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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 48 (1861) · p. Seite 190

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
48 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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190 sein kühne- und wohlausgedaeöte- Werk gescheitert. Da griff er selbst nach dem letzten Bündel Bcanvpfeile', uni verzagt, trotz der zahllosen nach ihm gerichteten Geschosse, zündete sie an und ließ sie fliegen, laut aus stürmisch bewegtem Herzen rufend: „Erl Nekomaus hauphia, Ada» noi, Eil NekomnuS hauphia! Gott der Vergeltung erscheine , Ewiger Gott der Vergeltung erscheine! Vertilge die Frevler von der Erde!" Und der Torr der Vergeltung erschien, indem er ihn schützte und rächte. . . David trat unverletzt seinen Rückzug an. Ein glühender Pfeil, wohl der letzte, den er abgefchossen, hatte sich hoch erhoben, war in das flattemde Bannertuch auf der höchsten ZiNne gefahren, schnell flammte dies auf und zündete' den mächtigen Fahnenstab, an dem es befestigt; nach kurzer Zeit fiel dieser brennend herunter und in einen unbeachteten Slrohhaufen, der in einem Winkel an den Stallungen lag. Diese wurden ergriffen urid eine mächtige Feuersäule stieg in den dunkeln Himmel hinan. - Atzt that der zum Sturm anschwelleade Wind seine Dienste, und bald stand der ganze linke Flügel der Burg in Feuer. Di« Kaiserlichen benutzten den Zustand der Verwirrung, der im Schlosse daraus entstehen mußtt, und stürmten von allen Seiten an. Der Graf machte übermenschliche Anstrengungen; er war überall; er th'eilte seine Mannschaft, um hier durch Niederreißen. von.Zwischengebäuden dem rasenden Elemente Einhalt zu thun und dort die Angreifer zurückzuschlaqen. Ader die Uebermacht Beider, des FeuerS und des Feinde-, war zu groß, und wie ein Bauwerk nach dem andern in Trümmer sank, sank auch den Belagerten der Muth. Wo der Graf nicht war,, verließ man Brandstätte uyd Wall; kurze Zeit, und man gehorchte seinen Befehlen nicht mehr, selbst wo er war. Zwei. Stunden, nachdem der Pfeil David Veits das Banncrruch der Altenburgs durchbohrt und angezündet, sah der Graf ein, daß Nichts mehr zu halten war. Verzweiflung im Herzen, eilte er nach der Vorhalle, die noch stand und wohin sich seine Tochter geflächter, nabm diese, die fast ohnmächtig vor Schrecken, auf den linken Arm, und mit dem Schwerte in der Rechten bahnte er sich einen Weg durch dre schon «inbringenden Feinde nach der S'chloßkapell«. Als er diese erreicht, verrammelte er schnell die Pforte, dm einige Zeit zu gewinnen, ging bann hinter da- Grabmal deersten Erbauerdieser Burg, hob hier einige lose eiagefvgle Platten auf, wodurch «ine Treppe sichtbar ward, die er mit seiner Tochter eilendhimmterstieg. Ewar ein langer unterirdischer Gang, der tief in den Schoß der Erde führte, so rief, daß bald dafurchtbare Tosen auf der Oberfläche der Erde verhallte. Die kühle, wenn auch dumpfe Luft in dem Gewölbe brachte Clotilde wieder zu sich, daß sie mir ihrem Barer vorwärts schreiren konnte.. Der Graf begann wieder an Rettung zu glauben. Sie waren eine Viertelstunde gegangen und schon fing der Boden des Ganzes wieder aufzusteigen an; sie mußten bald am Ziele sein. Jetzt stiegen , sie die Stufen einer Tr/ppe hinauf, aber wehe! sie fanden die oberen Stufen verschüttet, ungangbar, mit großen Steinen verrammelt und undurchdringlich. . . Jetzt fühlet der Graf, daß das Ende gekommen. . . Zwar raffte er sich nach einiger Zeit noch einmal auf; um seine Tochter HU retten, wollte er zurück, sich ergeben, sei» Schicksal erwartenwie schmachvoll eauch sein würbe, denn ihr konnte man doch Nichts anhaben. Kaum waren sie jedoch einige hundert Schritte zurückgeeill, als ein furchlbares Krachen bis in die Eingeweide der Erde dröhnte/ der Boden bebte unter ihren Füßen, ein nicht endendes Gepolter kam hinterdrein und eine dicke Rauchwolke wirbelte ihnen entgegen. Es war vorüber. Vom Schlosse her hatte der Sturmwind Brand« auch nach dem Dörfchen getragen, und mit dem stolzen Schlosse 1 der Herren sanken auch die Hütten der Knechte in Asche. : Das Belhaus und die Kirche, das Häuschen, in welchem Abraham Beil verstorben, die Juden- und die Chnsten- ' Häuser, Alles beschien die Morgensonne in Trümmer ge- ' wandelt. I j MH. ] Einige Wochen waren vergangen. Di« Gegend war! verlassen, wie auSgcstorden. Ringsum dichter Wald, und die große alrenducgifcke Lichtung eine öde Trümmerstätte. Was der Mensch in Jabrhunderten aufbaur und zusammenhäufr, eine Nacht beS Kampfes vernichtet es mitsammen. Ein schöner Herdstmorgen; die Nebel harren sich zerstreut, und die Sonne beleuchtete glanzvoll das farbige Laub des Waldes und das falbe Grün der Auen. Ein rüstiger junger Mann kam dahergeschricten und schlug den Pfad zu den Trümmern des Schlosses hinan ein. Er war entweder auf einer weiten Wanderung begriffen, oder dazu gerüstet. Die genaue Bekanntschaft mit der wilden Gegend zeigte, daß nicht Neugierde ihn anrried, di« öde Stätte zu besuchen; er schien vielmehr Abschied nehmen zu wollen von allen diesen Plätzen, zu denen er vielleicht nie wieder zurückkehrte. Dies zeigte der kurze aber scharfe Blick, den er auf Allewarf und der Ausdruck der Wehmulh in seinem bleichen Antlitz. Dicht vor dem ehemaligen Thore der Burg ließ er sich auf einery großen Steine nieder und blickte in den Hof des Schlosses" hinein. Es lag da Alles noch wie das zerstörende Feuer und der plündernde Feind es zurückgelassen. Hie und da stieg noch ein leichtes Rauchwölkchen auS einem Trümmerhaufen. . Während David Veit so da saß, kamen die Worte der Schrift über seine Lipven: „Du streckest deinen Arm aus und eykdlößeft die Gründe am Hause des Frevlers und reißest es nieder vom Dache her. . Als er eine Viertelstunde hier gesessen, sprang plötzlich hinter einem Mauerstuck ein Mensch hervor und eilte auf David los: „Gieb mir was zu essen, Mensch, ich Hab' seit vier Tagen Nichts gehabt!" schrie er-David en. Dieser blickte erstaunt auf den unerwartet Erschienenen. Ein Knabe von vielleicht fünfzehn Jahren war es, in ehemals reichen, jetzt zerrissenen und beschmutzten Kleidern, daß man den Sprößling eines vomehmen Geschlechtdoch nicht verkennen konnte; dalange goldgelbe Haar hing ihm wirr über Stirn und Gesicht, daso bleich und zusammengefallen war. David fühlte tiefes Mitleid und zog aus einer Tasche feines Kaftans ein Päckchen hervor, in welchem wohlverwahrt etwa- Dorralh von Speisen und ein Fläschchen Weines sich befand. Abr.r noch hielt er die Hand darüber und frug erst den gierigen Knaben: „Wer bist Duk Nenne mir Deinen Namen!" Der Knabe richtete sich auf, streckt« den Arm nach dem Schlosse au- und sprach mit stolzer, aber verzweiflung-voller Summe: „Der

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