgerissene Worte zubeschränken scheint. „Ader", sagte die Mutter, „endlich muß eS doch zu einer Entscheidung kommen; Du scheinst mir immer auSweichen zu wollen, Du sagst weder Nein noch Ja; Du verlangst über die Feiertage Frist, um Bedenkzeit zu haben. Dein Herz in einer so wichtigen, über Dein ganze- Mieden entscheidenden Angelegenheit zu prüfen, die Feiertage sind zu Ende, länger kannst Du Dich doch nicht der entscheidenden Antwort entziehen. Die Ettern dieseliebenswürdigen jungen Mannes ziehen bald von hinnen, und wir. Deine Ettern, die Dich so sehr lieben und glücklich sehen möchten, sehen noch immer unsern sehnlichen Wunsch, Dich mit dem Sohne unserer Freunde zu verbinden, unerfüllt. Vergiß nicht, meine Liede, daß nun bereitder siedenzehnte Frühling über Deinem Haupte leuchtet." Gesenkten Angesichtging die Tochter an der Seite der Mutter, schwere Gedanken schienen es tief zu beugen und ihr den Mund zu verschließen, baß sie kein Wort zu entgegnen vermochte. Endlich aber erhob sie da- Haupt, und ließ ihre riefdcaunen Augen schwermüthig auf die Mutter fallen. Diese erblickte zwei schwere Thränen auden Augen ihrer Tochter sich stehlen. Erschreckt rief sie: „Ich will Dich, liebe- Kind, nicht zwingen, auch auf Deinen Entschluß sonst, keinen Einfluß üben, nur will ich diesen haben, sonst nichts," und die Hand der Tochter ergreifend, blieb sie stehen, und zog sie an sich, indem sie an dem leisen Zittern derselben bemerkte, in welche Aufregung da- Gespräch sie versetzte. — „«Lage mir aufrichtig, Liebe," fuhr sie nach einer Weile fort, „wa- Du an diesem jungen Manne auszusetzen hättest i Schön wie selten einer seine- Geschlechts, dem unso ehrwürdigen Priesterstamme entsprossen, der «ohn unserer Freunde, in denen Du die zweiten Ettern finden würdest, glaube ich. Du könntest Dir keinen würdiger» Mann wünschen; oder", sagte sie nach einer Weile, während der sie einen ernsten forschenden Blick aus die Tochter geworfen, „sollte Dein Herz schon irgend eine Wahl getroffen haben, sollten Deine Wunsche sich schon höher verstiegen haben, und Du verhehlst Deiner Mutter den wahren- Grund de- Schweigen-! Ist das aber mir Deiner Liebe und Dankbarkeit vereinbart" Ais die Tochter ihr Schweigen sa mißverstanden sah, brach sie es endlich, und mit leiser, vor innerer Erregter bebender Stimme sagte sie: „Könntest Du, o Mutter, f einen einzigen Blick in meine Seele werfen. Du würdest so nicht sprechen, und dawunde Herz Deine- Kindemir dem Stachel Deiner Vorwürfe nicht noch mehr verwunden. — „Esei", fügte sie hinzu, nachdem sie sich eine Weile besonnen, „ich will Dir mein Her; erschließen. — Nichtvon all Dem, wa- Du so eben gesagt, ist der Grund meine- Zögern-, Die eine Antwort zu Leben, ■ aber ein Gefühl, damir selbst ünerklärlich, hat mich btschlichen, seitdem Du mir Deinen Wunsch eröffnet hast, «und läßt mich ahnen, daß ec nicht der meinige werden kenne. Eist weder Abneigung gegen den Jüngling, noch Bevorzugung einer andern Person, aber eine Beängstigung, eine unerklärliche Bangigkeit, die, so vft ich ihm begegm, meine Seele erfaßt und sie mit büstern AhnungeA erjüllt, sind edie mich abhatten, irgend einen Entschluß-zu fassen." „Wenn enichtist als dies" sagte die Mutter mit einem fast freudigen Tone, „so glaube ich mirerklären zu können, und was Du Beängstigung und düstere« Ahnung nennst, ist vielleicht nichtals das dunkele, Dir ^och ganz fremde Gefühl der ersten Liede zu diesem trefflichen Jünglinge, dem Dp nach allen meinen Beobachtung«^, die ich über ihn gemacht, unaussprechlich theuer sein müssest." „Ich glaube, theure Mutter," versetzte daS Mädchen hoch erröthend, „in beiden Punkten täuscht sich Dech mütterliche-. Herz; obwohl ich daeigentliche Wfsen ^der Liede noch nicht kenne, scheinen mir doch die Empfindungen, die Du in meinem Herzen sehen zu kennen glaubst, tnit Nichten dem Gefühle zu gleichen, daich so oft Liebe nennen hörte, und wadie Liebe dieses jungen-Mannezu mir betrifft, so mag sie vielleicht nichtmehr alein j Wohlgefallen sein, daer an mir findet, und das Deist mütterliche- Herz mit dem süßen Namen „Liebe" belegen inö'chte. „Ueber diesen zweiten Punkt," erwiederte die Mutter, nicht ohne innere Befriedigung, daß eS doch endlich zur Sprache gekommen sei, „glaube ich ganz im Reinen zu sein; meinem scharfsehenden Auge «ntging enicht, daß er D-ch unaussprechlich liebe, an jedem seiner sehnsüchtigen Blicke, di» er auf Dir ruhen laßt, sieht man^daß sein Herz gefesselt sein müsse." „Unaussprechlich muß allenfalls diese Liebe se n," versetzte jene nicht ohne Ironie, „da er bijetzt teu Wort davon gesprochen." „Du vergissest, meine Tochter, unsere strenge 4 litte, die ihm sich Dir zu nähern verwehrt, wie auch Deine adm-hrende Kälte, die ihn von Dir zurückstößt und die seine!S«t»üchkernheit noch mehr erhöht." — „UedrigenS", fügte hie Mutter hinzu, indem ein merklicheironische- Lächeln über ihr Gesicht,flog ,'da Du doch, wie es scheint, auf jeben Fall Gewißheit zu habkn wünschest, so kann ich Dir s e geben, da ich sie von feiner Mutter habe, der er sein Innereerschloß." Mitten in diesem Gestttäche, das eine solche günstige, für Beide befriedigend« Wendung zu nehmen begann, störte sie ein Diener de- Hauje-, der sie zum Avendeff.ä abrief; die'Mutter machte eine unwillige Bewegung, folgte jedoch mit der Tochter jenem nach. — Bevor wir aber zum weitern Verfolge unser«« Erzählung schreiten, wollen wir noch den Seelenzustaadj unsere- Schalums in- Auge fassen und einen Rückblick! auf die letzten verstrichenen Tage werfen. Ewird unijitfet das nun Folgende Licht verschaffen. Von ländlichen Einsamkeit mitten in die!Festlichkeiten einer an wechsestwllen Scenen fb reichen Stadt versetzt, ließ sich SchaluM vöm Strudel derselben hinreißen. Er mischte sich mit dem Feuer seinebeweglichen!Wef,nin die ftöhliche Volksmenge, machte neue Bekanntschaft«», erneuerte die alten, und unter dem Eindrücke des vielge-