Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 51 (1861) · p. Seite 202

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
51 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4908862-5999360-6026456--2048-4910483
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

202 kenden Auge des VaterS entging es nicht, welche Umwandlung wahrend der Zeit feiner Abweseniheir mir seiner Tochter vorgegangen. Er beobachtete sie lange; er sah bald, wie an die Stelle der vorigen muntern Unbefangenheit ein stiller Ernst getreten, der bisweilen i» stille schwärmerische Feierlichkeit auSarkete. Wohl merkte er, daß etwas Besonderes, Außerordentliches vorgefallen sein müsse, das auf ibr Gemülh einen unauslöschlichen Eindruck gemacht, und so oft ihre Seele in stille Ekstase versetzte. 'Ein Freund aller praktischen Lebensrhatigkeit, «sie ein abgesagter Feind aller Schwärmerei, bemühte er sich diksem Zustande seiner Tochter auf die Spur zu kommen; allein alle feine Forschungen und zärtlichen Fragen, die er an sie richtete, waren fruchtlos, sie scheiterten an der Beharrlichkeit der Tochter, über alles Vorgefallene den Schlei« des Schweigens zu breiten. — Oft belauschte er sie auf ihren heimlichen Spaziergängen in später Nacht, sah'ihrem Treiben daselbst zu, und schüttelte dann besorgt das Haupt darüber; da sie aber immer in den Kreis ihrer gewöhnlichen Thätigkeit zurückrrar, da sie fortfuhc in der Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten pünktlich;it sein, beruhig» er sich mit der Hoffnung, tag diele gespannte Seelenvecflijsung bald einem gesunderen Zustande Platz machen wurde, und . ließ sie gewähren. — Jerusalem. Unteröeß war Schalum hinaufgezogen nach Jerusalem. Auch er durchschritt die blühenden Fluren, die diese Gortesstadt westwärts umgeben, wie eia «eugeschaffener Mensch. Er bestieg die diele Stadt umringende« Hügel und Berge mir nie empfundenen Gefühlen; wäs Wunder? Trug er ja einen neuen Himmel in seinem'Innern. Das holde Bild der herrlichen Jungfrau zog vhc ihm her, duftreiche Blürhen, schöner als die des prangenden Lenzes, auf feinem Wege ausstrcuend und ihn Koch beseligend. —'Mil dem Anbruch 4es Rüsttags zum Pgssach wurden ihm die Zinnen ZionS sichtbar. Strahlend lin ihrer vollen Majestät stieg die Sonne am unbewölkten östlichen Himmelssaume empor, und bald überströmte ihr Lichrmeer hie Masse der emporstrebenden Paläste der prangenden Residenz. Goldig spiegelten sich ihre Reflere an den Zinnen der Burg Zion wie an den vielfachen Bauten des umfangreichen Tempels. — Welch Gewühl von den mannigfaltigsten Menschengestalten und Thiergruppei/ empfing jetzt den jungen Mann! Aus allen Welrgegendrn kamen sie gezogene die frommen Pilger alle, bunte pittoreske Gestalten in den malerischen Trachten des farbenreichen Morgenlands. Hier erblickte fein trunkenes Auge ganze ReihH geschirrter Karne,le und berittener Mchsithiere, dort 'ganze Karavanen des schönsten Rindviehs rsnd Heerden blökender Schafe und Lämmer. — Unabsehbare Züge von pilgernden Fußgängern trugen ihr Pessachopfer auf ihren Armen. Auf allen Straßen wimmelte «s vhn Wallfahrern, die durch die zahlreichen Thore hereinströmten. In fein Ohr klangen unaufhörlich tausendfältige Summen, ein Gemisch von allen Mundarten des Orients. Don nah und fern waren diese Scharen alle her 'gekommen, den heiligen Boden andächtig begrüßend, den ihr Auß betrat,'der alle Stämme Israels vereinte zur Andacht, zur brüderlichen Vereinbarung. Erst nach langem Suchen und Flügen gelang es ihm, mitten im unentwirrbaren Menschenknäuel, der sich, auf der großen, zum Tempelderge hinauffühcenden Straße, dieser Pulsader Jerusalems, forkwälzte, den Aufenthalt seiner Ellern zu ermitteln, die bei einer ihnen befreundeten Familie gastliche Aufnahme gefunden hatten. . * Die Gastfreundschaft, diese schöne, von seinen Urahnen ihm vererbte Tugend Israels wurde von ihm vorzüglich während der Zeit der Wallfahrten, im ausgedehntesten Sinne des Wortes geübt; besonders zeichneten sich die Einwohner Jerusalems aus. Mir dem herzlichsten Wohlwollen empfingen sie ihre alljährlichen zahlreichen Gaste; sie im Namen Gottes freudig begrüßend, räumten sie ihnen einen Tdeil ihrer Behausungen ein und umgaben sie mit Allem, womit sie Gott der Hetr gesegner harte. t DaS ganze Leben der jüdischen Familien fand von jeher im enger/ Kreise des Häuslichen seinen Sänverpunkt, daher wendete es sich von jeher nur dem Leben im'Innern zu; auf dieses legte man alle Sorgfalt, wah'rend die Außenseite ganz unbeachtet blieb. Durch eine kleine Pforte des Hau'es, in welchem die Eltern Schalums sich befanden, gelangte man in einen schmalen dunkeln Gang, hatte man aber diesen verlassen, so bot sich den überraschten Blicken des Ankömmlings ein lichtvoller Raum dar. Rings um denselben lief ein bedeckter Gang, gestützt auf zwei Reihen schön verzierter kleiner Säulen. In diesem Gange waren Thüren angebracht, die in die Gemächer des weitläufigen HauseS führkf«. Die Mitte dieses großen runden Raumes füllte ein schpner Blumengarten aus, in dessen Mittelpunkte schlanke Palmen, duftende Myrren und Rosengedüsche einen Springbrunnen beschatteten, der seine hoch emporschießenden Wasserstrahlen in ein großes marmornes Bassin plätschern ließ. — In dem durch die Blumenbeete und Balsamstauden sich schlängelnden Gangen waren Bänke von weißem Marmor angebracht, wo sichs mir Behagen weilen ließ, wo das Auge sich ain Schmelze einer vielfarbigen Blumenwelt ergö^en,. das Ohr an der süßen plätschernden Musik des Springbrunnens, an dem rauschenden Gelispel der Aeste und Zweige laben konnte. Die Eltern Schalums und die Wirthe des Hausts empfingen den jungen Mann mir offnen Armen. Bald erschien ein Diener, der ihn in ein eignes, für ihn bestimmtes Gemach führte, und er gab sich der Erholung hin nach den Mühen der Fußreise. — Der Abend des letzten Tages des Pessachfestes senkte sich mild auf Jerusalem nieder, und die Feuerkugel der Sonne am äußersten Saume des westlichen Himmels im klaren Aether schwimmend, sendete ihren Scheidegruß zu. Die Familie des Hauses hatte sich hier cingefuaden, um den letzten Abschied von dem herrlichen Feste im Freien zu nehmen. Eine feierliche Stimmung halte alle Gemürher erfaßt. Es war die innige Wehmuth, die uns beim Scheiden von einem licbgewordenen Freunde zu beschleichen pflegt, die aller Herzen, sich bemächtigt hatte. Es war gewichen das schöne Fest mit allen feinen Freuden, und jedes Mitglied trug nur noch die Erinnerungen von demselben in seinem Herzen. Während die Männer im Kreise Platz genommen hatten, wandelten die Frauen paarweise in den dunkeln Gängen des lieblichen Platzes.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.