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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 44 (1861) · p. Seite 174

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
44 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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„Was wollt Ihr, Jude?" schrie er barsch den Jüngling an. Dieser streckte die Hand aus, der Barer verstand die Geberde, die Hände begegneten sich, und wahrend einige Heller in die Hand des Pförtners fielen, öffnete dessen andere die Pforte. „Au wem wollt Ihr?" ,Lum Junker von Kronenberg, derhier als Alumne wohnt.".— „Gehr dort in das Sprechzimmer hinein, es ist gerade Mora, ich will ihn Euch holen." Bald darauf erschien der Junker vor David Beit. Er war ungefähr Don demselben Alter. aber wie verschieden sein Aussehen, trotz dem schwermüthigen Zuge um seinen Mund war er stark, wohlgenährt, blühend, blond. Er maß mir erstaunten Blicken den ihn unbekannten jungen Menschen. „Wer Jeid Ihr und waS wollt Ihr von mir?" redete er Beit an, und der. Ton des Mißtrauens, dem der Jude damals überall begegnete, klang stark heraus. - „Ich werde Euch Beides sagen, edler Junker. Damit Ihr aber von vornherein Vertrauen zu mir fasset, denn ich komme um eines großen Zweckes willen zu Euch, lasser mich Euch beweisen, daß ich Eure traurige Geschichte kenne. Euer Oheim, der verstorbene Herr von .«ronenberg, wollte seine Herrschaft dem Grafen von Allenburg um 1000 Goldgulden verkaufen. Dieser aber konnte die Summe nickt schaffen, ubersiel Kronenberg in dunkler Nacht, daß Euer Okeim und Ihr kaum das Leben vermittelst eines unterirdischen Ganges retten konntet. Bei wem solltet Ihr Hülfe finden? Die Nachbarn nah und fern fürchteten den übermächtigen, gewaltthatigen Grafen; der Kaiser war weit in Jralia draußen'selbst in BeDrängniß und im Reiche, thak Jeder* wa» er konnte. Euer Oheim verschmachtete im Elend und Ihr mußtet froh sein, in das adelige Stift dcr Benedictinec ausgenommen zu werden." „Mensch, wer seid Ihr? und woher wißt Ihr dies?" „Ich will Euch das Räthsel mit einem Worte lösen. Ich bin der Sohn jenes Juden Abraham Veit, den der mörderische Graf von Altenburg zu Tode foltern ließ, als dieser »hm die 1000 Goldgulden nicht schaffen konnte, mit denen er Eure Herrschaft Eurem Oheim abkaufen wollte.. „Ja, ja, ich habe davon gehört, wie von einer Sage; ich erinnere mich dessen aus meiner Kindheit. . /' „Nun, ich komme. Euch zu einem Bündniß mit mir aufzufordrrn, um jenen verruchten Grafen, zu stürzen. Euch eine glanzende Laufbahn, mir eine glänzende Rache zu schaffen. . . „Ihr und ick? der arme Junker und der arme Jude? WaS vermögen die wohl mit einander i Ich, der bestimmt ist, eine Glatzc-:auf feinem Haupte und eine Kutte auf seinem Rücken zu tragen, und Ihr, c-ec bestimmtist, einen. Bündel auf sekde Schultern zu packen, groß oder klein..." „Herr, die Sache liegt doch anders. Der Junker freilich, wenner in Armuth geräth, sucht entweder einen Dienst bei seiner reichen Sippschaft oder bei einem höheren Herrn, und da sucht ibn das Glück oft wunderbar heim, oder, wenn ihm das nicht gelingt, gehr er in ein Kloster und lebt guter Dinge dafür, daß er des Tages über einige lateinische Geber« singe. Der Judensohn aber .muß verhungern, wenn er sich nicht rührt und regt, wenn er nicht allen Verstand darauf verwendet, sich hindurch zu winden, und seh<t, im Ringen.wächst, die Kraft, und er hat oft schon «in großes Ziel erreicht, wenn Andere noch des Dienstes i warten, der ihnen das Thor erst offnen soll, doch kommen j wir zur Sache. Schenkt mir Eure, Aufmerksamkeit." i „Ich bin ganz Obr, Veit, und harre der Wundcr-! dinge, die Ihr mit eröffnen wollt." | „Gur. Wisset, daß der Kaiser in acht Tagen gen Würzducg kommt. Dcs Kampfes in Jtalia müde und; von den willen Unruhen im Reiche bedroht, ist er endlich : zurückgekehrt, und hat Reichs- und Gerichtstag in den Städten des Südens und Westens gehalten, und nun - kommt ec gen Würzburg, um -da zu ragen, und Klage anzuhören von Männiglich und Streit zu schlichten." „Und was soll mir Deck" „Habt Ihr nicht mehr die Pergamente Eures Hauses?" i „Jawohl, es ist dies das Einzige, was mein Oheim in jener Schreckensnacht rettete, und zugleich das einzige j Vermachtniß meines Ohms an mich/' ,! „Nun, so tretet mir diesen vor den Kaiser, traget Eure Klage vor, erweiset sie durch Eure Pergamente; Zeugen des Unrechts, das Euch geschehen, können Euch nicht fehlen, denn Jedermann kennt die Thalfachen. Ader hierzu müsset Ihr würdig ausgecüste: sein. Wohlan, ich stelle Euch 200 Golbgulden zu Gebote, dafür staffict Euch junkerlich aus, nehmt auch einen Knappen an, dainir Ihr vor des! Kaisers Majestät erscheinen könnt. Und wenn Ihr Eure! Sache vor diesem geführt, so gehet zu seinem Kanzler und zum Geheimschreidcr und Oberka'mmerec und dringt ihnen stattliche Geschenke, 20 oder 30 Goldgulden an Werth, damit Eure Sache gefördert werde." „Ihr setzt mich in großes Erstaunen. . . Und was soll ich denn vom Kaiser fordern?" „Er solle den Grafen von Altenburg vorladen, und! wenn der binnen vierzehn Tage nicht käme und sich recht- 1 fertige, jo solle er in die Acht und Abecacht erklärt werden j und den Fürsten rznd Herren des Thüringschen Kreises , werde geboten, die Acht an dem Schuldigen auezufühcen, i dis von ihm und seinem stolzen Hause Nichts übrig wäre."; „Und glaubt Ihr wirtlich, daß dies so ausgeführt; werde?" i „Nun, junger Herr, wenn auch nicht gleich, doch nach! und nach. Die kaiserliche Acht ist ein Brandmal, das j erst oberflächlich, dann immer-tiefer und tiefer brennt, bis! es Sehne und Knochen und das Mark des Lebens verzehrt hat. -Der Graf wird von Allen gehasst und so bald man! ihn erst weniger fürchtet, wird man sich der kaiserlichen [ Acht bedienen, um sich seiner zu entledigen, um ihn end- . lich zu vernichten. Dazu werde ich das Meini^e ehrlich bei- | tragen, und die Verhältnisse sind günstiger, als man meint."! „Ich bewundere Euch; Ihr gebt ebenso weisen Rath,! wie Ihr mit großer Th.at-vorangehc; Ihr reißt mich hin; 1 ich fange an zu glauben. . „Ihr sollt noch weiter gehen, und handeln. Seher, ’ Junker so verbinden sich zuletzt Edelmann und Jude, und geben sich gegenseitig, was jeder von ihnen allein nicht | har. . . Würde ich vor den Kaiser treten und sagen, dieser i Graf hat einen unschuldigen Juden gefoltert, hat mir , Barer und Mutter gelödtet, mir Alles genommen, was ich; besaß, und mich hinaus gestoßen in Nacht und GrauS — ] der Kaiser würbe vielleicht mich mitleidig anschauen, aber ' sprechen: um eine« Juden willen kann ich einen Grafen i des römischen Reiches nicht richten.

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