Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 43 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4908862-5999360-6026447--2008-4910451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gnaden nicht üben. Ihr habt un« Euer Ehrenwort für stcl« sichere« Geleit gegeben." „Mein Ehrenwort? kannst Du Jude meine Ehre beschimpfen? oder dürfte ich Dir zu ehrlichem Kampfe gegenübertreten, um meine verletzte Ehre zu rachen i" ' . „Ihr habt un« Rechtsdciefe gegeben für ruhige« Wohnen und ungeschadigte Habe." „Recht hat nur, wer e« mit den Waffen in^der Hand vertheibigen kann; 'Papier ist Papier, mir einer Handdewegung zerrissen. Mein Grundsatz ist: Nutzen zu ziehen, woher ich e« kann. Sehr," und der Graf stieß ein Fenster auf, „seht da den uralten Kastaniendaum; er wurde gepflanzt, als-diese« schloß erbaut wurde; ich chabe al« Knabeparckrrer gespielt, und.mein Vater saß unter seinem Schatten am Abend vor seinem Lode. Aber zeigt, mir, daß e« mir Nutzen schafft, und morgen fällt er unter den Schlägen der Art. Bedenkt Euch daher wohl: Ihr müßt sofort Euch entschließen, oder — die Folter harret Eurer, di« Ihr meinen Willen thut." Abraham schlug die Hände krampfhaft zusammen; ersah e« diesem flammenden Gesicht« an, daß hier kein Erbarmen wäre. Er suchte nach einer List, um au« den Klauen de« Raubvogel« zu entkommen, aber vergeben«. Auch schien der Graf seine Gedanken zu erralhep, denn nach kurzer Zeit fügte er hinzu: „Martert Euer Gehirn nicht, einen Weg der Rettung au«zuklügeln; Ich würde Euch diese« Schloß nur in Begleitung von Bewaffneten zu verlassen gestatten, hie Euch binnen einer Stunde wieder;urückiiefern müßrerr." „Und fürchte^ Ihr Euch gar nicht vor dem strafenden, vergeltenden föottf" „Mil dem wfrde ich schon fertig; eine reiche Gabe an meine Kirche. und sie spricht mich lo« von aller Schuld, wenn eine solche überhaupt an einem ungläubigen Hunde geübt werden kann." „Nun, so fürchtet die Rache," rief der Jude au«, dem der Grimm in da« Antlitz zu steigen ansing. „ Die Rache stirbt nie, und wenn schon Gca« über allen Gräbern wächst, richstt sie sich auf im Winkel de« Friedhofes al« ein alte« Mütterchen, und schreitet vorwärts und wird groß und immer größer, di« sie zu einer stählemen Jungfrau geworden, deren bluttriefende« Schwert das letzte Glied de« verruchten Gefchlechte« niederhaut!" Der Graf sprang auf. ,^Oho, .Beit," rief er au«, „mit solchen Sprüchen besiegst Du mich nicht, die.Rache eine« tobten Juden fürchtet der Graf von Altenburg nicht. Ich gebe dir noch eine Viertelstunde Bedenkzeit, ist sie verflossen, so wird di» Kolter Dein Lager, von dem Du schwerlich wieder erstehst." In Abraham kämpfte e« gewaltig. Endlich warf er sich zu den Füßen de« Trafew und flehete um sein Erbarmen. Hundert Goldgulden wären da« Höchst«, wa« er zusammendrinqen könnte, und die wollte er gern um fein Leben und seine Freiheit hkngeben. Der Graf solle seine«, de« Juden, schwachen, kränklichen Weibe« und seine« einzigen, unerzogenen Knaben gedenken, und ihm Gnade gewähren. Dieser aber stjeß ihn rücksichtslos zurück, geriech in den höchsten Zorn, und verschwor sich, au-zuführen wa« er gesagt. Er pfiff auf einer silbernen Pfeife, die er an einer Kette um den Hal« trug, und alsbal» erschien John mit einigen Bewaffneten, welche sich Abraham Veit'« bemächtigten. „Bringt ihn in die Folterkammer," rief er ihnen zu, „da zeigt ihm die Werkzeuge, mit denen er gemartert werden soll. eine Dierrelstunb« lang, und wenn er sich dann nicht entschließt, die 1000 Goldguldea zu liefern, so gebt ihm die drei Stufen der Folter, zwischen jeder eine halbe wartend, ob sein frecher Geist sich oemütkigt." Sie schlepptenden unglücklichen Mann fort; ihre Schritte verhallten in den weiten Eorriberen des Schlosse«. Der Graf wischte den Schweiß von der Stirn, er wollte trinken, aber der Wein mundete ihm nicht, er stellte die Kanne unmuthig auf den Tisch und ging mir-großen Schritten durch das Gemach. Die Schatten der Nacht harten sich weiter ausgedehnr, ein Diener brachte Licht herein. bald ging auch der Mond friedlich am Himmel auf und goß seine Strahlen durch die Fenster. Der Graf wartete von Viertelstunde zu Viertelstunde, daß eine Botschaft käme, die ihn von Abraham Veit'« Nachgiebigkeit benachrichtige — aber e« kam keine, und die Mitternacht kam, und mit dem Fuße stampfend und mit den Zähnen knirschend, suchte der Graf endlich sein Lager. — — Nicht weit vom Eingänge de« Dorfe« stand ein einfache« , kleines, aber wphlerbaltene« Hau«., Man sah ihm die Reinlichkeit schon von fern an, denn auch die nächsten Umgebungen desselben waren gesäubert, und keine Spur von dem Dünger und Schmutz, die von den Häusern de« Dorfe« unzertrennlich schienen. Schon rötheten sich die Morgenwolken im Osten, und graue Dämmerung erfüllte das Thal. Ein blasse« Weib trat von Zeit zu Zeit vor die Thür de« Haufe«, ging eine kleine Strecke den Weg nach dem Schlosse hinauf, lugte scharf au« und kehrte dann seufzend und händeringend nach dem Hause zurück. Jetzt rief au« diesem eine h;lle Knabenstimme: „Mutter, Mutter, wo bist Du i" Da« Weib trat in da« Hau« zurück und ging in die kleine Schlafkammer neben der Wohnstube. Da war ihr zwölfjähriger Knabe au« dem Bette gesprungen, ein wohlgebilbeter, feiner, aber bleicher Bube, der ihr entqeqenri'ef: „Mutter, wa« hast Du? Ist der Vater nicht heim^ekehrt?" — „Nein!" antwortete die Mutter, und in diesem Nein brückte sich die ganze Angst ihre« Herren« au«. „Gott schütze ihn und uns Alle! Ich weiß nicht, wa« ich davon denken soll." „Ader, Mutter, der Vater war doch schon oft die' Nacht fort; der Herr Graf hat ihm eine Botschaft aufgetragen, die er schnell ausnchten mußte, sei doch nur ruhig, wie Du zu mir immer sagst, werz-i ich ungeduldig bin." „O, möchtest Du Recht haben, mein David! Aber die Angst läßt mich nicht ruhen; sie trieb mich die ganze Nacht hin und her, e« muß Etwa« pafsirt sein, etwa« Schreckliche« . . . Die Luft ist so schwül . . . Der Athem ist mir benommen . Da« Herz schlägt mir zur Brust hinaus ..." In diesem Augenblicke hörte man von Weitem den klirrender» Schritt von Bewaffneten zu Fuß, e« mußten ihrer eine Menge sein. Sie kamen näher. Da« Weid schauet« furchffam durch bas geschlossene Fenster. „Es .sind Schloßleute," sprach sie leis« zu dem Knaben,' der sich unterdeß gewaschen und angekleidet hatte, „sie tragen