Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 48 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4908862-5999360-6026452--2034-4910472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 2× ep/1000826
- Jelgava 1× ep/1000666
OCR text
— 191 hier geherrscht und untergegangen, war mein Vater!" David bebte zusammen; Schauer durchrieselten ihn, er schien einen Augenblick schwankend zu sein; bald .aber sprach er leise: „Die Rache lebt, sie stirbt nie" — und reichte dem Anaben die Speise und den Trank. Gierig verschlang dieser Beides und rief dann: „Hast Du nicht mehr noch, Mensch, ich bin noch nicht satt; ich bin entsprungen und hierher geeilt, und da ich wenig besaß, gab man mir wenig!, und hier herum giebt es ja gar Nichtmehr." — David griff in die andere Seile seines Kaftan- und holle | noch ein gleiches Päckchen hervor. „Ich werde zwar nuy lange wandern muffen", sprach er, „diich wieder erhalten kann, was ich genießen darf, aber weil Du der einzige Sohn des Grafen von Altenburg und so sehr hungrig bist, sollst Du es haben; iß, und dann will ich Dir eine Geschichte erzählen." So berichtete denn nun David dem Jüngling in gedrängten Zügen Alles, was geschehen, und endigte mit den Worten: „Siehst Du, Du bist der Sohn dessen, der meinen Varec gemordet, und ich bin der, durch welchen dieses Schloß gefallen." Der Knabe harte die Erzählung mit sichtbar steigender Leidenschaft angehört; kaum aber hatte David diese Worte gesprochen, alS jener die Hand in den Brustlatz steckte, und mit dem Ausrufe: „So stirb, verrätherischec Jude!" einen Dolch zog und sich auf David warf. Der Stoß wäre unfehlbar tödtlich gewesen, wenn die Spitze des Dolches nicht auf ein Goldstück getroffen, das David stets an einem Bande auf seiner Btufi trug, worauf der unaussprechliche Name Gotteeingegraben war, und daihm seine fromme Mutter schon in der Wiege angehängt. Die Spitze wandte sich um, und da nun doch der Stckß nur von einer Knabenhand geführt worden, so glitt der Dolch ad und ritzte kaum die Brüst Davids. Schnell hatte dieser den Arm des Knaben ergriffen, entwandt ihm den Dolch und stieß best Knaben' weit von sich. -Er war aufgesprungen und rief voll Grimmes : „Jetzt, harr' ich das Recht, Dich, Frevlerbrut, Sohn eines zur Holle Verdammten, zu tobten—aber ich bin ein Jude, und darum soll kein Blut meine Hand beflecken — die Stunde det Vergeltung wird auch für Dich schon kommen!" Der Knabe war auf einen Stein gesprungen und rief seinem Gegner kreischend zu: „Ja, die Rache wird kom» men, und dann werde ich Dir das Herz aus der Brust reißen und Deine Glieder zerfleischen und Dein Blut trinken, —" und dabei stampfte er voll Zornemit dem Fuße. Der Stein aber lag lose und kam ins Weiche" und schlug über und rollte hinab, und der Knabe fiel ihm nach und schlug von Klippe zu Klippe auf, bis er unten zerschmettert in der Tiefe lag — der setzte Sprößling der Grafen von Altenburg. David Veit war tief erschüttert; er lehnte sich über den Rand des Abgrunds und schaute hinunter und sprach die Worte seine- Vaters: „Die Rache stirbt nie, und wenn schon Gras über allen Gräbern wächst, richtet sie sich auf im Winkel de- Friedhofs, als ein alte- Mütterchen, und schreitet vorwärts und wird groß und immer größer, bis sie zu einer stählernen Jungfrau geworden, deren bluttriefendes Schwert daletzte Glied deverruchten Geschlechts niederhaut!" Darauf erhob er sich und wandecte von dannen — zum Dienste de- Kaisers. Mi stell« n ea.■) Au- Rußland. Der Polizeimerstec und die Juden. In Nr. 29 diese- HlatteS haben wir bereits -erklärt, daß der Riga'sche Polizeijneister den Juden nicht grün fei. Folgendes Anekdötchen hürfte. dazu dienen, die Wahrheit dieser Behauptung darzurhun. Kürzlich saßen einige! angesehene russische Juden in der Kcüger'schen Conditorei in Riga, gemächlich und harmlos ihre Chocolade schlürfen» und Zeitungen lesend, alS der Herr Oberpolizeimeister Grün einlrar. Kaum harte er die Juden bemerkt, deren er üdngenS Nichts anhaben konnte, da sie erst der Tag vorher angekommen waren und ihre Paffe zur Di itation vorgelegt hatten, als er, zum Condiroreibrsitzer gevender, die Bemerkung nicht unterdrücken, konnte: „Kain man aber auch HÜr nicht vor den abscheulichen Juder sicher sein?" Dieser, obgleich nichts weniger alS Judenfreund, blos weil es tn-feinem Interesse liegt, sich seine Kundschaft nicht zu schmälern, erlaubte sich die Einsprache: Die Juden wären eS aber gerade, die den Handel der Stadt belebten. „Handel hin, Handel her!" stieß de>r Polizeimeister unwillig hervor; diese- Geschmeiß fertig, von dem so daß man keinen Schritt khun „man würde wohl ohne eS aller Orten wimmelt stoßen. Wir brauchen Handel, an sich gerissen kann, ohne auf eine ga ize Horde von diesem Gesindel zu eine Juden -hier, die den ganzen haben." Die drei nebeneinander sitzenden' Juden erwiderten -kein Wort auf diese wenig schmeichelhafte Tirade. Herr Grün aber entfernte sich sofort mir einem^stechenden Seitenblick, und mag sich vielleicht im Stillen über die Wunderlichkeit. Seiner Durchlaucht, des Fürsten Suworow, der solchen Geschöpfen so viel Huld zuwendet, gewundert, oder wohl gar dem Schöpfer geschmollt haben, daß er so garstige Wesen geschaffen. » Fortschritt. Als Rad Ada bar Ahabah, in der Meinung, es wäre '' ein israelitisches Weib, dem die übermäßige Prunksucht nicht zieme, einem curhäischen Weibe die prachtvolle Rode öffyttlich vom. Leibe riß**), da war es ihm nicht eingefallen, zuvor! Wachtmeister zu werden, um eine' solche Handlung unbestraft vornehmen zu dürfen; er hätte in diesem Falle wahrhaftig die Poa von vierhundert Sozierspart. — narr« ^a io* nra' daß Dusähest, wie Deine Nachahmer in gegenwärtigen Tagen und gegenwärtigen Zeiten ähnliche Handlungen begehen, ohne daß «in Hahn darnach kräht. Ich würde Dich führen, Rabbi, und geleiten in «ine der Straßen der Stadt Riga, oder auch Mitau, wo die NachahmungSsucht ansteckend zu werden anfiag; da könntest Du die von der Polizei deor- > derten Wachtmeister mit großen Scheren bewaffnet sehen, die den Kommen Frauen Israelauflauern und denselben die Haaptoucen vom Haupte reißen, die dann mir der Schere übel zugerichttt werden. Auf solche Wels« wollen *) All; unter dieser Rubrik verkommenden Facta werden alder WÜrheit gemäß, verbürgt. D. Eins. i i **) Tr. Bencboth 20*.