Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 41 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 hkr eintreffen, den Rabbi mit Geschenken, tfnc genannt, überhäufen, ist nur zu wahr, und wenn der Rebbe diese Gaben ohne Lachen annimmt, so folgt er der niL seiner Orden-geistlichen, die diese weife Lehre als Testament hinterließen. Da der Rebbe noch in der Synagoge weilte, obwohl 10 Ubc Vormittag- und an einem Wochentage, so mußten wir im Vorzimmer stundenlang warten. Rebbe Herfchle ist ein kleines hageres Männlein in einfacher polnischer Tracht, noch nicht in das weiße Hemd der Rebbegehüllt, den bleichen Mund umgirbt ein freundlich,- Lächeln und die großen geistreichenAugen schauen nach allen Seiten und Enden als wollten sie plötzlich die Geheimnisse der Sterblichen erspähet». Im Zimmer angelangt gab er uns «in freundliches Scholem Alechem, begab sich sodann in sein Kämmerlein und verweilte einige Augenblicke allein (oder um in der Sprache der Chasfidim zu reden mit den Erst nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, wurden wir eingelassen und unsere Wünsche gehört. i (>cm'eß*nfl tolql. > Die älteste Fabelt) Sie lvracken ,um Oelbairm: Regier' über »nS! Da sagte per Oelbaum: Soll ick lasten meine Fettigkeit, Mit der man ebrer durck mich Gott und Menschen, Und geben mick zu wiegen über den Laumen? Und sprachen die Läume ^am Weinsteck: Regier' über un«! Da kagte der Weinstock: Soll ick lasten meinen Most, Der Gctt und Menschen erfreu«. Und gehen mich zu wiegen über den Bäumen'? Und sprachen alle Läume zum Stechdorn: Regiere Duüber unSl Dasagte der Stccktcrn zu den Bäumen: so ihr mich 'albet in Wahrheit zum Könige über euch, Kommet uud berget euch iu meiuem Sckatten — Wo aber nickt: Feuer geht aus von dem Sleckborn, und frißt tech Libanon s Erdern! Eine tiefe Lebensweisheit, eine ernste Erfahrung, wie die Dinge;u zehen pflegen in der Menschenwelt, ist in dieser ältesten Fadel ausgesprochen, die sich auch vollständig bewährte, da späler Schechem vom Abimelech verbrannt wurde. Wir brauchen hier nicht an die wirkliche Herrschaft, an das Regieren zu denken, sondern-lediglich, was in der Menscheawelk die Obmacht gewinnt, waS in großen und kleinen Dingen die Entscheidung herbeiführt und ihre Frucht sich aneignet. Und da lehrt uns die Fabel Zwiefaches: Als die Einwobner von Schechem den brudermörderischen Abimelech zuin König falben wollten, trat Jotham, der einzige seiner Brüder, der seinem Schwerte entronnen, auf den Gipfel deS Berges Gerisfim, und erhob seine Stimme, und rief jenen zu: Höret auf mick, ibr Herren Schechem's: 5c wird Gen auf euch beten. Einst gingen rie Bäume. Zu 'alben über sich einen König. Und sprachen tieBäume zum Feigenbaum: Regier' über uvS! Ta sagte per Feigenbaum: soll ich lasten meine Süßigkeit, meinen guten Ertrag, Unk geben mich zu wiegen über den Bäumen?' *- Richter S>, 7—15. 1) nicht das Verdienst gewinnt die ihm gebührende Krone; 2) gerade das Niedrige, an sich Unbedeutende, Nichtige reget den Streit und Krieg an in der Meafchenwelt, durch den alles Gedeihliche und Herrliche zu Gmnde geht. Unsere Fabel ist mir großer Ironie vorgetragen, und will, um richtig verstanden zu werden, eigentlich umgedreht werden. .Der Stechdorn ist König der Bäume geworden, warum »sicht herOelbaum, dessen Fettigkeit, der Feigenbaum, dessen.süße und Fülle, der Weinstock, dessen Most ihn der höchsten Stelle würdig macht i Dies will eigentlich die Fabel zum Vorwurf machen und auSrufen: sehet, wie die Menschen gerade da- Unwürdigste nach oben bringen! — Es ist fetten in der Menschheit, daß die große, wenn auch stille Arbeit belohnet wird. WaS sich geräuschvoll ankünbigt, undwar es noch so leer, was sich durch die Formen zu empfehlen versteht, und wäc' eS noch so hohl: das erhält den Preis. Sehet die Geschichte der Erfindungen durch, wie viele derer, die der Menschheit unendlichen Nutzen gebracht, haben einen Lohn davon getragen § Nur selten eine Ausnahme. Nicht blos Sokrates hat den Schierling getrunken, auch Galiläi ist im Gefangniß, Kepler vor Hungv, Lavoisier auf dem Schaffotr, Gu t t ende rg und Beethoven in dedrängtesten Verhältnissen gestorben. Von jeher haben die Menschen, was ihnen eine Stunde Vergnügen machr, und sei es die größte Thorheil, mir Lob und Lohn überschüttet, während was ihnen Jahrhunderte nützt, erst spar zu emer gewissen Anerkennung gelangt. Und wie i ist der Nachruhm wirklich ein so großes Gur. befriedigt und entzückt die Aussicht auf diesen — die doch so ungewiß und trübe' ist — den verdienstvollen Mann so sehr, daß er darin den vollen Ersatz für sein Ringen und Kämpfen, für Schmerz und Bedrängnis dst seine wenigen Tage vergiften und seine Kräfte oft so sehr schwachen, findet Mensch bleibt Mensch, weiset ihn nicht allein auf solche Scharren an, sondem lasset ihm auch die goldenen Strahlen des Lichts zukommen. — Und dann soll es bas Selbstbewußtsein thun, dieses soll der Lohn, der Frieden des wahren Verdienstes sein. Es ist ein Jammer, wie viel die Menschen sich mir Worten entschuldigen, umgeben, verstellen! Befriedigung, die im Selbstbewußrfein liegt, kottimt nur in einzelnen, in felmen Augenblicken. Das wahre Verdienst vertrauet sich nicht, es. ist zu bescheiden, es irrt sich über sich selbst zu leicht, als daß es eine so leichte, zugängliche Sache wäre, das Selbstdewußtfein. Nur dann, wenn sich dawahre Verdienst angegriffen, verfolgt, wenn es die Resultate, den Inhalt seiner Arbeiten in Gefahr sieht, holt es daS Bewußtsein als einen Schild und eine Wehr hervor, und wird stark und geschützt dadurch. Sonst aber — der verdienstvolle Mann trägt ein Ideal dessen, was ec leisten wollte und Möchte, »n sich, er weiß, daß er dies nicht «reicht: so zittert er vielmehr über den Wecrh dessen, was ec vollbracht hat, als daß er stolz darauf sei, und sich stütze darauf. Das wahre Verdienst ist bescheiden. Was aber unsre Fabel am stärksten, in seiner Spitze, hervorhedt, ist das zweite: das Nichtige, Unbedeutende, Niedrige drängt sich hervor, und enrzündet den Streit und Krieg, durch den alles Gedeihliche und Herrliche zu Gmnde geht. Der Srechdora ist Köllig der. Bäume geworden! der Stechdorn mft diese auf, sich in seinen Schatten