Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 45 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4908862-5999360-6026449--2018-4910459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
178 — Der Graf schauere bei diesen Worten auf und mit seinen siechenden Blicken den Sprechenden wie durchbohren wollend, rief er auS: „Ihr mir beisiehen? Wer' seid Ihr denn eigentlich? Was mischt Ihr Euch denn in meine Angelegenheiten? Wer sagt mir, ob das Alles wahr sei, was Ihr mir ha Vorgesprächen?" Bei diesen Worten sprang er vom Pferde herab', trat auf den Mann im schwarzen Lalar zu, untz^ faßte den Griff seines Schwertes. Jener rührte kein Glied, sondern erwiderte ruhig: „Wer ich bin, habt Ihr doch wohl schon errathcn, ich . bin ein Jude und mein Name ist David, Sohn Abrahams. Wenn die Großen der Erde im vollen Glücke sind, da wollen sie natürlich von unser Einem Nichts wissen; aber wenn eS abwärts mir ihnen geht, dann bedürfen sie unser, und darum ist es rätblich, in solchen Fallen sich bei ihnen einzufinden. Ich hoffe Eurer Gnaden nützlich zu sein, aber noch mehr Nutzen von Euch zu ziehen. Vorerst will ich Euch 150 Goldgulden verschießen, um Eure Landsknechte zu befriedigen." Der Graf schauere den Jüngling mit großen Augen an. „Das wäre freilich eine Hülfe in der Noth!" stotterte er. hervor, und fügte nach einer Pause hin^u: „Habt. Ihr sie denn bei Euch, um sie gleich auszahlen zu könnend" „Da kennt Ihr den David noch schlecht! Nicht einen Heller habe ich dei.mir. Wenn Ihr mich in einen Schmelztiegel würfet, käme kein Quentchen Silbers oder Goldes heraus. Man traut sich nicht, mit Fett beladen, indie Höhle des Löwen. Auch wenn Ihr mich gefangen fetztet und mir ein Lösegeld aukerlegtet, würdet Ihr keinen Gulden erhalten, denn ich habe auf dieser Erde keine Seele, die einen selchen für mich opferte. Und daß von den Juden Nichts zu erlangen ist, selbst wenn Ihr sie — foltert — könnt Ihr überzeugt fein ..." Der Graf schreckte bei den letzten Worten zurück, er sah den Redner an,' und das blasse Antlitz 'halte sich mit solchem Grimm Gedeckt, und die Augen funkelten grün, non giftiger Leidenschaft, daß der Graf wie unwillkürlich ausrief: „Kommst Du aus der Höllr und bist eia Abgesandter des Satans? ..." Das Aittlitz Davids hatte sich schnell wieder beruhigt, und er sprach nur mit leiser Ironie: „Nein, Herr, ich komme aus Eurem Schlosse. Ich wollte Euch nur klar machen, daß Ihr durch Gewalt und Furcht Nichts von mir zu erwarten habet. Ich suche meinen Dortheil bei Euch und diesen, kann ich nur finden, indem ich Euch. Hülfe gewähre. Daß Alles, was ich Euch mittheile, der Wahrheit gemäß ist, werdet Ihr erfahren, sobald Ihr zum Schlosse zurückgelaugt. Wie könnte ich Euch darüber täuschen!" ' „Und welchen Dortheil verlangt Ihr denn, wenn Ihr mir eine so ansehnliche Summe vorschießet?" „Die Summe ist viel größer als Ihr sie augenblicklich brauchet, aber Ihr müsset auch -mehr thun als bis sitzt; Ihr müßt Eure Streitkräfte vermehren, die Ver- . theidigungswerke Eurer Burgen ausbessern und erneuern. Denn Ihr habet zahlreiche und starke Feinde zu erwarten. Ihr wisset, daß wenn erst ein Angreffer vorhanden, sich bald viel« finden. Dafür müßt Ihr aber auch nun von Eurem früheren Grundsatz abweichea und mir für daS borzustreckende Geld und die noch später nothwendigen Summen Stücke Eurer Herrschaft verpfänden . . „Was wollt Ihr? Stücke meiner Herrschaft zum Pfände? Das werde ich nimmer lhuwl" „Wie Ihr wollt," antwortete David, Achsel zuckend, „aber fragt Euch selbst, wie ich anders handeln könnte? Auf Euer Wort und auf guten Glauben hin, daß Ihr mir zurückzaylen werdet, kann ich meine Goldgulden nicht hingeden; und wer bürgt uns dafür, daß, selbst wenn Ihr es wolltet, Ihr es jemals können werdet?" Der Graf nickte, denn er mußte die Wahrheit des Gesagten anerkennen. „Und das sag« ich Euch gleich," fuhr David fort, „daß die Verpfandung der vorläufigen Besitzergreifung gleich bedeutend ist. Ich gehöre der Gemeinde zu Fürth an, und diese hat die Vorkehrung getroffen, daß sie einen gemeinschaftlichen Schutzherren in dein Freiherrn von Leisten sich hält, der daher alle, den Mitgliedern der Gemeinde verpfändeten Ländereien so lange mir seinen Mannen besetzt, als das Pfandrecht seine Gültigkeit hat, d. h. bis die schuldige Summe zurückgezahlt worden." Der Graf schien in tiefes Sinnen zu versinken, dann raffte er sich auf und richtete die Frage an David: „Und was wollt Ihr für die 150 Goldgulden zum Pfände haben i" „Das Dorf Alrenstein." Der Graf fuhr auf, sein Gesicht sprühte Zorn, er rief: „DaS klingt wie Hohn!" und griff abermals nach dem Schwerte. David stand ruhig und sprach weiter, als ob er von den gleichgültigsten Dingen redcte: „Sehet, da verbindet sich abermals Euer und mein Doctheil. Wenn am Fuße Eures Schlosses ein ausgedehnter Landstrich von einer neutralen Macht besetzt ist, so ist Eure Burg von dieser Seite geschützt und Ihr könnt Eure Dertheiüigung um so kräftiger nach den andern hin wenden. Mir aber geschieht mit dem Dorfe ein großer Gefallen; es ist dort ein verwüsteter Friedhof und eine zerstörte Berstube der Juden, und solche Dinge lassen die Männer meines Glaubens nicht gern in andern Händen; die will ich wieder haben, und nichts Anderes. Eure Gnaden wissen also, was ich will." Es folgte keine Antwort. Der Graf sah den jungen Mann wiederholt in das Gesicht; es mochte ihm eine ferne Aehnlichkeit aufleuchren, ohne daß er zu einer Gewißheit kam. „Seid Ihr aus dieser Gegend?" frug er endlich. „Ich komme aus einer ziemlich fernen Gegend;" lautete die ausweichende Antwort, „ich weilte selbst in Wüczducg, als die Handel gegen Euch dort ruchbar wurden; da fuhr mir der Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf, Euch davon in Kenntniß zu setzen und mich zur Hülfe anzubieren. Aber der kaiserliche Herold war schneller als ich. denn ich mußte mich ja auch unterwegs von den Umständen näher unterrichten. Ihr wißt, Herr Graf, wir Juden helfen nicht bloS mit goldener Münze, sondern auch mir goldenem Rarhe; man muß nur auf uns hören." Endlich sagte der Graf: „Kommt mit,, ich will auf daS Schloß zurück; ich werde sehen, wie es dort steht, und mich darnach entschließen. Vielleicht kann ich den Sturm noch beschwören, ohne Eure Hülfe anzumhmea, die sehr stark nach Knoblau^^ENd Zwiebeln riecht." Er 'S——