Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 47 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
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186 , treffen. Aber muß denn das theure Haupt Eurer Tochter \ mir in den lödrlichen Sturz gezogen werden, ober wmn Ihr bestehen bleibet, warum wollet Ihr ihr und niem Herz durch.-gewaltsame Trennung zerreißen? Wohlan, gebet mir ClotUde zum Weibe, und was auch die Zukunft | dringen möge, die schützende Rechte wird ihr nicht fehlen Der junge Ritter hatte die Hand des Grafen ergriffen und blickte flehentlich zu ihm auf. Dieftr aber enl- --zog ihm seine Hand und die Runzeln seiner Stirn vrrriethen, daß dieser Ausweg ihm nicht gefalle. „Es ist jetzt keine Zeit zum Liebeln und weichlichen Gefühlen nachzuhängen. Wer dem Barer abfällt, dem kann die Tochter nicht zufallen. Wie, Ihr wollet mein Sohn werden und , das erste als solcher ist Euch, meinem Kampfe ruhig zuzusehen? Neutral bleiben, ja, das ist immer die Kunst Eurer Sippschaft gewesen — eS kann fein, daß es Euch damit mehr glückt, alS mir, rm nämlichen Streike. Genug, ich habe mein Wort gesprochen, an Euch ist die Er-. füllung. Entschließet Euch; wo nicht, hättet Ihr hier! nichtmehr zu suchen." Mit diesen in theils honischem, rheils grimmigem. Tone gesprochenen Worten zog sich der Graf in den Erker! der Halle zurück, warf sich auf einen Srsset und blickte ’ [' nach dem Garten hinaus. Der Ritter stand nort> eine > Weile auf demselben Platze, wie mit sich selbst kämpfend; j dann eilte er hinaus, von den giftigen Blicken des Grafen ' verfolgt. Dann hörte man den Hufschlag eines Reffes ^auf dem Hofe, einen lauten herzzerreißenden Schrei aus einem Fenster der Burg, die Zugbrücke fällt knarrend nieder, der Ritter galopoiir darüber hinweg und verschwindet dach in den Windungen des Weges. . ..— . Clotilde stürzt in die Halle, schreiend: „Ec ist fort, Vater, er ist fort!" . . . „Ja, der Vecräther ist fort, und auf immxr!" DaS Mädchen sinkt bewußtlos nieder. Auf den Ruf ihres Vaters stürzen die Mägde herein und tragen die Ohnmächtige in ihr Closet. VI. Die Ereignisse drängten sich schnell. Der Kaiser hatte Deutschland in das tiefste Wirrsal versunken gefunden. Zu spät erkannte der betagte Monarch, daß Italien nicht zwar „das Grad der Deutschen"- — denn eine große Nation verblutet sich nicht so schnell — wohl aber daS Grad der Kaiser und deS heiligen römischen Reiches fei. Er sah das kaiserliche Aniehn überall verloren und mißachtet; das Recht aus den deutschen Gauen geschwunden; die Sittlichkeit und Pflichttreue gänzlich entflohen. Die deutsche Erbe trank das Blut ihrer Kinder, von dem Schwerte der Gewalt gemordet, in Strömen, Die große Masse des deutschen Adels war zu wahrem Raubgesindel geworden, das unter sich und damit auch gegen das zertretene Volk die größten Greuel übte. Der Kaiser hatte beschlossen, mit Allem, was ihm noch an Lebenszeit, Kraft und Macht geblieben, gegen diese unseligen Zustände anzukämpfen, und er war der Mann der! Thal, der rückhalrslos seine Pläne auszuführen strebte. ' Die Händel des Grafen von Altenburg waren ihm daher ganz willkommen, und Dank der dösen Thaten dieses i Mannes, sah er sich von allen Seiten unterstützt, um de» L Gewaltthatigen zu züchtigen. Der Kaiser forderte ihn M vor sich, der Graf erschien nicht. Der Kaiser erließ die Acht, der Graf benutzte sie nicht. Alsbald wurde der Heerbann des thüringischen Kreises aufgeboren. Aber der Kaiser begnügte sich damit nicht. Er bezog eine bedeutende Kriegsmacht aus seinen HauSländecn und aus Schwaden, und stand bald mit großen Scharen an den Grenzen der alrenburgifchen Herrschaft. - Der Graf verkbeidigte sich mit ebenso großer Geschicklichkeit wie Tapferkeit. Wie ein Löwe zog ec sich nur schrittweise vor seinen Feinden zurück; aber'der Lowe blutete bald aus vielen Wunden, denn seiner Feinde waren zu viele und zu starke. Eine Burg nach der andern fiel, ober mußte aufgegeden werden. Der Löwe zog sich in seine Höhle zurück, die für unüberwindlich galt. Die Altenburg wurde eingeschlossen; aber selbst für eia zahlreiches Heer war ein so starkesdurch Natur und Kunst befestigtes Schloß einzunehme/, damals eine schwierige Aufgabe. — Es ist eine eigenthümliche Erscheinung und ein erfreuliches Zeugniß für die Unvertilgdarkeit der Sittlichkeit aus der menschlichen Natur, daß selbst in der Zeit der furchtbarsten RechtSlosigkeir es inlmer gewisse Punkte giebr, die als unbedingte Rechte selbst von den ärgsten Frevlern getreulich gehalten werden, kleine Heilmilttl, um daü gänzliche Verderben ein wenig aufzuhalten, ober doch für einige Schäden Ersatz zu geben. So war zur Zen deS Faustrechles das Pfandrecht der Gegenstand allgemeiner Achtung; ein gegebenes Pfand war unantastbar, ein einem Dritten verpfändetes Land ward von streikenden Parteien als neutral angesehen. Es floß dies aus dem Bedürfniß, weil sonst Niemand auf irgend emen Pfandgegenstand ein Darlehen gegeben hätte, also eigentlich alle Dinge werrhlos geworden waren. So lag denn auch das Dorf Altenbürg mitten zwischen dm Heerlagern der kaiserlichen Truppen, ohne daß seine Grenzen von irgend einer Feindseligkeit berührt wurden. Eines Nachmittags stand David Beil in dem kleinen Gemach, in welchem einst sein Vater den letzten Seufzer auögehaucht, an dem Fenster, das einen Blick auf die hochgelegene Beste gestattete. Er war vollständig zum Ausgehen gerüstet, aber ee mochte wohl noch nicht der rechte Zeitpunkt gekommen sein, denn er stand 1 mit verschränkten Armen da und blickte sinnend auf daS Schloß. Der Kaiser halte mehrmals gestürmt, war aber immer mit großem Verluste abgeschlagen worden. Den Grasen auszuhungern, war eine mißliche Aufgabe, denn er Halle Borcäthe auf mehrere Jahre aufgehäuft, und der Kaiser konnte nicht aj/zu viel Zeit darauf verwenden; daS groß« Banner der Altenburg flatterte stolz auf der höchsten Zinne. „Wie lange noch i!" flüsterte David vor sich hin. Da hörte er ein Geräusch hinter sich, wandte sich schnell um und erkannte jenen tückischen Verwalter des Grafen, John, der auS dem Schlosse, wie wir wissen, entwischt war. David, erblaßte und rief unwicrsch auS: „Was wollt Ihr hier?" John, der sich solchen Empfangs wohl gewärtig war, erwiderte ruhig: „Euch zu Eurem Ziele verhelfen, junger Mann; Euch das groß« Wert erleichtern, welches das Verlangen Eurer Seele ausmacht." „Was wißt Ihr davon?" antwortete David. „Wohl, weiß ich es, Ihr wollet den Tod Eures VarerS an dessen Urheber rächen; Ihr wäret es, der den jungen Kronenderg auS seinem Kloster zog und vor den Kaiser brachte; Ihr, der alle Wett gegen den Grafen von Altenburg